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Auf Hausse programmiert

Hans-Martin Barthold
Während die Absolventen mancher anderer Fächer um einen Arbeitsplatz bei Unternehmen Schlange stehen, zwingen frisch diplomierte Informatiker die Personalchefs zum gefürchteten Rollentausch: Nur wer mit attraktiven Angeboten aufwarten kann, hat Chancen auf ihren Zuschlag.
Ordnung ins Chaos der Informationsgesellschaft zu bringen, ist ihr Job, die höhere Mathematik ihr wichtigstes Handwerkszeug. Der Marktwert von Informatikern bemisst sich deshalb vor allem nach ihren Kenntnissen gängiger Betriebssysteme und Programmiersprachen: Cobol, C++ oder Java, für die technische Anwendung auch Fortran und Pascal, für den Multimediasektor HTML, Adobe Photoshop, Macromedia Director sowie Java Script.

Und während die Absolventen mancher anderer Fächer um einen Arbeitsplatz bei Unternehmen Schlange stehen, zwingen frisch diplomierte Informatiker die Personalchefs zum gefürchteten Rollentausch: Nur wer mit attraktiven Angeboten aufwarten kann, hat Chancen auf ihren Zuschlag. Trotz markiger Sprüche müssen bei dieser Auktion auch renommierte Häuser oft Kompromisse schließen. Der Markt ist leergefegt und lässt ihnen keine andere Wahl.

Die besten Jobs von allen


Die Angst, dieser Hausse könne schon bald eine Baisse mit tiefen Bremsspuren folgen, scheint unbegründet. Das Wachstum in der Informationstechnologie- (IT) und der Telekommunikationsbranche (TK), die Gründerwelle und der technische Fortschritt bewirken zusammen einen anhaltenden Bedarf an Informatikern. Norbert Eder von der ?Initiative D21?, einem Verein, in dem sich 275 Wirtschaftsunternehmen für den Wandel zur Informationsgesellschaft einsetzen, befürchtet trotz des jüngsten Waterloo der New Economy sogar eine Vergrößerung der Personallücke: ?Die Giganten der Old Economy haben in den letzten Monaten Investitionsentscheidungen getroffen, die den Bedarf nach Informatikern zusätzlich anheizen werden.?

Auch Werner Dostal vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht für die Nachfrage nach Informatikern weit und breit keine Sättigungstendenzen. Im Gegenteil: ?Was die Juristen in der Industriegesellschaft waren, werden die Informatiker in der Informationsgesellschaft sein.? Besonders nachgefragt, aber schon jetzt kaum zu bekommen sind Netzwerkspezialisten.

Überraschendes Paradoxon: So sehr die Informationstechnologie Wegbereiter und gleichsam Synonym für die Globalisierung der Wirtschaft ist, entpuppt sie sich personalmäßig als ein Sektor mit deutlich regionalem Fokus: Den zahlenmäßig größten Bedarf haben nämlich keineswegs die großen Namen der IT-Branche, sondern die vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Drei von vier Greencardlern arbeiten hier.

Im Gegensatz zu den wenigen Großen der Branche fehlt dem Mittelstand die Möglichkeit, personalintensive Programmier-Aufträge nach Indien, Malaysia, Singapur, Ost- und Südosteuropa zu vergeben. Außerdem sitzen die Kunden der mittelständischen IT-Dienstleister gleich um die Ecke, und für den ?nicht selten komplizierten Transfer einer Dienstleistung zum Kunden brauchen sie Fachkräfte vor Ort?, versichert Jörg Haas, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik in St. Augustin.

Freilich hat das Arbeitsmarktparadies der schönen neuen IT-Welt seinen Preis. Ob er die nötige Währung besitzt, sollte jeder Studienanfänger deshalb sorgsam prüfen. Die Zahlscheine heißen Mathematik, logisch-schlussfolgerndes Denken, Abstraktionsvermögen, eiserne Selbstdisziplin, Leistungsbereitschaft und Wille zur lebenslangen Fortbildung. Denn die Wissenshalbwertzeit erreicht in der Informatik gerade noch zwei Jahre.

Die Grundstruktur des Studiums an Universitäten und Fachhochschulen folgt einheitlichen Mustern, unterscheidet sich lediglich in der Intensität der Anwendungsorientierung. Die Themenblöcke neben der Mathematik sind Informatik, Physikalisch-Technische Grundlagen, Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften, dazu ein Anwendungsfach.

Entgegen allgemeinen Vorurteilen sitzen Informatiker höchstens die Hälfte ihrer oft langen Arbeitszeit am Rechner. Analyse, Entwurf, Test, Systempflege und Projektorganisation zwingen zu ständiger Abstimmung mit Kollegen und Anwendern. Der introvertierte Tüftler hat schon lange ausgespielt.

Das Niveau der Informatikerausbildung an deutschen Hochschulen ist wider allen Unkenrufen gut, auch wenn es durchaus noch zu verbessern wäre. Jörg Kipping von Intec, einem Ingenieurbüro in Poing bei München, ist jedenfalls mit den Newcomern weithin zufrieden. Ähnlich urteilt Cornelia Kothen von AOL Deutschland.

Der amtierende Vorsitzende des Fakultätentages Informatik, der Rostocker Professor Karl Hantzschmann, findet, vor allem außerfachliche Kompetenz müsse im Studium zusätzlich trainiert werden. Und es sollte mehr Praxisphasen und Studienprojekte geben.

Natürlich ist die Qualität der einzelnen Hochschulen unterschiedlich, und verständlich sind auch die Versuche der Unternehmen, Einarbeitungskosten zu sparen. ?Aber auch in Zukunft brauchen Informatiker als wichtigstes Rüstzeug Kenntnisse von den Grundprinzipien einer Programmiersprache?, sagt Jörg Haas. ?Nur dann bleiben sie flexibel und breit einsetzbar.?

Tatsächlich sind Fachkräfte mit einer zu eng oder unternehmensspezifisch angelegten Anwendungsorientierung überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen. Den eher ?handwerklich? orientierten Studenten bietet eine immer größere Zahl von gestuften Studienmodellen (Bachelor/Master) sicher die besseren Alternativen.

Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001