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Auf die Plätze, fertig, Boss

Liane Borghardt, Anne Koschik und Martin Roos
Eine neue Generation von Managern geht ans Ruder: Sie sind jung, erfolgshungrig und möchten natürlich alles besser machen als die Alten. Wie die "Jungen" an die Macht gekommen sind, hat karriere zwölf Vorstände und Geschäftsführer gefragt. Einer wurde Chef, weil er rechnen konnte, einer, weil Beate Uhse ihn mochte, und ein anderer, weil die Schwiegermutter des Kollegen krank wurde. Testen Sie bei uns Ihre Führungsqualifikationen und lesen Sie alles Wissenswerte rund ums Thema "Chef".

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Das sagen die
Entscheider
Der Pfiff des Schiedsrichters gellt schrill über den Platz: Strafstoß. Dieses Tor kann die Entscheidung bringen. "Pinger, du!", befiehlt der Trainer. "War klar", denkt sich Harald Pinger, Bundesliga-Spieler im Feldhockey. So einen Siebenmeter macht der Strafstoßspezialist sonst mit links. Aber heute fühlt er sich schlecht, hat fünf Minuten zuvor den Trainer um Auswechslung gebeten - vergebens: "Wenn du rausgehst, werde ich keinen für dich einwechseln." Das macht wütend. Also drischt er den Ball drauflos.
"Ich musste hart arbeiten, Leistung bringen und wurde schnell mit dem Wettbewerbsgedanken vertraut", sagt Pinger, der ehemalige Hockeymeister, heute. Der 46-Jährige ist Finanzvorstand von KarstadtQuelle: "Ich habe gelernt zu verlieren - aber vor allem, dass gewinnen viel mehr Spaß macht."

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Wer hoch hinaus möchte, hat den Willen zur Macht oft schon in der Jugend gehabt. Ob der Sprung in die Chefetage später tatsächlich gelingt, hat einer aktuellen Studie der Wirtschaftsuniversität Wien zufolge jedoch erst mal nichts mit schnellem Studium und guten Noten zu tun. "Es ist erwiesen, dass die ersten fünf bis zehn Berufsjahre nach dem Abschluss entscheiden", sagt Forschungsprojektleiter Wolfgang Mayrhofer. In dieser Zeit werden die Weichen gestellt für künftige Vorstandskarrieren. Was beim Aufstieg hilft, sind neben fachlicher Qualifikation das passende Unternehmen, Risikobereitschaft, Mentoren, Netzwerke und natürlich das Quäntchen Glück

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Generationswechsel

Die Zeit zum Durchstarten scheint für die junge Chefgeneration günstiger denn je. Allerorten räumen alte Vorstände die Plätze, eine neue Mannschaft von Führungskräften tritt an. "Vor zehn, 15 Jahren hatten wir eine große Ablösewelle, im Moment rollt die nächste", sagt Soziologie-Professor Michael Hartmann von der TU-Darmstadt, der sich mit den Karrierewegen von Topmanagern beschäftigt. Über die Hälfte der deutschen Vorstände ist über 50 Jahre alt.

Und die Bereitschaft, die Türen auch für die junge Generation zu öffnen, ist da: Adecco-Finanzchef Dominik de Daniel, 30, wurde mit 26 Jahren jüngster Finanzvorstand in Deutschland beim Personaldienstleister DIS; Alan Hippe hat mit 35 Jahren den Posten für Finanzen und Recht beim Autozulieferer Continental übernommen; Stefan Groß-Selbeck kam mit 37 Jahren auf den Chefsessel von Ebay Deutschland; Jürgen Gallmann wurde mit 40 Vorsitzender der Geschäftsführung Microsoft Deutschland; genauso alt war Utz Claassen, als er den Vorstandsvorsitz bei EnBW übernahm

Selbst deutsche Giganten wie VW (Wolfgang Bernhard), Telekom (Kai-Uwe Ricke, René Obermann) und Siemens sind dabei, ihre Vorstandsetagen zu verjüngen. Einen umfassenden Wechsel an der Spitze hat der 48-jährige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld vollzogen. Beispiel Finanzen: Neuer Vorstand ist jetzt der gleichaltrige Joe Kaeser. Auch bei den Banken übernimmt eine neue Generation Spitzenpositionen: jung, ergebnisorientiert, delegierfreudig - Leute wie Achim Kassow, 39, Commerzbank, Klaus Rosenfeld, 39, Dresdner Bank, oder Peter Ziehringer, 38, DaimlerChrysler Bank

Der Fünfjahresplan

Maßgeblich für erfolgreiche Karrieren sind die ersten Berufsjahre nach dem Abschluss. Den Wiener Wirtschaftsforschern zufolge entscheidet diese Phase über Hopp oder Top des späteren Werdegangs - wobei just jene Faktoren den Ausschlag geben, die schon gute Noten und einen schnellen Studienabschluss ermöglichen: "Arbeitsstil, Ethos, Durchhaltevermögen und der richtige Zugang zu Problemen haben ihren Effekt auch in den ersten Berufsjahren", sagt Forscher Mayrhofer.

EnBW-Chef Claassen startete seine Laufbahn bei der Unternehmensberatung McKinsey, schrieb nebenbei an seiner Doktorarbeit und übernahm fortan nur noch Führungspositionen. Christine Bortenlänger stand vier Jahre nach ihrer Promotion an der Spitze der Bayerischen Börse. Thomas Duhnkrack, Mitglied im Vorstand der DZ-Bank in Frankfurt, sagt heute rückblickend: "Meine ersten fünf Berufsjahre sind das Ergebnis einer gezielten und vom Arbeitgeber aktiv unterstützten Entwicklungsplanung.

Dass sich in den ersten Jahren entscheidet, wer es bis ganz nach oben schafft, belegen die Lebensläufe heutiger Vorstände vielfach. Doch nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, genügt nicht. Man muss auch "hart arbeiten wollen, zuhören, mit den Menschen reden können und Verantwortung als Chance und nicht als Belastung empfinden", sagt Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP. Der Einsatz lohnt, wie die Uni Wien feststellt: Gewissenhafte Menschen sind produktiver, verdienen mehr, werden häufiger befördert und besser beurteilt.

Wille zur Macht

Doch erst die Lust am Führen und das Streben nach Macht kommen als "entscheidende Persönlichkeitsmerkmale" hinzu, haben die Wiener Forscher herausgefunden. KarstadtQuelle-Vorstand Pinger brachten seine Hockeyerfahrungen dazu, die eigenen Ansprüche so hoch zu schrauben, "dass ich mir nichts mehr sagen lassen musste". Auch bei Torsten Ahlers, Mitglied der Geschäftsleitung beim Internet-Dienstleister AOL, hat sich der Führungswille früh gezeigt: Sein Amt als stellvertretender Schülersprecher sieht er heute als gute Vorbereitung auf sein Berufsleben. In Lebensläufen von Bewerbern achtet Ahlers darauf, ob "sie bis zum Abitur schon Führungserfahrung hatten. Solche Leute haben eine natürliche Führungskraftausstrahlung." Da wäre Christine Bortenlänger für Ahlers die Richtige gewesen. Mit 33 Jahren wurde sie Vorstand der Bayerischen Börse für Kundenbetreuung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit und damit der jüngste - und erste weibliche - Vorstand einer deutschen Börse. "Ich habe immer gerne Verantwortung übernommen, als Jugendtrainerin für Basketball zum Beispiel oder als Klassensprecherin", sagt die promovierte Kauffrau. Auch für Beate-Uhse-Chef Otto Christian Lindemann war schon früh klar: "Bis zu meinem 40. Lebensjahr wollte ich eine Geschäftsführer- oder Vorstandsposition erreicht haben."

Sprungbrett Controlling

Auffällig ist, wie viele der jungen Vorstände, darunter de Daniel, Hippe oder Pinger, im Finanzressort landen. "Controlling und Finanzen sind die Funktionsbereiche, wo Sie die lupenreinste Karriere machen können, weil der Einfluss äußerer Unwägbarkeiten am geringsten ist. Einfach, indem Sie das, was Sie tun, sehr gut machen. Von hier aus haben Sie bei überragender Leistung gute Chancen, es bis in den Vorstand zu schaffen", erklärt Florian Schilling, Partner von Board Consultants, die auf die Suche von Aufsichtsräten und Managern für die erste Führungsebene spezialisiert sind.

Ein weiterer Bonus, den das Controlling bietet: Soziales Geschick spielt hier eine geringere Rolle als in anderen Bereichen. Matthias Schmidt, 35, Geschäftsführer Finanzen und Verwaltung bei Hewlett-Packard in Böblingen, hatte schon als HP-Werkstudent im Rechnungswesen vor allem mit Zahlen zu tun.

"Über sehr gute Kenntnisse in internationaler Rechnungslegung und Corporate Governance muss ein Finanzvorstand heute verfügen", ist auch Roland Sackers, gelernter Wirtschaftsprüfer und heute Finanzvorstand der Qiagen in Hilden, überzeugt. In Zeiten von Renditedruck und Kostensenkung sind die Rechenkünstler besonders gefragt

Ein betriebswirtschaftliches Studium ist ohnehin eine gute Basis, um es an die Spitze eines Konzerns zu schaffen. Ökonomen bilden heute mit 38,8 Prozent die größte Gruppe der Topmanager. Laut Vorstandsforscher Hartmann haben sich Ingenieure und Naturwissenschaftler im vergangenen Jahrzehnt ebenfalls feste Plätze in den Vorstandsetagen gesichert: Sie stellen inzwischen 34,1 Prozent der Firmenchefs. Gleich doppelt ausgebildet wirkt noch besser: Markus Schmid, 40, Marketing-&-Sales-Chef im Premiere-Vorstand, studierte erst Maschinenbau, dann BWL. Unter dem Siegeszug dieser Fächer leiden andere: Die Zahl der Juristen in den Chefbüros ist von 32 auf 10,6 Prozent gesunken. "Galten früher die Juristen als Allzweckwaffe, sind es heute die BWLer", erklärt Soziologe Hartmann: "Sie haben das Image erworben, dass in erster Linie sie für Wirtschaft zuständig sind.

Liebe beflügelt

Wirtschaftswissen allein aber macht noch keinen Vorstand. "Ohne extreme Leidenschaft für die Branche, in der man arbeitet, geht es nicht", glaubt AOL-Mann Ahlers. "Und mit Medien kann ich mich identifizieren." Nach Banklehre und BWL-Studium stieg er als Trainee beim Springer-Verlag ein. Stimmt das Bauchgefühl nicht, kann man nur noch die Koffer packen, sagt MLP-Chef Schroeder-Wildberg: "Ich kenne viele, die bei Unternehmen mit einem Top-Image begonnen haben, nur weil sie davon so beeindruckt waren." Die meisten seien nach kurzer Zeit ernüchtert wieder gegangen, weil äußere Wahrnehmung und Realität auseinander klafften

Wie in der Liebe so im Beruf - zwei müssen zueinander finden: "Als ich mich für meine Promotion mit dem Internet und elektronischen Medien beschäftigte, stellte ich mir die Frage, ob nicht gerade die Börse ideal für einen elektronischen Markt geeignet wäre", sagt Börsen-Chefin Bortenlänger. Der Boden für die Karriere war bereitet: Bortenlänger bereiste die halbe Welt, führte Gespräche mit den Börsengeschäftsführungen in Städten wie Toronto, New York, Chicago, Washington, Zürich, London, Frankfurt, Hamburg und München.
Wer zufrieden ist, der bleibt. Noch immer sind die Hälfte der deutschen Vorstandsvorsitzenden "Eigengewächse". Zwar habe die Bindung an ein Unternehmen im Zuge der Internationalisierung abgenommen, hat Soziologe Hartmann beobachtet. Doch neben den klassischen "Kaminkarrieren" ist es nach wie vor am leichtesten, innerhalb ein und derselben Branche aufzusteigen. Das gilt vor allem für Banker und Auto-Manager.

Bewährungsprobe Ausland

Internationale Erfahrung ist nichts Besonderes mehr. Sie wird in fast allen Branchen für Führungspositionen längst vorausgesetzt. "Was jeder hat, kann keinen auszeichnen", heißt es in Vorstandskreisen. Ein Auslandseinsatz als Karriere-Joker gilt nur noch etwas, wenn dort auch besondere Leistungen vollbracht werden

Siemens-Boss Kleinfeld verantwortete rund zwei Jahre das US-Geschäft des Elektronikkonzerns, unter seiner Leitung gelang es, die Ertragslage in Amerika erheblich zu verbessern. EnBW-Chef Claassen bekleidete leitende Positionen bei Ford Europa und Seat in Barcelona. Für DZ-Bank-Vorstand Duhnkrack war die Leitung der Filiale in Osaka "ein Meilenstein" in seiner Karriere. Adidas-Vorstand Glenn Bennett sondierte als erster amerikanischer Expat in Asien den Markt für Reebok, baute eine Entwicklungs- und Kalkulationsabteilung auf, um das Wachstum der Marke voranzutreiben: "Bei jeder Chance, die ich hatte, fühlte ich, dass ich nichts verlieren, aber alles gewinnen konnte", resümiert Bennett

Mut zum Risiko

Diese Courage zeichnet die meisten Vorstände aus: Anpacken, aufs Ganze gehen und durch. "Wenn Sie auffallen wollen, müssen Sie Sachen übernehmen, die sich der Rest nicht traut", sagt Hartmann. "Wer ganz nach oben will, guckt nicht, was andere machen, sondern setzt eigene Maßstäbe." Als Matthias Schmidt gefragt wurde, ob er Leiter des europäischen Rechnungswesens von HP werden wollte, war das eine echte Herausforderung. "Da muss man einfach ja sagen. Ohne Mut geht es nicht", sagt Schmidt. Knapp drei Jahre später wurde er bei Hewlett-Packard Deutschland "Head of Finance", steuerte 120 Mitarbeiter und fünf Milliarden Euro Umsatz - mit 33 Jahren

Leistung spricht sich herum. "Ich habe mich auf keinen meiner Jobs selbst beworben", erzählt Alan Hippe. Der Continental-Vorstand arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Mannheim, als einer seiner ehemaligen Studenten ihn beim Mittelständler Aveco als Leiter fürs Controlling empfahl. Binnen drei Jahren brachte Hippe das angeschlagene Unternehmen mit auf Erfolgskurs - das schlug Wellen im Rhein-Main-Gebiet, ein Angebot vom Flughafenbetreiber Fraport folgte, dann klopfte Conti an

Zwei Helfer: Mentor und Glück

"Ich hatte wirklich gute Chefs, die mir die Chance gegeben haben, mich zu beweisen", sagt Pinger von KarstadtQuelle. Und mit guten Chefs meint er solche, "die keine Angst davor hatten, mit guten Leuten umzugehen". Dass Roland Sackers heute Finanzvorstand ist, glaubt er ebenfalls seinem Vorgänger zu verdanken: Peer Schatz, inzwischen Vorstandsvorsitzender von Qiagen. "Er nahm mich schon früher oft mit zu Meetings und hat mich somit fast unbemerkt auf meinen heutigen Job vorbereitet", erinnert sich Sackers. Auch zwischen Beate-Uhse-Chef Lindemann und Firmengründerin Beate Rotermund "stimmte die Chemie". Sympathie zieht immer. "Machen wir uns nichts vor: Letztlich spielt die persönliche Passform eine entscheidende Rolle", sagt Florian Schilling aus der Erfahrung seiner Vermittlerpraxis. Premiere-Finanzchef Schmid fing als Berater der TransConnect Consulting Group München an und traf bei einem Projekt auf seinen Förderer, Premiere-Chef Georg Kofler. Eigentlich gehörten Medien nicht zu Schmids Aufgabenbereich bei TransConnect. Dass er dennoch das Projekt übernahm, lag daran, dass ein Kollege zur kranken Schwiegermutter musste und Schmid für ihn einsprang. "Es sind die Mentoren", sagt Schmid, "die dein Potenzial erkennen, dich herausfordern und zu Leistungen anspornen.

Mentoren sind es auch, die abrupte Jobwechsel nicht als Manko interpretieren, sondern als Berufserfahrung wertschätzen: VW-Vorstand Bernhard verließ DaimlerChrysler, weil ihm die Unternehmensstrategie missfiel. Beate-Uhse-Chef Lindemann stieg bei der Reederei Leonhardt aus, weil er nicht Partner wurde. Andere Wege gehen, Neues wagen, verlieren und wieder aufstehen - das zeichnet die Bosse aus.

So auch Harald Pinger. Er knallte den entscheidenden Siebenmeter beim Hockey gegen den Pfosten. Egal, Deutscher Meister mit dem RTHC Leverkusen wurde er später trotzdem

Foto: Pixelquelle.de
Dieser Artikel ist erschienen am 08.08.2006