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Auf die Jobs, fertig, los!

Kirstin von Elm
Regina Halmich ist die erfolgreichste Boxerin aller Zeiten. Seit über zehn Jahren hält die Karlsruherin den Weltmeistertitel im Fliegengewicht, gerade hat sie ihn erneut erfolgreich verteidigt. Kampfgeist, Siegeswille, Durchhaltevermögen, Teamgeist - was Spitzensportler auszeichnet, bringt uns auch im Beruf weiter.
"Kampfgeist antrainieren."
Regina Halmich ist die erfolgreichste Boxerin aller Zeiten. Seit über zehn Jahren hält die Karlsruherin den Weltmeistertitel im Fliegengewicht, gerade hat sie ihn erneut erfolgreich verteidigt. Ihre Bilanz: 50 Siege, ein Unentschieden, eine Niederlage. Je schwerer der Kampf, desto besser, findet die 29-Jährige. Toll, wenn wir so viel Kampfgeist im Beruf zeigen könnten: mit einer eleganten Attacke die Kollegin, die sich im Meeting mal wieder selbst inszeniert, auf die Matte schicken.

Oder im Bewerbungsverfahren der Konkurrenz einen K.-o.-Hieb verpassen. Doch viele haben Probleme mit dem Frontalangriff. Vor allem Frauen sind gehemmt, weil sie niemanden bloßstellen wollen oder übertriebenen Respekt vor Älteren oder Höherrangigen zeigen. "Mädchen lernen immer noch, diplomatisch und ausgleichend zu sein", bestätigt Regina Halmich. Das seien zwar sicher Tugenden, doch dürften sie einem gesunden Selbstbewusstsein nicht im Weg stehen. Gerade weil sie ihre Gegner respektiere, empfinde sie kein Mitleid: "Im Ring stehen sich zwei Profis gegenüber, die genau wissen, worum es geht. Und das bedeutet nun mal: sie oder ich." Fazit: Wenn es das nächste Mal beruflich um die Wurst geht, dann sehen Sie's am besten genauso sportlich

Die besten Jobs von allen


"Wenn du gewinnen willst, musst Du Dich quälen."
Anstrengen, anstrengen, anstrengen - Examen bestanden, Bewerbungskampf überlebt und im Job endloser Erfolgsdruck. Manchmal erscheint das Berufsleben wie der härteste Triathlon der Welt. Wie hält man das bloß durch? "Der Wille, der Beste zu sein, ist mein Hauptmotiv", meint der deutsche Triathlet Faris al-Sultan. 2005 gewann der Student aus München zum ersten Mal den Königstitel seiner Disziplin, den Ironman auf Hawaii. Triathlon ist ein Sport, in dem es weder Mannschaften noch Gewichtsklassen gibt, das Material spielt eine untergeordnete Rolle. "Der Beste ist eben schlicht der Beste", sagt Al-Sultan. Das sporne ihn an, im Rennen bis zu acht Stunden lang "an der roten Linie", der Belastungsgrenze, zu bleiben.

Klar, eine gewisse Portion Masochismus sei schon dabei, räumt der 28-Jährige ein, doch sich selbst zu überwinden, bereite auch Freude und Genuss. Geld, Bewunderung, sogar bessere Chancen bei den Frauen - solche Goodies, gesteht Faris Al-Sultan augenzwinkernd, helfen ihm, sich zu motivieren. Im Wettkampf treibt ihn nur ein Gedanke an: dass die Niederlage beim zweiten Platz beginnt. Al-Sultan: "Wer weiß schon, wer der zweite Mann auf dem Mond war?" So ist es auch im Job: Allein der Wunsch nach einem fürstlichen Gehalt bringt niemanden auf den Chefsessel. Wer an die Spitze will, muss sich mit Freude quälen

"Sich selbst Gelassenheit suggerieren."
Auf die Frage, ob sie mit sich selbst reden, würden die meisten Fach- und Führungskräfte eher mit Nein antworten. Zu groß ist die Angst, als Sonderling dazustehen. Bei modernen Spitzensportlern wie André Niklaus, dem frisch gebackenen Siebenkampf-Weltmeister, dagegen gehören motivierende Selbstgespräche zum Joballtag: wenn der Wettkampfdruck so richtig an den Nerven zerrt oder gar eine Niederlage droht. "Ich bin besser vorbereitet als der Gegner" oder "raff dich auf, das ist zu schaffen" sind Selbstinstruktionen, um an den Siegeswillen und die eigene Stärke zu appellieren. Um Druck abzubauen, wird am besten die Bedeutsamkeit eines Ereignisses verringert. "Wenn ich diesen Wettkampf verliere, ist das nicht so schlimm.

Nächste Woche ist schon der nächste", erklingt es im Sportler-Kopf. Ein Psycho-Kniff, der auch bei beruflichem Stress, etwa Präsentationen oder Vorträgen, Wunder wirkt. Dank seiner persönlichen Erfolgsformel blieb Niklaus in Moskau entspannt, als ihm die Kampfrichter beim Hochsprung aus Versehen die Kegel in den Weg stellten. Und er aktivierte zusätzliche Reserven, als sein amerikanischer Konkurrent, Zehnkampf-Weltmeister Bryan Clay, beim Stabhochsprung schwächelte. Insgesamt stellte der Berliner vier persönliche Bestleistungen auf und machte schließlich die Sensation perfekt: Erstmals seit 1988 gab es Mehrkampf-Gold für Deutschland. Der 24-Jährige gilt nun als neuer Hoffnungsträger der deutschen Leichtathletik.

"Im Team nicht den großen Zampano raushängen lassen."
In einem neuen Job kommt es darauf an, sich schnell in die Mannschaft zu integrieren. Erst recht, wenn man Profi-Handballer ist und den Teamwechsel unter den kritischen Augen der Öffentlichkeit meistern muss. "Als ich 2001 von meinem Heimatverein SC Magdeburg zum THW Kiel gekommen bin, war der Erwartungsdruck ganz schön groß", erinnert sich Torwart Henning Fritz: "Sowohl von den anderen, als auch an mich selbst." Statt in Ehrfurcht oder Panik zu erstarren, sah der Handballprofi den Wechsel zum Deutschen Meister als konsequenten Karriereschritt: "Das richtige Umfeld, um mich weiterzuentwickeln", sagt er heute.

Nicht nur seine Keeper-Qualitäten - der 31-Jährige hütet das Tor auch für die Nationalmannschaft - sorgten dafür, dass der Neue bei den "Zebras" schnell akzeptiert wurde. Fritz ist Teamplayer durch und durch: "Die gute Stimmung in der Mannschaft ist extrem wichtig. In Stresssituationen, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, kommt das voll zum Tragen." Der Welthandballer des Jahres 2005 macht nicht den großen Zampano: "Erfolg haben wir nur als Mannschaft. Natürlich will ich auch lieber glänzen, aber wenn mein Beitrag nach einem Gegentor der schnelle Pass zur Mitte ist, soll mir das recht sein.

"Nach Rückschlägen sofort neues Etappenziel setzen."
Auftrag verloren, Beförderung verpasst, Job weg - Rückschläge können jeden treffen. Je erfolgreicher man bisher war, umso mehr tut es weh. Marcel Wüst hat diesen Alptraum durchlebt: Im August 2000 stürzte der erfolgreiche Radrennfahrer in Frankreich so schwer auf den Kopf, dass er seinen Beruf aufgeben musste. Seither ist der 38-jährige Kölner auf einem Auge blind. Manch einen hätte dieser Schicksalsschlag verbittert. Marcel Wüst ließ sich jedoch nicht unterkriegen: "Schon während meiner aktiven Zeit habe ich gelernt, mit Rückschlägen umzugehen." Egal ob Unfall, Jobverlust oder Firmenpleite - was nicht zu ändern sei, müsse man schnell und komplett akzeptieren und sich dann ein neues Etappenziel setzen. Notfalls auch erst mal ein sehr kleines: "Das erste Mal aufstehen, endlich wieder alleine die Zähne putzen - im Krankenhaus habe ich mich ganz bewusst über jedes kleine Erfolgserlebnis gefreut", erinnert sich Marcel Wüst: "Solange was passiert, geht's auch weiter, habe ich mir gesagt."

Bloß nicht hängen lassen, Geduld bewahren, professionelle Hilfe annehmen, rät der Ex-Radprofi, der heute zu Themen wie Motivation oder Krisenmanagement ein gefragter Referent auf Seminaren ist. Nach dieser Devise lassen sich Rückschläge leichter meistern. Statt eigene Fehler auszublenden, solle man bewusst daraus lernen, betont Marcel Wüst. "Im Zweifelsfall ist eine falsche Entscheidung besser als gar keine", ermutigt er alle, die nach einer Pleite die Angst vor weiteren Misserfolgen lähmt. Ganz wichtig: nicht voll Selbstmitleid der Vergangenheit hinterhertrauern. Wer durchblicken lässt, dass die zweite Karrierechance nur zweite Wahl ist, hat von vornherein verloren. Marcel Wüst moderiert heute erfolgreich Radsport-Events für die ARD: "Ich denke, dass ich nach wie vor Freude und Begeisterung für diesen tollen Sport vermitteln kann. Wenn ich mich dauernd selbst in den Sattel wünschen würde, käme ich bei den Zuschauern bestimmt nicht an."

Dieser Artikel ist erschienen am 03.07.2006