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Auf der Suche nach der neuen Rolle

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Die Finanzchefs wollen nicht nur Kontrolleure, sondern Gestalter sein, die etwa Infrastruktur für sich rasant wandelnde Geschäftsprozesse bereit stellen.
Auf ein Wort wie "Erbsenzähler" reagiert Bernd-Joachim Menn allergisch. "Natürlich gab und gibt es reale Gründe, warum diese Vokabeln fallen, wenn von der Arbeit der Finanzvorstände und ihrer Mitarbeiter die Rede ist", sagt der Bilanzexperte, der bis 2003 Chief Accounting Officer der Bayer AG war. "Aber unsere Aufgaben gehen immer stärker über das reine Kontrollieren hinaus." Er selbst sieht sich und seine Zunft als Gestalter, die Infrastruktur für sich rasant wandelnde Geschäftsprozesse bereit stellen.Menns Einschätzung steht im Einklang mit dem Bild, das etliche seiner Berufsgenossen von sich und ihren Fachkollegen zeichnen: Wer heute für die Finanzen eines Unternehmens zuständig ist, muss nicht nur die Zahlen im Blick haben, sondern eine Rechnungsorganisation leiten, die in der Lage ist, flexibel und schneller denn je auf Änderungen zu reagieren. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der IBM Business Consulting Services unter mehr als 450 Chief Financial Officers (CFO).

Die besten Jobs von allen

"Wir beobachten den Wechsel vom Kostendrücker zum Kostenmanager", fasst Gregor Pillen, Europa- Leiter des Bereichs Financial Management bei IBM Business Consulting Services, die Ergebnisse zusammen. Heute gebe es kaum noch Finanzexperten, die sich nicht für die Unternehmensabläufe selbst interessieren. Zwei Drittel der von IBM Befragten betrachten das Business- Performance-Management und die Steigerung des Shareholder-Values als ihre dringlichste Aufgabe. Weniger als 30 Prozent sehen allein das Bilanzmanagement als zentrales Thema.Das ist eine kleine Überraschung, denn noch während der Boom-Jahre der ausgehenden Neunziger galten die Finanzvorstände vor allem als Bedenkenträger und Bremser, während Andere Visionen entwickelten. Doch die rasch steigende Zahl von Unternehmensübernahmen und Fusionen und ein wachsender Einfluss des Kapitalmarkts auf die Geschäftsentscheidungen der Manager sorgten dafür, dass die Zahlenakrobaten mehr als früher im Rampenlicht stehen.Die Erwartungen, die intern und extern an die CFOs herangetragen werden, sind gestiegen, aber auch die externen Regularien, denen die Finanzverantwortlichen gerecht werden müssen, sagt John Van Decker, Finanzexperte des Analyseunternehmens Meta Group in München. Themen wie Performance Management und Business Risk Management haben sich damit zu Faktoren entwickelt, die nicht nur interne Entscheider interessieren, sondern auch Externe wie etwa Investoren.Innerhalb der Unternehmen sei mit der neuen Rolle auch das Ansehen der CFOs und ihrer Stäbe gewachsen, geben diese zu Protokoll. Die Finanzverantwortlichen sind zu "Partnern der Geschäftsbereiche im operativen Geschäft" geworden, sagt Bernd-Joachim Menn. "Beispielsweise bei Vertragsabschlüssen saßen wir irgendwann immer mit am Tisch und wurden gefragt, wie sich bestimmte Vereinbarungen auf Rechenwerk, Performance und Publizität auswirken."Durch das Verschieben der Aufgaben hin zum strategischen Gestalten haben sich aber auch die Anforderungen an die Mitarbeiter in den Finanzstäben verändert: "Das müssen Leute sein, die was vom Geschäft verstehen", fordert Menn. Anders sei es nicht möglich, die immer komplexeren Abläufe korrekt abzubilden.Bei der Mitarbeitergewinnung und -qualifikation sehen viele Finanzvorstände laut IBM-Befragung den größten Nachholbedarf. Nur die Hälfte von ihnen glaubt, dass die eigene Finanzabteilung über die erforderlichen geschäftsorientierten Mitarbeiter verfügt. Mehr als ein Drittel der CFOs ist der Überzeugung, dass ihre Abteilungen unterbesetzt oder nicht ausreichend ausgebildet sind, um die aktuellen Aufgaben zu erledigen.Dies zu ändern, wird eine Hauptaufgabe der nächsten Jahre, sagt IBM-Consultant Pillen: "In der Krise haben viele nur gespart. Nun fragen sie sich, nachdem das Kostensenken Früchte getragen hat, ob sie auch für eine zukünftige Wachstumsphase richtig aufgestellt sind."Die Herausforderung der Zukunft sehen die Finanzoberen darin, zu verhindern, dass während eines neuerlichen Booms die Kosten wieder außer Kontrolle geraten. "Gleichzeitig stehen sie weiterhin unter dem Druck, die Budgets zu senken", sagt Meta-Group-Analyst John Van Decker. Bislang haben viele Finanzvorstände das Kunststück geschafft: Sie haben die eigene Organisation flexibler gemacht und dabei noch die Kosten im Rechnungswesen deutlich gedrückt.Um in Zukunft das finanzielle Management effizient und kostengünstig zu gewährleisten, setzen viele von IBM befragte Finanzverantwortliche nun stärker auf Computer. Die Informationstechnik soll die schnelle Auswertung der schier endlosen Zahlenkolonnen ermöglichen, die ein großes Unternehmen produziert. Mehr als 70 Prozent der CFOs gaben bei der Befragung an, dass sie mehr und bessere Informationen benötigen. Lediglich 20 Prozent der geschäftsverantwortlichen Manager haben Zugriff auf integrierte Unternehmensdaten, die sie bei Entscheidungen unterstützen.Ob aber von dieser Erkenntnis die Studienauftraggeber IBM und andere IT-Unternehmen profitieren werden, ist offen. Denn in diesem Punkt ist sich die Zunft der zugeknöpften Taschen treu geblieben: Neue Investitionen in Informationstechnologie lehnen die CFOs weitgehend ab. Statt dessen wollen die lieber bestehende IT besser einsetzen. Bislang etwa reizen nur 19 Prozent der Befragten die Fähigkeiten der angeschafften Warenwirtschaftssysteme vollständig aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2004