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Auf der Schleimspur zum Erfolg

Von Frank Siering, Handelsblatt
Wie sich Amerikas Angestellte mit dem Prinzip Kiss my Butt nach oben hangeln ? und Chefs auf die Masche hereinfallen.
LOS ANGELES. Norm Tamkin mag eigentlich keine blauen Hemden mit weißen Kragen. ?Zu konservativ, zu altbacken?, sagt der Buchhalter aus dem kalifornischen Santa Monica. Seit einigen Wochen allerdings trägt der 36jährige fast jeden Tag ein blaues Hemd mit weißem Kragen, wenn er ins Büro kommt. Der Grund: Tamkin will seine Chance nutzen, in der Karriereleiter endlich ein paar Sprossen nach oben zu klettern.Nur was hat ein blaues Hemd mit der Karriereleiter zu tun? Der smarte Buchhalter selbst liefert die Erklärung: ?Mein Chef ist ganz vernarrt in diese Office-Uniform. Er trägt diese Hemden fünf Tage lang in der Woche, und er bevorzugt diejenigen Untergebenen, die es ihm nachtun.?

Die besten Jobs von allen

Die amerikanische Management-Kultur, durch die jüngsten Unternehmensskandale wie Enron und Worldcom arg gebeutelt, sucht nach neuen Wegen aus der Beschäftigungskrise. Dabei durchlebt eine altbewährte und doch fast schon vergessene Taktik plötzlich eine Renaissance. Kiss my Butt, nennen die US-Forscher jenen Karriereansatz, der so einfach wie bei Kollegen unbeliebt ist. Übersetzt heißt das nichts weiter als ?Küss mir den Allerwertesten? und beschreibt, wie vor allem Angestellte im mittleren Management versuchen, in die oberen Stockwerke der großen Unternehmen zu gelangen. Denn das Schleimen, Nachmachen und ständige Kopfnicken steht heute ganz oben auf der Arbeits-Liste derjenigen, die die US-Karriereleiter erklimmen wollen.Aufmerksamkeit um jeden Preis?Die Bosse müssen auf Dich aufmerksam werden. Gute Arbeit allein reicht in der harten Geschäftswelt von heute nicht mehr?, meint Buchhalter Tamkin. Lean Management, anhaltende Absatzkrisen und Werbeeinbußen lassen auch weiterhin einst sicher geglaubte Jobs dahinschmelzen wie Schokoladeneiscreme am sonnigen Muskelstrand von Venice Beach.Und so muss eine neue Taktik her. Im morgendlichen Meeting beim Buchhaltungs-Riesen Holthouse Carlin & Van Trigt kommt es deshalb oft zu dubiosen Begegnungen. Taucht einer der einflussreichen Partner der Firma am Montag in einem Anzug mit Hosenträgern auf, ist es fast garantiert, dass zumindest ein Drittel der am Vortag anwesenden ?Associates? schon am Dienstag den Gürtel gegen die Gummiriemen eingetauscht hat. ?Es ist lächerlich, wie sehr sich erwachsene Menschen um die Gunst ihres Vorgesetzten bemühen?, erzählt Tamkin.Männer wie Frauen interessieren sich plötzlich für die laschen Baseball-Spieler der Los Angeles Dodgers, zerren gar ihre Familien am Sonntag Nachmittag ins Stadion ? nur, um dort eventuell den Chef zu treffen, der ?die Dodgers doch unheimlich toll findet?.Kiss my Butt greift um sich wie ein LauffeuerDas Kratzen und Scharren um so genannte Brownie Points, eine Art intellektueller Kuchenkrümel für besonders erfolgreiches Schleimen im Job, geht sogar soweit, dass Angestellte denselben Autohändler wie der Vorgesetzte aufsuchen ? nur um an der Kaffeemaschine ein gemeinsames Thema ansprechen zu können. ?Ich tue alles, damit meine Chefin auf mich aufmerksam wird?, sagt ein Angestellter einer großen Finanzberatung in Los Angeles. Aus Angst vor Repressalien seiner Kollegen besteht der 28-Jährige darauf, anonym zu bleiben.?Kiss my Butt greift um sich wie ein Lauffeuer?, weiß auch Dory Hollander, Arbeitsplatz-Psychologin aus Washington D.C. ?Die Bosse sind anfällig für Lobeshymnen. Müssen sie doch jeden Tag mit schlechten Nachrichten umgehen. Da ist es für sie oft eine Bestätigung, wenn sie merken, dass ihnen von den Angestellten in irgendeiner Form auf die Schulter geklopft wird ? und sei es auch nur durch das Nachahmen der Kleidung oder des Verhaltens?, so die Expertin. Und auch Harry Levinson, ein ehemaliger Business- Professor an der Harvard-Universität, weiß, ?dass die meisten Firmen in Amerika mit Schleimern auskommen müssen. Gegen diesen Trend kann sich kaum jemand wehren?.Die große Frage allerdings, ist noch offen. Funktioniert das Prinzip ?Kiss my Butt?, oder repräsentiert es nur den verzweifelten Hilferuf des Durstenden in der sengenden Jobwüste? ?Das Prinzip funktioniert durchaus?, sagt Hollander. Der trickreiche Griff in die Psycho-Kiste beeindruckt auch den kühl kalkulierende Manager. ?Wer mag es nicht, wenn man ihm nacheifert?, fragt Hollander. Und auch Levinson muss zugeben, dass ?Lob und Charme von Untergebenen oft besser funktionieren als eine Gehaltserhöhung.?Eine statistische Erhebung, wer es durch besonders aktive Aktivitäten außerhalb des Büros eine Stufe höher geschafft hat, gibt es freilich nicht. ?Welcher Schleimer gibt es schon offiziell zu, seine Karriere dem ständigen Anbiedern zu verdanken??, gibt Hollander zu bedenken.Gefahr für den BetriebsfriedenDarren Segel lebt in San Diego. Er arbeitet als Abteilungsleiter im Vertrieb von Cox-Cable. Als er an einem Sonntag einen seiner Angestellten plötzlich auf dem Golfkurs im renommierten Country-Club antraf, war er zunächst einfach nur freudig überrascht, ein bekanntes Gesicht zu treffen. Was er erst später erfuhr: Der Angestellte hatte seine gesamten Ersparnisse aufgebraucht, damit er im selben Golfclub wie sein Chef den Driver schwingen konnte. ?Das hat mich umgehauen?, so Segel, der seinen ambitionierten Mitarbeiter - so erzählt er selbst ? auch ohne teure Golf-Mitgliedschaft bereits auf der Beförderungs-Liste hatte. ?Das Geld für den Country-Club hätte er lieber sparen sollen?, sagt Segel weiter.Was allerdings passiert, wenn die anderen Kollegen im Büro den Schleimer ausfindig machen? Inwieweit kann das ?Kiss-my-Butt?-Prinzip die Balance im Büro gefährden? Stanley Herz kann ein Lied davon singen. Der Chef einer Jobbörse in New York war so angetan von den Komplimenten, die er jeden Tag von einer seiner Angestellten bekam, dass er die junge Frau an erfahreneren Kollegen vorbei beförderte. ?Natürlich hat das sofort Unruhe in die Firma gebracht?, erzählt Herz. Vor allem deshalb, weil die Mitarbeiterin nach nur sechs Monaten Betriebsangehörigkeit auf einmal mehr Geld verdiente als Angestellte, die schon drei Jahre in der Firma waren.Das Ende vom Lied: ?Die Stimmung im Office war schlecht, viele wurden ständig krank. Ich habe am Anfang nicht begriffen, dass ich Opfer der Kiss-my-Butt-Strategie geworden war?, berichtet Herz. Nach kurzer Zeit korrigierte der Boss seinen Fehler ? seitdem ist er nicht mehr in diese Falle getreten.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.09.2003