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Auf der Pirsch

?Früher habe ich etwa 25 Leute ansprechen müssen, bis ich einen Kandidaten hatte, heute sind es locker 50." Harte Zeiten für Headhunter ? Führungskräfte lassen sich nur schwer zum Jobwechsel bewegen. Angst vor Veränderung und mangelnde Mobilität lässt viele an ihren Sesseln kleben ? das ist die Chance für ambitionierte Initiativbewerber.
Dieser Anruf schmeichelt jedem Ego: Ein Unternehmen der Kunststoffbranche sucht einen Ingenieur als Projektleiter, gut 70.000 Euro Jahresgehalt winken ? Interesse? Klar. Doch als Headhunter Eugen Hammer die Stelle näher beschreibt, die er besetzen soll, kneifen sämtliche Kandidaten: Längere Einsätze in Asien, um die Fertigung zu koordinieren, will niemand auf sich nehmen.Headhunter in Besetzungsnot. Als verlängerter Arm der Unternehmen hatten Personalberater im vergangenen Jahr über 40.000 Suchaufträge zu bewältigen, in diesem sollen es noch mehr sein. Doch den Headhuntern fällt es ungewohnt schwer, ihren Auftraggebern Top-Kandidaten zu präsentieren. ?Früher habe ich etwa 25 Leute ansprechen müssen, bis ich einen Kandidaten hatte, heute sind es locker 50?, schätzt Hammer. Kaum jemand lässt sich von seinem Arbeitsplatz loseisen. Immer öfter springen Kandidaten bis zur letzten Sekunde vor Vertragsunterzeichnung ab.

Die besten Jobs von allen

Eine Katastrophe für jeden Kopfjäger ? aber eine Riesenchance für ambitionierte Young Professionals und qualifizierte Jobsuchende mit Berufserfahrung. Initiativbewerbungen waren bei Headhuntern lange verpönt, inzwischen sind sie dankbar für jeden guten Kandidaten, der sich selbst ins Spiel bringt ? vorausgesetzt, Branche und Qualifikationsprofil passen zum Kundenkreis. Alles bläst zum HalaliDie Personaljäger haben vermehrt schicke Posten im Angebot: Besonders flott dreht sich das Stellenkarussell wieder für Consultants aller Couleur: Denn neben BCG und Co. heuern auch Marktforschungsinstitute, Werbeagenturen, IT-Dienstleister und Software- Unternehmen frische Kräfte an. ?Der Personalbedarf zieht in vielen Branchen leicht an?, stellt Wolfgang Lichius erfreut fest. Der Partner bei Marktführer Kienbaum Executive Consulting ist nebenberuflich Vorsitzender des Fachverbands Personalberatung im BDU und kennt das Business aus dem Effeff.Interessante Jobs gibt es außerdem für Ingenieure, Betriebswirte, Logistiker und IT-Spezialisten. Dringend benötigt werden Bilanzexperten: Der Markt an Kandidaten mit Kenntnis internationaler Rechnungslegungsvorschriften wie IAS ist leer gefegt.Keiner verlässt den BauQualifiziertes Personal für ihre momentan extrem anspruchsvolle Kundschaft zu finden, ist für die Personalberater eine echte Herausforderung. Denn die üblichen Verdächtigen in ihren Karteien kriegen den Hintern nicht hoch. Ein interessanter Posten, der wegen eines notwendigen Auslandseinsatzes oder auch nur wegen eines Umzugs innerhalb Deutschlands ausgeschlagen wird ? das passiert Headhuntern zurzeit ständig. ?Ein großer Teil der Führungskräfte ist wenig bis überhaupt nicht mobil?, klagt Joachim Staude, Vizepräsident beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberater, stellvertretend für die insgesamt rund 1.800 Firmen der deutschen Personalberaterszene.Die Zögerer und Zauderer lähmt ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis (siehe Karriere 07/04). Schreckgespenst der Sesselkleber: beim nächsten Strategiewechsel des neuen Arbeitgebers oder der Stilllegung des gerade übernommenen Geschäftsbereichs selbst auf der Straße zu landen oder die Probezeit nicht zu überstehen. Neben den chronischen Angsthasen beobachten Personalberater noch ein weiteres Phänomen: Die Führungskräfte der mittleren Ebene sind satt. Anstatt die nächsthöhere Etage zu erobern, begnügen sie sich mit ihrem Routinejob. Freizeit vor Gehaltserhöhung, lautet das Motto. Zunehmend mauern auch Partner oder Familie, die bei einem Ortswechsel ihre sozialen und beruflichen Bindungen opfern müssten. Weil die mit einem Stellenwechsel verbundenen Gehaltssprünge von etwa zehn bis 15 Prozent nicht mehr überzeugend wirken, setzen sich die Angehörigen mit ihrem Veto durch.Willkommen im EliteclubBei so viel Bunkermentalität weicht die Maxime auf, dass optimale Kandidaten nur aus ungekündigter Stellung heraus präsentiert werden. ?Auf den Pool der erfahrenen und teilweise hoch qualifizierten Arbeitslosen zu verzichten, bedeutet wertvolles Know-how zu vergeuden?, erklärt Richard Fudickar. Er ist Vorsitzender der Vereinigung deutscher Executive Search Berater (VDESB), der Bundesliga der deutschen Headhunter. Deren Mitglieder besetzen ausschließlich Positionen im Top-Management von Unternehmen und Organisationen. Initiativbewerbungen von 1A-Kandidaten sind bei ihnen durchaus willkommen.Ulrike Wieduwilt, Personalberaterin bei Russell Reynolds, hat mit Blindbewerbungen bereits gute Erfahrungen gemacht. So konnte sie unter anderem einen neuen Geschäftsführer für 8.000 Mitarbeiter in der Kosmetikbranche vermitteln, der sich zuvor selbst bei ihr per E-Mail ins Gespräch gebracht hatte. Die amerikanische Personalberatungsfirma hat inzwischen ein System perfektioniert, mit dem jede vielversprechende Initiativbewerbung innerhalb von 24 Stunden all ihren Beratern weltweit am PC-Monitor zugänglich ist. Und die Headhunter füttern ihrerseits ihre Datenbank prophylaktisch mit interessanten Profilen ? zur Wiedervorlage im Bedarfsfall.Das kann schneller gehen als erwartet, wie Ute Schödel erlebt hat. Die kaufmännische Geschäftsleitungsassistentin bei Novartis in Nürnberg suchte aus privaten Gründen einen vergleichbaren Job in Unterfranken. Zunächst auf die herkömmliche Weise über Stellenanzeigen in der Zeitung ? jedoch monatelang vergebens. Vor dem Kontakt zum Headhunter schreckte die studierte Lehrerin mit IHK-Weiterbildung lange zurück: ?Ich dachte, der nimmt doch meine Qualifikation auseinander.?Als sie sich endlich zur Blindbewerbung bei Beckhäuser Personal & Lösungen durchrang, wurde sie doppelt überrascht. Nicht nur, dass just eine passende Stelle zu besetzen war, sondern dass bei den Gesprächen mit der zuständigen Personalberaterin ?deutlich im Vordergrund stand, ob die Chemie zwischen meinem neuen Chef und mir stimmen könnte?. Die Akribie, mit der die Suche nach dem optimalen Bewerber für ein bestimmtes Stellenprofil vonstatten geht, hat Methode. Schließlich sorgt in der Regel nur eine zufriedenstellende Vermittlung für Folgeaufträge. Personalberater gucken daher genau hin, bevor sie ihren Kunden einen Kandidaten vermitteln.Gezielte Schüsse ins BeraterherzDie Vorlieben der Headhunter in Sachen Blindbewerbung sind sehr unterschiedlich. Während etwa Kienbaum-Berater Wolfgang Lichius die komplette Mappe schätzt, reicht Ulrike Wieduwilt von Russell Reynolds schon ein knackiger Kurzlebenslauf per E-Mail. Als Entree kann bei einem Anruf auch der Bezug auf einen bereits vom Headhunter vermittelten Kollegen dienen. Den Jagdinstinkt der Headhunter weckt, wer beispielsweise eine Empfehlung eines Experten vorlegen kann. Generell rät Richard Fudickar ?Initiativbewerbungen gezielt zu verschicken, statt mit der Schrotflinte zu schießen. Und keine großen Erwartungen auf Reaktionen zu hegen? (Bewerbungs-Check unter www.karriere.de/headhunter-bewerbung).Parallel dazu empfiehlt sein Kollege Joachim Staude, eine Eigenanzeige zu schalten, wahlweise im Stellenmarkt überregionaler Zeitungen oder in Fachmagazinen, auf jeden Fall aber online. Denn speziell für Positionen in der IT- und Medienbranche entwickelt sich das Internet zum wichtigsten Kanal der Kandidatensuche.Vom Segen des Internets hat Jens Blohm gleich mehrfach profitiert. Seinen Lebenslauf hat der 35-jährige Wirtschaftswissenschaftler mit verschiedenen Schwerpunkten ? mal mit Konsumgütererfahrung, mal mit Unternehmensberatungsfokus ? bei diversen Jobbörsen eingestellt. Seitdem geben sich Headhunter bei ihm die Klinke in die Hand. Bereits drei Mal waren sie dem Bremer beim Stellenwechsel behilflich.Schlechte Erfahrungen gibt es allerdings auch: ?Man merkt, dass bei einigen Headhuntern der Vermittlungsdruck extrem groß ist. Die neue Firma wird als tolle Braut verkauft, ist aber überschminkt.? Und manchmal soll ein üppiges Gehalt über die unschönen Seiten des Angebots hinwegtrösten. Blohm: ?Um eine gründliche Prüfung der Offerten kommt keiner herum.?Anders als Jens Blohm geriet Holger Wiesinger unbeabsichtigt ins Visier der Personalfahnder. Für seine MBA-Abschlussarbeit bat der Diplom-Kaufmann Headhunter um Auskünfte zur Lage am Personalmarkt ? und blieb selbst als vielversprechendes Talent in der ein oder anderen Kartei hängen. Woraufhin ihm kurze Zeit später eine Jobofferte als Key Account Manager in der Home-Entertainment-Sparte ins Haus flatterte. Wiesingers Rat an alle Jobsuchenden und Wechselwilligen: ?Warten Sie nicht auf den Anruf. Headhunter kann man jederzeit selbst ansprechen."
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005