Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Auf der Ideallinie

Von Dirk Heilmann
Allen Timpany beweist Zähigkeit ? auf dem Chefsessel des Netzbetreibers Vanco wie hinter dem Lenkrad von Rennwagen.
LONDON. 1 000 Kilometer. Spitzengeschwindigkeit: 350 km/h. Mal geht es durch die Kurven von Monza, dann über die Gerade von Silverstone. Alle fünf bis sechs Stunden Fahrerwechsel, zwei bis drei Lenker gibt es pro Team. Und sie alle haben das eine Ziel: einen Startplatz beim legendären 24-Stunden-Rennen in Le Mans.Le Mans Endurance Series nennen sich die Qualifikationsrennen. Und Allen Timpany ist einer der Fahrer der Serie, unterwegs ist er für das Team Binnie Motorsport.

Die besten Jobs von allen

Doch das ist nur sein Hobby. Im Hauptberuf lenkt er ein weltweit tätiges Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten und 150 Millionen Euro Umsatz. Vanco heißt es und fordert als leichter Rennwagen die Brummis der Branche wie die Deutsche Telekom oder BT heraus.Vanco ist ein virtueller Netzbetreiber. Das heißt, das Unternehmen besitzt selbst keinen Meter Kupferdraht oder Glasfaserleitung und bietet dennoch Unternehmenskunden eine weltumspannende Kommunikationsinfrastruktur an. Je nach Bedarf mietet Vanco in verschiedenen Ländern Leitungen an und verknüpft sie zu einem maßgeschneiderten Netz. So verbindet Timpanys Unternehmen etwa alle Niederlassungen des Autoverleihers Avis in Europa mit der Zentrale in den USA oder wickelt ein Fünftel der Kommunikation von British Airways ab. Unter den an die 200 Kunden sind Ford, Siemens, Volvo und Bacardi.Das Geschäftsmodell ?virtueller Netzbetreiber? hat Timpany 1988 erfunden und stur durchgehalten. Wie ein Tausend-Kilometer-Rennen. ?Es ist exakt das richtige Modell für reife, deregulierte Telekommärkte?, sagt der schmale, drahtige 49-Jährige mit rotblonden Haaren und graublauen Augen. Während andere Milliarden in Infrastruktur versenkten, blieb Vanco schlank und flexibel.Rennfahr-, Segel- und Familienfotos schmücken Timpanys sonst schlichtes Büro in einem Zweckbau nahe dem Flughafen Heathrow. 17 Jahre lang hat das Unternehmen Jahr für Jahr Gewinn gemacht und ist im Durchschnitt um 40 Prozent gewachsen ? und das in einer Branche, die in dieser Zeit einen gewaltigen Boom und einen tiefen Absturz erlebte.Mit einem Pfund fing alles an. So viel bezahlte Timpany 1988 für die neun Monate alte, aber schon in Schieflage geratene Firma Vanco einschließlich ihrer Lizenz zum Anbieten von Kommunikationsdiensten. Sie hatte sich per Anzeige in der ?Financial Times? zur Übernahme angeboten. Sechs Millionen Euro Kapital für die Sanierung brachte der damals 32-Jährige selber mit: Er hatte schon drei Unternehmen gegründet und wieder verkauft. ?Ich steige immer dort ein, wo sich ein Markt gerade umwälzt?, sagt er selbst.Erst eröffnet er nach dem Studium eine Vertriebsgesellschaft für Apple-Rechner. Dann überreden ihn Finanziers, einen englischen PC-Hersteller zu starten ? er scheitert: ?Daraus habe ich gelernt, dass es keinen Zweck hat, ein kleiner Anbieter in einer großen Industrie zu sein.? Seine dritte Gründung ist ein IT-Dienstleister, den er zum britischen Marktführer für die Wartung von IBM-PCs hochbringt, bevor er ihn verkauft. Und Nummer vier ist Vanco. ?Er weiß, was er will und hat seine Marktnische konsequent besetzt?, sagt Mike Cansfield über ihn, Research-Direktor bei der Unternehmensberatung Ovum.Als die großen Telekomkonzerne globale Allianzen schmieden und Geldgeber Abermilliarden in den Bau von Glasfasernetzen pumpen, bekommen einige Vanco-Mitarbeiter Zweifel. ?Ein paar Leute sind damals gegangen und haben mir gesagt, dass ich es falsch angehe?, gibt Timpany zu. ?Aber meine Erfahrung auf dem PC-Markt gab mir die Sicherheit, das Richtige zu tun.? Sprich: Bloß nicht einer unter vielen sein.Und tatsächlich: Als die New-Economy-Blase platzt, rafft es Infrastrukturinvestoren wie Global Crossing und globale Allianzen wie Concert dahin. Doch Timpany führt Vanco an die Börse ? 2001, im schwarzen Jahr der Branche. Seither hat sich der Aktienkurs beinahe verfünffacht, der Börsenwert von Vanco liegt über 400 Millionen Euro. Das sichert dem dreifachen Vater als Mehrheitsaktionär einen Platz im Mittelfeld der Liste der 500 reichsten Briten.Doch Timpany will mehr. Den potenziellen Markt für Vanco schätzt er auf 75 Milliarden Euro. Sachlich und ernsthaft, mit sparsamen Gesten formuliert er hohe Ansprüche. So erleben ihn auch seine Mitarbeiter: ruhig, aber bestimmt, motivierend, aber auch kritisch.Um die gewohnten Wachstumsraten zu halten, stärkt er mit Bündnissen den Vertrieb. Zum Beispiel mit Swisscom: Die Schweizer Telefongesellschaft wird künftig ihren Kunden internationale Kommunikation über Vanco anbieten.Professionalität und Flexibilität von Vanco hätten ihn beeindruckt, sagt René Fischer, Chef der Tochter Swisscom Solutions. Zehn bis zwölf solcher Partnerschaften kann Timpany sich weltweit vorstellen.Nicht unmöglich. Denn Vanco bietet nach Meinung von Ovum-Analyst Cansfield noch einen anderen Vorteil als nur niedrige Preise: Service. ?Die Kunden lieben Vanco einfach?, sagt Cansfield. ?Alle reden von Kundendienst, doch Vanco nimmt ihn wirklich ernst.? Das entspricht dem Credo des Gründers: ?In unserer Branche wird viel zu viel auf Wachstum durch technologische Entwicklungen gesetzt?, sagt Timpany. ?Die Unternehmen sollten sich viel mehr darauf konzentrieren, ihren Kunden gute globale Dienstleistungen zu verkaufen.? Darum will er Vanco auch trotz allen Ehrgeizes nicht zu groß werden lassen: ?Mehr als wenige hundert Kunden werden wir nicht haben, denn ich will jeden von ihnen kennen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2005