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Auf der Hochbahn und in politischer Niederung

Von Eberhard Krummheuer, Handelsblatt
Wenn Günter Elste mit der Berliner Verkehrspolitik ins Gericht geht, sind seine Aussagen knallhart. Seine Botschaft: Eine erfolgreiche Volkswirtschaft braucht gute Infrastruktur und gutes Verkehrsangebot. Wer daran spart, gefährdet den Standort.
HAMBURG. Derzeit kämpft der 55 Jahre alte Vorstandsvorsitzende der Hamburger Hochbahn AG, um die im Bundeshaushalt geplanten Sparmaßnahmen bei Ausgleichszahlungen und Infrastrukturinvestitionen für den öffentlichen Verkehr noch abzumildern. Seine Botschaft: Eine erfolgreiche Volkswirtschaft braucht gute Infrastruktur und gutes Verkehrsangebot. Wer daran spart, gefährdet den Standort.Kräftig auszuteilen, das hat Elste in der Politik gelernt. Zwölf Jahre lang saß er als Abgeordneter in der Hamburgischen Bürgerschaft, die letzten sieben davon als SPD-Fraktionschef. Das hindert ihn nicht daran, heute mit der Bundesregierung abzurechnen: ?Eine politische Agenda, die sich darin erschöpft, mit heißer Nadel selbst geschaffene Finanzlücken zu stopfen?, sei nicht zukunftsfähig, sagte er auf der Jahrestagung des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

Die besten Jobs von allen

Die Branchenvereinigung hatte den gebürtigen Sachsen, den es über eine Kindheit in Köln schon vor Jahrzehnten an die Elbe verschlug, voriges Jahr zu ihrem Präsidenten gemacht. Damit honorierte die Vereinigung auch den ökonomischen Erfolg Elstes. Er hat das zweitgrößte kommunale deutsche Nahverkehrsunternehmen mit täglich rund einer Million Fahrgästen vom kostspieligen Sanierungsfall zu einem der Branchenführer entwickelt. Ein für kommunale Verkehrsbetriebe hervorragender Kostendeckungsgrad von 83 Prozent hat den Zuschussbedarf für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) an der Elbe von einst 330 Millionen Mark auf 67 Millionen Euro sinken lassen.Elste weiß, dass er den Mitarbeitern dafür viel hat zumuten müssen: ?Früher wurde ich bei jeder Betriebsversammlung ausgebuht.? Doch das hat sich geändert. Im unternehmensinternen ?Kulturspiegel? bewerten die Mitarbeiter die Vorstandsriege positiv. Der Chef selbst konnte nachlesen, dass er vielen Beschäftigten als etwas patriarchalisch und fürsorglich, aber auch als ausgesprochen ungeduldig gilt. Quintessenz: ?Hart, aber fair?.In der Verkehrswirtschaft ist der Vater zweier erwachsener Töchter, den es in der Freizeit zum Fliegenfischen nach Kärnten zieht, nicht erst als VDV-Präsident bekannt geworden. Es war vielmehr der Expansionsdrang der Hamburger, der in der Branche auffiel. Zur Gruppe gehören heute regionale Bahnunternehmen in mehreren Bundesländern sowie die kommunalen Verkehrsbetriebe in Kiel und Lübeck.Elstes Ziel ist klar: ?Wir wollen uns als nationaler Player aufstellen.? Tatsächlich belegen Branchenuntersuchungen, dass im liberalisierten europäischen Verkehrsmarkt kommunale Betriebe zum Wachstum geradezu gezwungen sind. Die Experten erwarten, dass in ein paar Jahren nur einige wenige Großkonzerne das ÖPNV-Geschäft betreiben ? wie in Nachbarländern auch. Die Hochbahn AG von der Elbe wird dann häufig als potenzieller Kandidat für diese Liga gehandelt. Die Deutsche Bahn verfolgt die Aktivitäten der Hamburger daher inzwischen mit Argwohn.In Elstes schlichtem Büro in einem hanseatischen Haus in der Hamburger Innenstadt sind Bus- und Bahn-Modelle der einzige Schmuck. Auf ein Chefzimmer unter dem Dach mit Blick auf den Hafen hat er verzichtet ? er bleibt im ersten Stock: ?Von da ist es nicht so weit bis zur U-Bahn.?
Dieser Artikel ist erschienen am 15.06.2004