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Auf den Leim gegangen

Georg M. Oswald
?Ich wollte nie so ein Chef sein", sagte Roland Braun von Braun und Partner zu Katja, der neuen Mitarbeiterin, die er durch die Flure führte, um sie ihren künftigen Kollegen vorzustellen. Die Art, wie Braun das Wort ?Chef" betonte, machte klar, dass er von Hierarchien nicht viel hielt.
?Ich wollte nie so ein Chef sein", sagte Roland Braun von Braun und Partner zu Katja, der neuen Mitarbeiterin, die er durch die Flure führte, um sie ihren künftigen Kollegen vorzustellen. Die Art, wie Braun das Wort ?Chef" betonte, machte klar, dass er von Hierarchien nicht viel hielt.

?Nennen Sie mich Roland", sagte Braun. Alle hier nannten ihn so. Sein Spitzname war ?Nennen-Sie-mich-Roland". Aber das wusste Katja anfangs natürlich noch nicht. Katja war begeistert. Was für eine Firma! Bei Braun und Partner gab es keine verschlossenen Türen.

Die besten Jobs von allen


Auch die Leute bei Braun und Partner waren von der neuen Kollegin begeistert. So eine sympathische junge Frau. Hervorragende Abschlussnoten, sehr gutes Aussehen, und bei all dem so bescheiden und höflich, dass man sie einfach mögen musste.

?Sind Sie offen für alles Neue?", lautete die Frage in der Stellenanzeige, auf die Katja sich beworben hatte. Alle Mitarbeiter, denen Katja vorgestellt wurde, schien diese Frage auf die eine oder andere Art zu beschäftigen. Sie sagten: ?Bei uns hier geht alles ganz offen zu. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Das schafft Vertrauen." Braun - pardon - Roland führte Katja in ihr Büro. Er sagte: ?Fühlen Sie sich wie zu Hause."

Und Katja fühlte sich wie zu Hause. Das Team, dem sie zugeordnet wurde, nahm sie bestens auf. Die ersten Arbeiten, mit denen sie betraut wurde, gelangen ihr auf Anhieb. Sie erntete freundliche Zustimmung von allen Seiten.

Katja bestand die Probezeit. Sie hatte schon sehr bald keine Angst mehr gehabt, sie nicht zu bestehen. Schnell entwickelte sie ein Gespür dafür, was von ihr verlangt wurde.

Roland interessierte sich sehr für seine neue Mitarbeiterin. Nicht, dass er ihr Avancen gemacht hätte - aber er sorgte doch dafür, dass sie ständig in seiner Nähe war, oder er in ihrer.

Sitzungen wurden bei Braun und Partner selten im Konferenzraum abgehalten. Roland hatte die Angewohnheit, Mitarbeiter, mit denen er sprechen wollte, in ihren Büros aufzusuchen. Er streifte dann in ihrem Zimmer herum, während er mit ihnen redete, und sah sich ganz ungeniert um. Während er über die Umsätze im ersten Quartal sprach, nahm er die gerahmten Familienfotos seiner Angestellten in die Hand und lächelte wohlwollend. Er blätterte in Papieren auf dem Schreibtisch, die nichts mit dem zu tun hatten, worüber sie gerade sprachen. Manchmal machte er sogar eine Schublade oder ein Schrankfach auf und kramte ein wenig darin herum. Das alles diente natürlich nicht der Kontrolle. Es hieß: ?Ich bin euer Chef, gut. Aber ich will nicht über euch stehen. Ich bin einer von euch. Wir können völlig vorbehaltlos und offen miteinander umgehen. Seht her, ich bewege mich in euren Büros so, als wären es meine. Nicht, weil ich weiß, dass es in der Tat meine sind, sondern weil ich euch zeigen will, dass ihr mir ohne Wenn und Aber vertrauen könnt. Geht in mein Büro und seht euch auf die gleiche Weise um. Durchsucht meine Schubladen, meinen Schrank, meine Jackentaschen. Es macht mir nichts aus."

Seine Mitarbeiter verstanden ihn. Aber natürlich hatte noch nie einer zu tun gewagt, worum er sie förmlich anzubetteln schien.

Einmal war er mit Katja allein in seinem Büro. ?Sehen Sie sich um", sagte er. Katja lächelte. ?Keine Zeit, ich muss arbeiten. Trotzdem danke", sagte sie. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass es sie nicht interessierte und dass sie seine Einladung ein wenig befremdlich fand.

Einige Zeit später nahm Katja zum ersten Mal Urlaub. Roland sagte, ?Sie haben ihn sich wirklich verdient."

Während der zwei Wochen, die sie weg war, suchte man Roland, wenn er nicht in seinem Zimmer war, am besten in dem Katjas. Es schien, als glaubte er, ihr Geist sei in diesem Zimmer geblieben. Besprechungen mit Roland fanden in dieser Zeit stets in Katjas Zimmer statt.

Wenige Tage vor ihrer Rückkehr saß Roland, wie üblich, auf Katjas Platz und diskutierte mit ein paar Mitarbeitern Details der neuen Vertriebsstrategie. Dabei fiel sein Blick auf die oberste Schublade von Katjas Rollschrank. Er hatte sie schon einmal geöffnet und ein Notizbuch mit Ledereinband darin liegen sehen, das einem Tagebuch ähnelte. Er hatte nicht hineingesehen, das war sogar ihm zu dreist erschienen. Aber jetzt überfiel ihn eine unbezähmbare Neugier, es doch zu tun. Als nach der Besprechung der Letzte das Zimmer verlassen hatte, riss er die Schublade auf und holte gierig das Tagebuch heraus. Er öffnete es wie eine Schatztruhe.

Auf der ersten Seite stand: ?Wer das liest, ist ein dummes Schwein!"

Sonst stand nichts darin. Braun klappte das Buch schnell wieder zu und legte es zurück an seinen Platz.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.04.2002