Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Auf dem Treck nach Osten

Von Mathias Brüggemann, Handelsblatt
Den angeschlagenen Ölkonzern Yukos zusammenzuhalten ist nicht gerade ein Traumjob. Oder vielleicht doch. Simon Kukes ist einer der ersten aber sicher nicht der letzte Top-Manager, der sich von einem Spitzengehalt gen Osaten ziehen ließ.
HB MOSKAU. Nein, leicht sei seine Aufgabe bestimmt nicht. Simon Kukes fährt mit der linken Hand durch seine kurz geschnittenen, fast bordeauxroten Locken. ?Leicht ist es nicht, den durch Kremlattacken angeschlagenen Yukos-Ölkonzern zusammenzuhalten.?An diesem Freitag beginnt der Prozess gegen seinen Vorgänger im Chefsessel und Yukos-Großaktionär, Michail Chodorkowskij, wegen Betrugs und Steuerhinterziehung. Hinzu kommen fast wöchentlich Razzien der Steuerfahnder in der Konzernzentrale, Gerichtstermine wegen angeblicher Steuerhinterziehung in Höhe von fast drei Milliarden Dollar und Drohschreiben der Gläubigerbanken, die Kredite fällig zu stellen. Außerdem sind das Vermögen des Unternehmens und die Aktien der Hauptaktionäre seit Wochen eingefroren.

Die besten Jobs von allen

Warum tut sich ein international erfahrener Manager so etwas an? Die Frage bleibt unbeantwortet. Kukes schaut in den neblig-grauen Moskauer Himmel aus dem 5. Stock des Yukos-Hauptquartiers hinter dem Pawelezker Jugendstil-Bahnhof.Der 57-Jährige, der bei den Erdölkonzernen Phillips Petroleum und Amoco Karriere machte, war einer der Ersten, die bei einem russischen Konzern anheuerten. Aber er ist längst keine Ausnahme mehr. Allein drei Yukos-Vorstände haben wie Kukes einen US-Pass. Die Holding Basowy Element führt ein Amerikaner. Und die russische Bank Nikoil ein Holländer. Russlands Konzerne holen sich erfahrene Manager ins Land, um sich für den internationalen Wettbewerb zu rüsten. Viele Führungskräfte reizen die Aufbruchstimmung und die hohen Gehälter.Oft kommen sie über Kooperationen nach Russland, wie David Geovanis, der heute die Holding Basowy Element des Oligarchen Oleg Deripaska leitet. Der Amerikaner hat nach Jahren als Investmentbanker im Sonnenstaat Kalifornien zum ersten Mal den Weg in die sibirische Kälte gefunden: Als der Zigarettenhersteller Liggett & Myers 1991 das Joint Venture mit dem Moskauer Tabakkonzern Dukat formte, war Geovanis dabei. Er lagerte die Zigarettenfabrik auf ein Grundstück außerhalb des Stadtrings aus, baute die zentral gelegene Immobilie aus.Später brachte ihn die Geldanlagepolitik von George Soros wieder ins Russlandgeschäft. Der Großinvestor hatte sich 1997 für eine Milliarde Dollar beim Telekomkonzern Swjasinvest eingekauft. Geovanis managte von London aus die europäischen Privatbeteiligungen des Milliardärs und reiste jedes Quartal zu den Aufsichtsratssitzungen von Swjasinvest nach Moskau. Bis ihn 2002 der Anruf eines ?Headhunters? dauerhaft an die Moskwa zurücklockte.Seither leitet der 43-Jährige als Managing Director die Holding Basowy Element (BasEl): ?Eine Art Mischung aus General Electric und Private-Equity-Firma?, umreißt Geovanis die Holding, zu der Russlands größter Aluminiumkonzern Russkij Aluminii, Ruspromawto ? der vom Fahrrad bis zum Panzer alles herstellt -, der Versicherer Ingosstrach, eine Bank, eine Textilfabrik, ein Flugzeugwerk und andere Werke gehören. Ihn reize ?das Investieren in die komplizierte Schwerindustrie?, merkt er an.Die Weltkarte vor sich im Blick und die Russlandkarte hinter seinem drei Meter langen Edelholzschreibtisch, erzählt der Amerikaner, dass ?wir allein fünf bis acht Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren in Russkij Aluminii investieren?. Zudem sucht er Objekte im Ausland ? aus der Holz- oder Metallindustrie ? und weitere russische Firmen, auch aus anderen Branchen als der Ölindustrie, ?um sie zu übernehmen und ihren Wert zu erhöhen?.Nicht zu seinem Schaden und der anderen ausländischen Manager, die in Russland Traumgehälter bekommen. Wie viel will niemand offen sagen. Doch Umfragen besagen, dass russische Chief Executive Officer deutlich mehr verdienen als ihre Kollegen im Westen.Aber nicht nur das Geld lockt Führungskräfte nach Russland. ?Ich kann hier zeigen, was ich aufbauen kann?, begründet der Holländer Maarten Leo Pronk seine Entscheidung, Chef der russischen Bank Nikoil zu werden. Seit seinem Amtsantritt hat er kräftig gewirbelt und das Geschäft des Geldhauses durch Übernahmen anderer Institute deutlich vergrößert, die Zahl der Mitarbeiter von 1 500 auf 6 600 gesteigert. ?Man lernt etwas?, sagt der hoch gewachsene Mann und blickt über seine Goldrandbrille. Dann hat er noch einen Unterschied entdeckt. Bei russischen Firmen würden ?oft sehr schnelle Entscheidungen getroffen, weil es nur einen Boss gibt?.Während Pronk im feinen dunkelblauen Anzug und mit hollandorangenfarbiger Hermés-Krawatte die Geschäfte leitet, gibt sich Richard Creitzman lockerer: Jeans und brauner Pullover kleiden den smarten 32-Jährigen auf dem Rückflug von der Ölförderstadt Nojabrsk nach Moskau. Creitzman ist bereits seit zehn Jahren in Russland, zwei Jahre für die WestLB und jetzt bereits drei Jahre als Leiter der Corporate Finance beim Ölkonzern Sibneft.?Ich dachte, dass ich drei bis fünf Jahre in Russland bleiben würde. Aber ich bin immer noch da ? und es gefällt mir?, findet der Londoner. Er freut sich besonders über den neuen Nebenjob, den ihm seine Aufgabe beschert. Er hat jetzt auch einen Platz im Vorstand des Londoner Fußballklubs FC Chelsea. Den hat sein Chef, Roman Abramowitsch, vor kurzem gekauft.Creitzman hält ?das Business in Russland? für ?einmalig? und lobt vor allem die besondere Mentalität. Und dann sagt er etwas, was die Westmanager im Lande nicht so gerne hören dürften. ?Dass die Russen uns eigentlich gar nicht brauchen. Sie können es inzwischen doch auch nicht schlechter?, meint der Brite, auch mit Blick auf den Konzern, in dem er selbst arbeitet.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.05.2004