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Auf dem Feuerstuhl

Von Thomas Nonnast, Handelsblatt
Ein Job ohne Neider: Konrad Reiss, der Chef von T-Systems, hat jetzt auch den Maut-Betreiber Toll Collect am Hals. Daher hat Rickes derzeit wichtigster Mann selbst zur Vorstellung der Telekom-Bilanz keine Zeit.
HB FRANKFURT. Das ist typisch Konrad Reiss, ein Mann, der eher aus dem Hintergrund wirkt, und es damit trotzdem weit nach oben gebracht hat. Um den neuen Job dürfte ihn freilich kaum einer beneiden: Noch diese Woche soll Reiss Peter Mihatsch als Aufsichtsratschef der Skandalfirma Toll Collect ablösen.Dass Konrad Reiss nun auf dem derzeit wohl heißesten Stuhl der deutschen Wirtschaft Platz nimmt, hat zunächst einen schlichten Grund: Die Telekom-Sparte T-Systems hat ohnehin schon den Löwenanteil der Integrationsarbeit geleistet und jetzt dafür auch formal die volle Verantwortung erhalten. Und so landet das Projekt folgerichtig in Reiss? Verantwortung.

Die besten Jobs von allen

Andererseits reizt dieses Spiel mit hohem Einsatz den 46 Jahre alten Manager. Denn gelingt ihm das Kunststück, die Maut doch noch zum guten Ende zu führen, dürfte Reiss nicht nur bei seinem Chef Ricke hoch im Kurs stehen; auch bei Daimler wird der gebürtige Schwabe dann einen Stein im Brett haben. Das Worst-Case-Szenario ist ebenso eindeutig. Sollte es Toll Collect auch unter Reiss nicht schaffen, bis 2005 ans Laufen zu kommen, gehen selbst Vertraute davon aus, ?dass sein Kopf rollen wird?.Doch der Schwabe, dessen Leidenschaft fürs Segeln inzwischen auch im Internetauftritt seines Hauses eine Entsprechung findet, ist kein Hasardeur, der den Aufstieg, den er in den vergangenen Monaten erlebt hat, leichtfertig aufs Spiel setzen würde. Erstens kennt er das Projekt gut. Zweitens kennt er die Entscheider. Drittens handelt er mit Bedacht. Es ist ihm also zuzutrauen, die ?Weichen richtig zu stellen und dann schnell zu handeln?, wie Reiss sein Rezept für den Umbau von T-Systems selbst charakterisiert hat.Dort ist es dem als selbstbewusst geltenden Strategen gelungen, den IT-Dienstleister, ursprünglich Verkaufskandidat im Konzerngefüge, innerhalb weniger Monate auf Kurs zu bringen. Im dritten Quartal 2003 stuften die Analysten von Goldman Sachs T-Systems gar als ?herausragendes Segment? im Konzern ein.Zunächst hat Reiss die Frankfurter Zentrale des 42 000 Mitarbeiter zählenden Kolosses verschlankt, eine komplette Führungsebene wurde ersatzlos gestrichen. Anstelle von zwei Geschäftsführern für die Bereiche Telekommunikation und IT-Services hat er einzelnen Sparten die Verantwortung für ihren jeweiligen Umsatz und Gewinn übertragen und ein ?Executive Board? installiert, in dem alle für die operativen Geschäftsfelder Verantwortlichen versammelt sind.Schnelligkeit und Flexibilität sollen künftig Trumpf sein. Das gilt auch für den Vertrieb, den Kunden oftmals als ?bürokratisch? empfanden. Eine intern ?Ledernacken? genannte Vertriebsmannschaft kümmert sich neuerdings um die Akquisition von Großaufträgen, wie beispielsweise einen Outsourcing-Vertrag mit dem europäischen Flugzeugbauer Airbus in dreistelliger Millionenhöhe.Der größte Erfolg des Schwaben ist aber, dass er die Grabenkämpfe zwischen den ehemaligen DebisMitarbeitern und den Telekom-Leuten entschärft hat. Denn entstanden ist T-Systems aus der milliardenschweren Übernahme des DaimlerSystemhauses Debis durch die Deutsche Telekom im Jahr 2000. Sie verschmolz den IT-Dienstleister mit ihrem Großfirmen-Kundengeschäft. Man ahnt, welche Welten damals aufeinander stießen.Dabei war es ausgerechnet Reiss, der bei der Fusion zunächst den Kürzeren zog. Denn nicht er wurde Chef der neuen Sparte, sondern sein Stellvertreter bei Debis, Karl-Heinz Achinger. Den zog Ex-Telekom-Chef Ron Sommer vor. Reiss nahm den Hut. Jetzt ist Ron Sommer weg und Konrad Reiss zurück. Im Februar 2003 installierte ihn Ricke an der Spitze von T-Systems und damit gleichzeitig im Telekom-Vorstand.Zunächst wird der Diplom-Kaufmann viel Zeit darauf verwenden, die Kontrolle zu behalten. Denn Toll Collect ist ein komplexes System, bei dem Dutzende von HighTech-Firmen wie SAP, IBM, Sun oder Siemens zuliefern. Kritiker mögen einwenden, dass T-Systems exakt diesen Auftrag ? Integration der Komponenten ? schon seit Monaten hat. Doch erst seit Februar hat man auch das Sagen. Zuvor sei man ?reiner Auftragnehmer? gewesen, heißt es bei T-Systems. Die eigentliche Schuld am Maut-Debakel trage das schlechte Projektmanagement durch Toll Collect. Das hört man häufiger in der Branche.Reiss wird anfänglich nichts anderes übrig bleiben als zunächst einmal aufzuräumen. Das dürfte, getreu seiner Devise, schnell gehen. So will der ?Spiegel? herausgefunden haben, dass Reiss schon bald den verantwortlichen Maut-Geschäftsführer Hans-Burghardt Ziermann feuern werde.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.03.2004