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Auf dem falschen Platz

Von Hans-Peter Siebenhaar
Boris Becker wäre so gern Talkmaster. Doch die Karriere des einstigen Tennisidols beim Sportsender DSF steht schon nach wenigen Sendungen auf der Kippe. Eine Handelsblatt-Reportage.
Ex-Tennisstar Boris Becker. Foto: dpa
Boris Becker wirkt an diesem Samstagmorgen im 200 Quadratmeter großen Studio des Deutschen Sportfernsehens im langweiligen Münchener Medienvorort Ismaning wie elektrisiert. Er hat ein hartes Stück Arbeit vor sich. Denn ihm gegenüber sitzt ZDF-Moderator Johannes B. Kerner, der Weichspüler der Nation. Kerner hat seine Frau mitgebracht, Britta Becker, ihres Zeichens Hockeyspielerin. Es soll ja auch um Sport gehen.?Becker 1:1?, leuchtet die Schrift im Hintergrund, die Aufzeichnung der 10. Folge von Boris Beckers eigener Talkshow läuft. ?Wie ist das Gefühl, auf der falschen Seite zu sitzen?, will Becker ernsthaft von Kerner wissen. Die nächste Kuriosität wird später folgen: ?Wer bist du heute??

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Fernsehen funktioniert nicht wie Tennis, die rhetorischen Aufschläge sind schwach, noch schwächer aber die Returns. Auf dem Bildschirm wirkt Becker angestrengt. Der Nebenerwerbs-Talkmaster liest die Fragen vom Papier brav ab, kritisches Nachfragen gibt es nicht. Becker ist auch beim DSF der nette Kumpel seiner Gäste. ?Ich bin, wie ich bin, und ich spreche, wie ich spreche ? nur so bin ich glaubwürdig. Deshalb hat es kein Sprachtraining gegeben?, gab er zu Beginn seiner Talkshow Ende April offen zu.Dabei kennt der einstige Wimbledon-Held das Medium und seine Gefahren sehr genau. ?Boris Becker ist seit 20 Jahren ein Kind der Medien?, berichtet sein langjähriger Berater Robert Lübenoff. Als Interviewgast ist er ein ausgebuffter Profi, als Talkmaster aber noch ein Anfänger. ?Er wollte endlich mal die Fragen stellen, die ihm während seiner 18-jährigen Tenniskarriere nie gestellt wurden?, sagt ein Insider. Nur diese Art der Fragen kommen beim Publikum nicht so richtig an. ?Er wirkt auf seltsame Art unnatürlich. Es ist nicht der Sportler Becker, der andere Sportler fragt?, sagt ein DSF-Mitarbeiter.Zum ersten Mal hat der Wimbledon-Held als Co-Moderator bei der Champions-League für RTL eine Pleite erlebt. ?Aus der Geschichte haben wir gelernt?, sagt heute sein Intimus Lübenoff. Der neue Anlauf im Privatfernsehen musste daher ein Erfolg werden. Schließlich ist Becker als Geschäftsmann und TV-Profi nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Beispiel ?Sportgate?: Mit seinem Internetunternehmen, das er mit dem früheren RTL-Chef Helmut Thoma gegründet hatte, legte er eine glatte Bauchlandung hin.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Mit Märchengeschichten braucht mir keiner kommen"Anfangs war die Euphorie, Moderator zu sein, groß. ?Ich werde es bestimmt nicht sofort zum Quotenkönig bringen, bin im TV-Studio noch längst nicht so gut wie auf dem Tennisplatz. Aber ich glaube an meine Möglichkeiten?, gab der 37-Jährige bei der Programmzeitschrift ?TV Movie" zu Protokoll. Dann ging es los mit ?Becker 1:1", am späten Abend. Mit dem Sportkanal DSF sind vertraglich 15 Sendungen vereinbart, dann muss neu verhandelt werden. Der Talker Becker versprach, sich mit den Großen des Sports zu unterhalten. Er versprach auch, nur Fragen zu stellen, auf die er selbst auch antworten würde. ?Mit Märchengeschichten braucht mir niemand zu kommen.? Original-Ton Becker: ?Wer lügt, der wird ausgekontert.?Die Wirklichkeit sieht anders aus, die abendlichen Runden sind allenfalls nettes Geplätscher. ?Der mag ja ein guter Tennisspieler gewesen sein, aber ein Journalist oder gar Moderator wird der nie und nimmer?, sagt ein DSF-Mitarbeiter.Die Folgen sind absehbar. Der selbst ernannte Talkmaster wusste schon zum Start: ?Wenn allerdings überhaupt niemand zuschaut, tritt das DSF mir auf die Füße.? Das genau geschieht nun. Hinter der beschaulichen Backsteinfassade der DSF-Zentrale am Rande Ismanings gärt es. Denn die Quoten der 45-minütigen Talkshow sind nicht besonders, manchmal sogar hundsmiserabel. Als der dreifache Wimbledon-Sieger Becker beispielsweise seinen Tennis-Kollegen Tommy Haas interviewte, wollten das in ganz Deutschland ganze 60 000 Zuschauer sehen. Bei solchen Quoten überlegt selbst der Intellektuellensender Arte, eine Sendung abzusetzen.Derzeit trimmt DSF-Chef Rainer Hüther, im Nebenjob auch Vorstand des DSF-Gesellschafters und einstigen Börsenlieblings EM.TV, den Sportsender auf Rendite. Gerade deshalb steht auch Beckers Talkshow unter kritischer Beobachtung. ?Das ist ein Format ohne Format?, sagt ein Insider. Offiziell wiegelt der Sender aber ab. ?Wir setzen uns am Jahresende zusammen und analysieren die Arbeit mit Herrn Becker?, sagt ein DSF-Sprecher. Im Klartext: Beckers Show steht auf dem Prüfstand. Seine Produktionsfirma Probono Fernsehproduktion GmbH, mit Büros in Köln und Berlin, schweigt sich aus. Die kleine Firma, die der ehemalige ARD-Moderator Friedrich Küppersbusch (?Zak?) leitet, ist ansonsten bekannt für seriöse Talkshows wie ?Maischberger? auf dem Nachrichtenkanal N-TV. ?Mit Sportformaten kennen sich die nicht besonders gut aus?, sagt ein Branchenkenner. Die Quoten geben ihm Recht ? auch wenn die Auftaktsendung mit Bayern-Trainer Otmar Hitzfeld mit 500 000 Zuschauern vergleichsweise gut lief. Mit dem populären Kerner als Gast brachte es Becker auf über 200 000 Zuschauer. Doch liegt das noch weit unter der Durchschnittsquote des DSF von 1,2 Prozent.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Werbeumsätze sehen bescheiden ausDabei ist der Talk auf dem Spartenkanal für Becker fast ein Heimspiel, er ist mit DSF eng liiert. DSF-Geschäftsführer Thomas Deissenberger war selbst für eineinhalb Jahre Berater von Becker. Und der enge Geschäftspartner und Berater des Tennisspielers, Hans-Dieter Cleven, ist zusammen mit der Krisenfirma EM.TV und dem notleidenden Handelskonzern Karstadt-Quelle Gesellschafter des Senders. Beim DSF wird Becker selbst daher noch immer mit Samthandschuhen angefasst.Becker und Cleven sind wie ein Gespann, der ehemalige Manager des Handelsriesen Metro organisiert vom Schweizer Steuerparadies Zug aus dessen Geschäfte. In dem steuergünstigen Kanton gründete das ungleiche Paar vor zwei Jahren ?Boris Becker & Co.?, in der Beteiligungen und Rechte aller Art gebündelt sind. Unternehmerisch sind Becker und Cleven bereits seit Jahren über die Sportartikelfirma Völkl Tennis GmbH verbunden. Seit Frühjahr betreiben die beiden auch noch eine gemeinsame Stiftung. Vor seinem Partner Cleven hat Becker Respekt: ?Da halte ich auch mal den Mund.?Doch auch Cleven, der früher das Vermögen des Metro-Gründers Otto Beisheim verwaltete, ist in erster Linie Geschäftsmann. Am Ende des Tages zählen daher für einen Minisender wie DSF, der seit seiner Gründung 1993 nur Verluste schrieb, die Werbeumsätze. Und die sehen im Fall von ?Becker 1:1? bescheiden aus. Seit dem Sendestart Ende April hat sich noch kein einziger Sponsor für die Talkshow gefunden. Nicht einmal Daimler-Chrysler wollte einsteigen. Dabei ist Becker den Stuttgartern besonders verbunden. Er verkauft seit Jahren in Autohäusern in Mecklenburg-Vorpommern die Autos mit dem Stern.Dabei sind Formate wie die Becker-Sendung preiswert. Zwischen 20 000 und 100 000 Euro kostet eine Folge der Sendung. Umgekehrt heißt das, dass Talkmaster auf Minikanälen nicht reich werden, wie immer sie auch heißen. Von Becker heißt es daher, er mache Fernsehen nicht zum Geldverdienen, sondern aus Freude an einer scheinbar sinnvollen Aufgabe.Das Ende von ?Becker 1:1? wäre für den einstigen Tennisstar umso schlimmer. ?Mit der Talkshow hat sich Becker ein neues Aufgabenfeld gesucht?, berichtet eine TV-Manager, der dessen zähe Fernsehkarriere seit Jahren beobachtet. Was aber, wenn es mit der neuen Aufgabe einfach nicht klappen will? Wieder einmal wäre der Leimener bei der Suche nach einem Platz im Nach-Wimbledon-Leben gescheitert. Becker, der sich bei seinen Kurzaufenthalten in München gern in der feinen Herberge ?Palace? im Vorort Bogenhausen einmietet, wird also weiter rastlos um die Welt jetten ? auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe.Seine Ex-Frau Barbara war bei ihrer TV-Karriere klüger. Im März dieses Jahres strahlte Pro Sieben ihr Lifestyle-Magazin ?New Life? aus. Doch sie und der Sender merkten schnell, dass zum Auftritt vor der Kamera mehr gehört als Prominenz.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.12.2004