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Auf Augenhöhe mit den Volljuristen

Von Julia Leendertse
Fachhochschulabsolventen haben in Anwaltskanzleien nichts zu suchen. Davon sind zumindest die offiziellen Standesvertreter der Anwaltschaft fest überzeugt. Aber Fachkräfte von der FH immer häufiger zum Einsatz: Bei Insolvenzen oder als Zuarbeiter im Marketing, den Abteilungen für Wissensmanagement, die Rechtsanwälte und Mandaten über neue Gesetze und Urteile auf dem Laufenden halten sowie Unternehmens- und Marktrecherchen anstellen.
DÜSSELDORF. Eigentlich dürfte es die Erfolgsstory von Nina Schütte, Diplom-Wirtschaftsjuristin aus Hamburg, gar nicht geben. Die Fachhochschulabsolventin und Steuerberaterin ist auf die steuer- und gesellschaftsrechtliche Gestaltung von Unternehmenstransaktionen spezialisiert und auf dem besten Weg, Partnerin der Hamburger Sozietät Boege Rohde Luebbehausen zu werden. Ihr Chef, der Anwalt Thilo Rohde, schaltet die 30-Jährige immer dann ein, wenn seine Mandanten bei Firmenkäufen oder Fusionen Steuern sparen wollen. ?Ihre Steuerkonstruktionen und Ausarbeitungen für die Kaufverträge sind herausragend. Unterschiede zur Arbeit eines Volljuristen kann ich nicht erkennen?, schwärmt Rohde.Mit seinem positivem Urteil widerlegt der Rechtsanwalt, was die Bundesrechtsanwaltkammer in Berlin vehement propagiert: Fachhochschulabsolventen haben in Anwaltskanzleien nichts zu suchen. ?Von der Rechtsberatung sind FH-Wirtschaftsjuristen per se ausgeschlossen. Aber selbst für Zuarbeiten wie die Vorbereitung von Verträgen sind sie von ihrer Ausbildung her nicht für die Arbeit in Kanzleien geeignet?, urteilt Ulrich Scharf, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltkammer: ?Ein FH-Absolvent, der drei oder vier Jahre studiert und sich mal mit betriebswirtschaftlichen, mal mit juristischen Inhalten beschäftigt hat, kann nicht mit einem Uni-Absolventen mit zwei Staatsexamina Schritt halten.? Scharf ist überzeugt: ?Um die komplexen Aufgaben, die gerade in Großkanzleien anfallen, bewältigen zu können, muss man auch als Zuarbeiter auf gleicher Augenhöhe mit Volljuristen agieren können. Mit Halbwissen ist hier keinem gedient.?

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Trotz der radikalen Ablehnung, die vor allem die offiziellen Standesvertreter der Anwaltschaft den Diplom oder Bachelor-Wirtschaftsjuristen entgegenbringen, ist Nina Schütte jedoch längst kein Einzelfall mehr. Auch Harald Plewka, Anwalt, Steuerberater und Partner bei Gleiss Lutz in Frankfurt ? immerhin eine der Top-Ten-Anwaltskanzleien in Deutschland ?, ist von den fachlichen Qualitäten der Wirtschaftsjuristen angetan. Schon seit ein paar Jahren arbeitet der Spezialist für M&A sowie die steuerrechtliche Gestaltung von Fonds mit Wirtschaftsjuristen der früheren FH Nordostniedersachsen zusammen, die jetzt mit der Universität Lüneburg fusioniert ist. ?Die Ausbildung mit Schwerpunkt Steuer- und Prüfungswesen ist in Lüneburg so fundiert und praxisnah, dass wir die Absolventen direkt im Tagesgeschäft einsetzen. Volljuristen von der Uni hingegen müssen wir meist erst mal für den Job fitmachen ? und das selbst, wenn sie sich während des Studiums bereits mit Steuerrecht beschäftigt haben?, berichtet Plewka. Allein im Frankfurter Büro von Gleiss Lutz arbeiten drei FHler.
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Wo die Fachkräfte von der FH immer häufiger zum Einsatz kommen: Bei Insolvenzen oder als Zuarbeiter im Marketing, den Abteilungen für Wissensmanagement, die Rechtsanwälte und Mandaten über neue Gesetze und Urteile auf dem Laufenden halten sowie Unternehmens- und Marktrecherchen anstellen. ?Dass in Kanzleien nur Volljuristen mit einer Abschlussnote von mindestens voll-befriedigend arbeiten, ist eine Mär, die manche Wirtschaftskanzleien aus Imagegründen verbreiten. Mit der Wirklichkeit hat das jedoch kaum etwas zu tun?, urteilt der Experte für Business Development einer Münchner Kanzlei. Richtig ist: Traditionell erledigen die so genannten Associates ? also die jüngeren Volljuristen, die noch Partner werden wollen? die Fleißarbeiten, die im Tagesgeschäft anfallen.Doch nicht nur aus Kostengründen stellen immer mehr Kanzleien Spezialisten aus anderen Disziplinen ein. ?In Archiv und Informationsservicestellen beschäftigten wir zum Beispiel bewusst ausgebildete Bibliothekare?, bestätigt Niklaus Berger, Leiter des Wissensmanagements bei Freshfields Bruckhaus Deringer. ?Kanzleiinterne Tests ergaben, dass diese Rechercheexperten weit treffsicherer und vor allem schneller Datenbanken durchforsten als unsere Rechtsanwälte.? Das gelte selbst bei juristischen Themenfeldern. Und so stellen bei Freshfields Nicht-Juristen für die Top-Anwälte die Reports zusammen, die die Juristen brauchen, um up-to-date zu bleiben. ?Was zählt, ist, dass jemand exzellente Arbeit leistet. Das juristische Wissen lässt sich für diese Zwecke auch ohne Staatsexamen lernen.? Freshfields beschäftigt jedoch keine FH-Absolventen. ?Unsere Mitarbeiter müssen einen gleichwertigen Uniabschluss mitbringen wie unsere Anwälte, sonst käme es zu Akzeptanzproblemen?, so Berger.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hoch bezahlte Volljuristen verbringen viel Zeit damit, Fachzeitschriften zu durchforsten.?FH-Wirtschaftsjuristen könnten enorm zur Entlastung von Anwälten beitragen. Auch wenn sie von der Rechtsberatung ausgeschlossen sind, so könnten sie für die Advokaten doch als fachkundige Zuarbeiter im Hintergrund agieren?, meint hingegen Ulrich Tödtmann, Vorstand der MVV Verkehr AG, der zuvor lange Jahre Chefsyndikus des MVV-Konzerns war. Sie können den Anwälten zeitraubende Präsentationen für Beauty Contests oder bei Unternehmenslenkern abnehmen. Auch bei Due-Diligence-Prüfungen und Berichtserstellung können Kanzleien sie bedenkenlos einsetzen.Tödtmanns Credo: ?Jeder Anwalt sollte einen haben.? Dies hätte auch handfeste wirtschaftliche Vorteile für Kanzleibetreiber und Mandanten. Bislang verbringen hoch bezahlte Volljuristen einen Großteil ihrer Zeit damit, Fachzeitschriften zu durchforsten oder durchaus standardisierbare Vorarbeiten ? wie Vertragsentwürfe oder Musterschreiben ? zu erstellen. Diese Back-Office-Kosten werden an den Mandanten weiter gereicht. Auch aus Klientensicht ist eine differenziertere Personalpolitik ? jenseits von ?Hier arbeiten nur Sekretärinnen und Anwälte? also wünschenswert. Jedoch: Die FHler sind zuweilen zu stolz. ?Unsere Absolventen haben hervorragende Einstiegschancen in der Industrie und bei Dienstleistern. Mit ihrer juristisch-betriebswirtschaftlichen Doppelqualifikation finden sie attraktive Stellen im Vertrags- und Personalmanagement von Unternehmen, im Firmenkunden- und Kreditgeschäft von Banken oder bei Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Oft legen sie hier noch das Steuerberater- oder Wirtschaftsprüferexamen ab?, berichtet Christiane Söffker, Studiengangsleiterin für Wirtschaftsrecht an der Universität in Lüneburg. Sich auf Sachbearbeiterebene in einer Rechtsanwaltskanzlei zu verdingen, haben sie also nicht unbedingt nötig.
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Und auch aus Arbeitgebersicht ist zu bedenken: Nicht jeder Studiengang bereitet die Wirtschaftsjuristen auf die Arbeit einer Kanzlei ausreichend vor. ?Wirtschaftsjuristen sollen den Volljuristen nicht generell ersetzten?, konstatiert Alexander Barth, Professor für Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre an der Leuphana Universität in Lüneburg.Aber die wirtschaftsrechtliche Ausbildung bei uns in Lüneburg basiert ? genauso wie die Anwaltsausbildung auf der juristischen Methodenlehre, ist zudem aber auch noch interdisziplinär, gestaltungsorientiert und spezialisiert. Im Schwerpunkt Steuern und Prüfungswesen können wir unseren Studenten eine derart intensive Ausbildung anbieten, dass unsere Wirtschaftsjuristen in ihrer Spezialdisziplin einen enormen Vorsprung vor Volljuristen haben.?
Dieser Artikel ist erschienen am 04.07.2007