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Audi klärt die Chef-Frage nicht endgültig

Von Markus Fasse und Carsten Herz
Der bisherige Finanzvorstand Rupert Stadler wird zunächst kommissarisch neuer Vorstandschef des Ingolstädter Autobauers. Audi ließ am Mittwoch offen, für wie lange Stadler das Amt so führen soll. In Branchenkreisen wird schon über einen seinen Umzug nach Wolfburg spekuliert.
Rupert Stadler (43), der neue Spitzenmann bei Audi.
FRANKFURT. Ob ein monströser, spritfressender Geländewagen wie der Q7 noch in die Landschaft passt? Er passt, denn er kann mehr als die Konkurrenten aus Stuttgart und München kontert Stadler. Ist Ingolstadt das bessere Wolfsburg? Ein charmantes Grinsen muss als Antwort reichen.Es war wohl kein Zufall, dass Finanzvorstand Rupert Stadler im vergangenen Jahr auffällig viele Interviews zum Thema Audi führte. Nun gehört die Edelmarke mit den vier Ringen zu 99 Prozent zum Wolfsburger Volkswagenkonzern, was die Bedeutung des Audi-Finanzressorts relativiert. Doch auch Themen ausserhalb der Buchhaltung konnte der studierte Betriebswirt Stadler ausgesprochen sattelfest vertreten. Der 43-jährige lief sich schon länger für höhere Aufgaben warm. Jetzt wird er neuer Audi-Chef ? kommisarisch.

Die besten Jobs von allen

Mit Stadler rückt erstmals ein Nicht-Ingenieur auf den Chefsessel der hochprofitablen Volkswagen-Tochter Audi. Sein Vorgänger Martin Winterkorn tritt am 1. Januar als Vorstandschef beim Mutterkonzern in Wolfsburg an. Sowohl Winterkorn als auch Stadler gelten als enge Vertraute des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden und alten starken Manns im Konzern, Ferdinand Piëch. Beide gelten als Ziesöhne des mächtigen VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech, der über den Sportwagenhersteller Porsche Europas größten Autokonzern kontrolliert.Wären die Haare nicht leicht ergraut, Stadlers jugendliche Züge könnten ihn als aufstrebenden Projektmanger durchgehen lassen. Ungefähr genausoviel ist über ihn in der Öffentlichkeit bekannt. Die hilflose ?Wie ist der denn so??-Frage ist in diesen Tagen ein Klassiker in der Audi-Pressestelle. Dort bemüht man sich eilfertig, dem Image eines spröden Buchhalters entgegenzuarbeiten. ?Stadler ist ein typischer ?Car Guy', immer dicht am Produkt und nicht nur auf die Zahlen konzentriert?, sagt einer, der Stadler gut kennt.Kritiker bemängeln, dass Stadler mit 43-Jahren wohl die Erfahrung für den Job fehlen könnte. Realisten weisen daraufhin, dass der künftige VW-Chef Winterkorn als wahrscheinlicher Aufsichtratschef in Ingolstadt die Zügel sehr eng führen wird. Stadler und Winterkorn gelten als eng eingespieltes Team. Und dass Stadler jahrelang das Büro des VW- und Audi-Übervaters Ferdinand Piech führte, dürfte ohnehin manchen möglichen Makel von ihm nehmen. Produktionsvorstand Jochem Heizmann und Vertriebschef Ralph Weyler hat er jedenfalls aus dem Feld schlagen können.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kommisarisch übernimmt Stadler eine Erfolgstory.Wenn er denn bleibt. Denn kaum war seine Personalie verkündet, da meldet sich Audi-Betriebsratschef Peter Mosch zu Wort. ?Den Zusatz kommissarisch halten wir nicht für adäquat. Erklären lässt sich dieser Zusatz durch die Gesamtsituation im VW Konzern.? wütet Mosch mit dem Selbstvertrauen der Arbeitnehmervertretung des Besten Pferdes im Stall VW vorzustehen. Denn nicht wenige im Konzern argwöhnen, dass Stadler schon bald Winterkorn nach Wolfsburg folgt und dort Finanzchef Hans Dieter Pötsch ablöst. Schließlich braucht Winterkorn Vertraute, um die Kasse von Europas größtem Autokonzern in Ordnung zu halten.Kommisarisch übernimmt Stadler eine Erfolgstory. Binnen eines Jahrzehnts hat sich die einst biedere VW-Tochter in die Riege der Premiumhersteller BMW und Mercedes hochgearbeitet und verkündet schon, diese im nächsten Jahrzehnt überholen zu wollen. Für den Ausdauersportler Stadler, der sich mit Radfahren und Joggen fit hält, wäre das ein interessanter Zeitrahmen. ?Wir stehen noch nicht auf der Shopping-List der Amerikaner?, mäkelt Stadler und liess zuletzt viel Geld für Imagekampagnen und neue Händlerstützpunkte springen.Im Gegensatz zum detailversessenen Tüftler Winterkorn, der sich gerne ist um jede Kleinigkeit selbst kümmert, ist Stadler kein gelernter Auto-Manager. Seine erste berufliche Stadion führte den Bayern aus Titting zu Philips in Nürnberg. Erst 1990 wechselte er zu Audi nach Ingolstadt, wer seit 2003 für den Geschäftsbereich Finanz und Organisation verantwortlich ist. Stadler kennt also das Unternehmen und ist mit den Modellplänen bestens vertraut. Doch sollte er wirklich länger bei Audi bleiben, müsste er sich eine neue Führungsmannschaft suchen.Winterkorn wird wohl einige Manager von Audi mit in die Zentrale nehmen, um seine Machtposition in Wolfsburg zu stärken. Neben Audi-Chefdesigner Walter de Silva, der möglicherweise VW-Designer Murat Günak ablöst, bahnt sich auch der Wechsel von Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg an, heißt es in Ingolstadt.In der Zufriedenheit der Autokäufer konnten sich die Ingolstädter erstmals knapp vor BMW auf Platz sieben schieben und sind nun beliebteste deutsche Marke, hat das US-Marktforschungsinstitut JD Power herausgefunden. 2002 lag Audi noch weit hinter BMW und Mercedes. Der neue Bonus bei den Käufern könnte dem Ingolstädter Autobauer in den nächsten Jahren kräftigen Anschub geben. Doch Analysten sind skeptisch. Bislang zeigt die Absatzkurve bei BMW am steilsten nach oben. Audi verfügt indes noch über die meisten weißen Flecken im Modellprogramm - und damit das größte Potenzial. Das Stadler jedoch das Potenzial besitzt für den mühseligen Marsch an die Spitze, ist unbestritten. Sein sportliches Motto ist vielsagend: Was die Ausdauer angeht, sei es im Sport wie bei der Arbeit. Man müsse eben immer einen kleinen Quälfaktor überwinden.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2006