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Auch Du bist Kleinfeld

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Es sind immer "die da oben", die in Unternehmen Jobs weghauen und sich selbst Spitzengehälter zuschanzen. Doch fängt verantwortungsvolles Handeln nicht schon unten an? Trainees stehen genauso wie Topmanager in der Pflicht.
Auch Du bist Kleinfeld

Es sind immer "die da oben", die in Unternehmen Jobs weghauen und sich selbst Spitzengehälter zuschanzen. Doch fängt verantwortungsvolles Handeln nicht schon unten an? Trainees stehen genauso wie Topmanager in der Pflicht

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"Absolut" ist ein Lieblingswort von Klaus Kleinfeld. Dass er aus ärmlichen Verhältnissen kommt, hat ihn "absolut" geprägt. Die Angst der Deutschen vor Arbeitslosigkeit versteht er "absolut". Und das Schicksal der 3.000 Handy-Schrauber, die er an BenQ und damit in die Insolvenz verkauft hat, ist ihm "absolut" nicht egal. Verkauft hat er sie trotzdem. Und verraten, murren die Ex-Siemensianer, die zuvor durch Lohnverzicht bewiesen hatten, dass sie sich der Verantwortung für ihr Unternehmen stellen

Die besten Jobs von allen


Vom Vorstandsvorsitzenden des Münchener Elektrokonzerns weiß man allerdings auch, dass er Motorola die Handy-Sparte nicht verkaufte, weil die Amerikaner nur einen Teil der Mitarbeiter übernommen hätten. So kamen die Taiwanesen ins Spiel, die die auf ein Jahr befristete Jobgarantie gegen Patente und eine Art Schmerzensgeld von 413 Millionen Euro schluckten. Genützt hat's - absolut - nichts.

Sparen, sparen, sparen
Die Liste lässt sich fortsetzen. Wie Kleinfeld Siemens, krempelt Michael Diekmann den Allianz-Konzern um, schließt Niederlassungen, obwohl das Unternehmen ordentliche Gewinne macht ( zum Artikel). René Obermann spart die Telekom klein, Werner Wenning Bayer, Dieter Zetsche DaimlerChrysler. Um die Rendite zu erhöhen, streichen sie Tausende von Arbeitsplätzen. "Wo bleibt die Moral?", fragen die Weggesparten.

In Deutschland wohl auf der Strecke, stellt Ecco, ein internationales Netz von Kommunikationsagenturen, in einer aktuellen Studie fest. 4.079 Unternehmen in zwölf Ländern wurden untersucht, 3.234 darunter bekennen sich zu Werten, die von Perfektionismus bis Patriotismus reichen. Deutsche Unternehmen betonen Innovation, Kundenzufriedenheit und Qualität - so genannte professionelle und wettbewerbsorientierte Werte -, während soziale Verantwortung auf Platz 14 liegt und Vertrauen auf 30, dem letzten Platz. In allen anderen Ländern gewichten Unternehmen moralische und soziale Werte stärker

Karl-Martin Obermeier von der Fachhochschule Gelsenkirchen, der die Studie begleitet hat, urteilt: "Es gibt Maschinen und Menschen, aber in Deutschland wird der Unterschied zwischen beiden nicht recht gewürdigt." Die Mitarbeiter seien nur Funktionsträger, "und wenn die am Monatsende ihren Scheck kriegen, sagt sich das Unternehmen, nun muss es aber gut sein". Und die Werte, die in Leitlinien hochgehalten werden? "Alles Lippenbekenntnisse.

Ein echter König Kunde
Dabei ist Verantwortung nicht unbedingt auf das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschränkt. Um das zu verdeutlichen, bemüht Guido Palazzo, der Unternehmensethik an der Universität Lausanne lehrt, gern Mswati III., den König von Swasiland. Mswati III. bestellte im vergangenen Jahr bei Mercedes einen Maybach mit allem Drum und Dran für geschätzte 500.000 Dollar. Palazzo findet das höchst unangemessen, weil die meisten der königlichen Untertanen von weniger als einem Dollar am Tag leben: "Hat DaimlerChrysler durch den Verkauf des Maybachs an den König moralische Schuld auf sich geladen?", grübelt der Ethikprofessor.

Immer mehr Unternehmen fürchten die Sprengkraft einer solchen Frage. Einige kommen unschmeichelhaften Antworten lieber zuvor, indem sie von Wächterorganisationen Unbedenklichkeitsbescheinigungen einholen. Beispiel Ikea: Die schwedische Möbelkette nimmt am Internationalen Waldprogramm des WWF teil, kämpft gemeinsam mit Save the Children gegen Kinderarbeit in indischen Teppichfabriken und unterstützt Unicef- und WHO-Projekte. Eigens ausgebildete "Iway-Kontrolleure" - Iway steht für The Ikea Way - schauen den Lieferanten auf die Finger, damit diese die Umwelt schonen und ihre Mitarbeiter anständig behandeln

Kleiner gemeinsamer Nenner
Den meisten deutschen Unternehmen geht das jedoch zu weit. Sie stecken ihren Verantwortungshorizont an Kunden, Aktionären und Mitarbeitern ab - in dieser Reihenfolge. Eine Ausnahme macht die Lifestyle-Industrie, die sich wie etwa Puma hohe soziale und ökologische Standards auferlegt. Sie weiß, kein Freizeitkicker tritt gern gegen einen Ball, den müde Kinderhände in Pakistan zusammengenäht haben

Die Verantwortung für Mitarbeiter wird in der Regel auf die Verantwortung für Arbeitsplätze reduziert. Auch dies ist kein großer gemeinsamer Nenner in der Diskussion um soziale Verantwortung. In den Blütejahren der Bundesrepublik gerieten Beschäftigungsverhältnisse zuweilen zur Rundumversorgung: Da schickten Konzerne wie BASF ihre Malocher ins eigene Ferienheim an der See und halfen, wie die ehemalige Ruhrkohle, den Kindern ausländischer Kumpel bei den Schulaufgaben. Oder sie ermutigten Familien über Generationen hinweg, "beim Daimler ze schaffe".

Verantwortung mündet in Vertrauen und dieses in Loyalität. Damit ist es vorbei, in einer globalisierten Wirtschaft gibt es kaum mehr Kuschelecken. Unternehmen müssen jeden Wettbewerbsvorteil ausreizen, und die Mitarbeiter haben gelernt, dass es nicht wehtut, wenn man von einem Job zum nächstbesseren "hoppt". Beide Seiten haben sich als Berufslebensabschnittspartner eingerichtet. In dieser Ehe regiert die Vernunft. "Eins ist doch klar", fasst Siemens-Chef Kleinfeld zusammen, "nur erfolgreiche Geschäfte schaffen sichere Arbeitsplätze." Er hat keine Zweifel, dass seine Mitarbeiter die Notwendigkeit "wettbewerbsfähiger Kostenstrukturen" einsehen. Allerdings ist der globale Wettbewerb auch ein Totschlagargument. Irgendwo auf der Welt kann man stets billiger konstruieren und fertigen, aber darf dies die Messlatte für eine Gesellschaft mit den höchsten politischen, ökonomischen und sozialen Standards sein?

Im Selbstbedienungsladen
Zumal Topmanager ihren Mitarbeitern gern Wasser predigen, sich selbst aber edle Tröpfchen eingießen. Die gerade wieder vor Gericht verhandelten Millionenabfindungen für Ex-Mannesmann-Vorstände sind nur ein Beispiel. Kurz vor dem Handy-Debakel hatte der Siemens-Vorstand eine Erhöhung seiner Bezüge um rund 30 Prozent durchgesetzt. Unter dem Druck der Öffentlichkeit verschob Kleinfeld dann den warmen Regen auf das nächste Jahr und steckte die gesparten fünf Millionen Euro in den Hilfsfonds für die BenQ-Mitarbeiter - der schale Nachgeschmack blieb.

Siemens befindet sich in bester Gesellschaft, wie eine Studie der Universität von Arkansas zeigt: Unternehmen, die entlassen, zahlen ihren Vorständen über mehrere Jahre eine Art Kahlschlagprämie. Jedenfalls hat der Autor der Studie, der Wirtschaftsprofessor Craig Rennie, nachgewiesen, dass die Vergütungen schneller steigen als in Unternehmen, die nicht entlassen.
Da mutet es fast komisch an, wenn ausgerechnet Kleinfeld Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Verantwortungsgefühl zu den Tugenden der "wahren Führungselite" erhebt - anzunehmen, dass er dieses Vor-Bild von sich selbst hat. Wer kauft es ihm ab? "Ich gehe stark davon aus, dass Kleinfeld sein Kapital bei vielen jungen Leuten verspielt hat", sagt der Wirtschaftssoziologe Holger Rust. "Er ist kein Vorbild für die Elite der Zukunft, die einen kooperativen, kommunikativen Führungstyp vorzieht.

Rust bezweifelt, dass Konzernmanager überhaupt noch als Vorbilder taugen. "Viele sind nur hoch bezahlte Verwaltungsbeamte eines kennzahlenfixierten Systems. Wie soll da ein Wert wie soziale Verantwortung reinpassen?" Der Eliteforscher sucht woanders Vorbilder. "Gucken Sie in den Mittelstand", rät er. "Da finden Sie noch Figuren, die ihr Unternehmen mit individueller Fantasie lenken und ihren Mitarbeitern wirklich nahe stehen." Auch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, obwohl selbst ein Konzerngewächs, lobt die "weißen Raben" wie Würth oder Stihl, die ihren Mitarbeitern Verantwortung vorlebten und es dennoch - oder gerade deshalb - an die Spitze der Weltmärkte gebracht hätten.

Stars in der zweiten Reihe
Nicht Konzernstrategen, sondern Ärmelaufkrempler, Rückhaltgeber, Wir-Fühler weisen den Weg in eine ethisch saubere, Kunden, Mitarbeitern und Eigentümern gleichermaßen verpflichtete Unternehmensführung. So überrascht nicht, dass eine Initiative wie "Ethics in Business", bei der sich Wolfgang Grupp und Jürgen Heraeus engagieren, Zukunftsprojekte vor allem im Mittelstand entdeckt. Aus der gleichen Quelle schöpft die Schwab-Foundation für ihren Wettbewerb "Social Entrepreneur of the Year". Konzernangestellte müssen trotzdem nicht resignieren.

Im Kleinen Großes zu bewegen, geht in jeder Organisation. Den Gedanken, Business-Ethik auf die Ebene des Einzelnen herunterzubrechen, verfolgt die Wertekommission, die sich als Plattform für Führungskräfte zwischen 25 und 45 Jahren versteht. "Jeder Mitarbeiter kann in der ihm vom Unternehmen zugedachten Rolle soziale Verantwortung leben", ist Vorstand Kai Hattendorf überzeugt. "Werte dürfen nicht nur von oben diktiert werden. An der Basis entscheiden sich die Dinge, da muss man nah dran sein." Das könnte auch Klaus Kleinfeld unterschreiben. Er antwortete einmal auf die Frage, wie er sich die Topmanager von morgen wünsche: "Zur wahren Führungselite werden sie nur, wenn sie ihre Bodenhaftung behalten."?

Christoph Stehr

Mehr zum Thema: Essay von Wirtschaftspsychologe Dieter Frey unter www.karriere.de/frey
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2006