Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Auch die Kostendrücker werden nun Opfer der Sparwelle

Von Chris Löwer, Handelsblatt
Controller werden immer noch gesucht ? vorausgesetzt, die Qualifikation stimmt. Der Idealkandidat muss in US-GAAP und IAS fit sein und strategisch denken und handeln können.
Während andere gehen müssen, dürfen Controller bleiben. Bislang waren die Kostendrücker Profiteure der Krise. Nun hat sich der Wind etwas gedreht: Große Einstellungsrunden wie vor drei Jahren gehören der Vergangenheit an. Begehrt sind die Sparkommissare zwar immer noch ? aber nur, wenn sie ein anspruchsvolles Qualifikationsprofil erfüllen. Und, auch das: Wenn sie sich von den bisher üblichen, üppigen Gehaltsvorstellungen frei machen.?Arbeitgeber sind nicht mehr bereit, Jahresgehälter von 100.000 Euro zu zahlen. Das Ende der Fahnenstange ist bei 75.000 bis 80.000 Euro erreicht?, berichtet Frank Wartzek, Arbeitsvermittler für obere und oberste Führungskräfte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). Zwar werden Ansinnen, eine Führungskraft für unter 60.000 Euro im Jahr vermittelt zu bekommen, abgelehnt, aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist so, dass durchaus geknausert werden kann.

Die besten Jobs von allen

?Controller werden nach wie vor gesucht, gerade im produzierenden Gewerbe, von der Automobilindustrie bis zur Metallverarbeitung. Aber mit Einschränkungen: Sie müssen jung und international erfahren sein?, ist Wartzeks Erfahrung. Jenseits der 45 Jahre wird?s eng.Bei der ZAV waren im abgelaufenen Jahr 27 Positionen für einen ?Leiter Controlling? zu vergeben. Zwar seien deutlich mehr Stellen vorhanden, die würden derzeit aber nicht besetzt. Die Unternehmen bevorzugen stattdessen interne Lösungen ? überbrückungshalber. Bis die Wirtschaft wieder brummt.Conrad Günther, Geschäftsführer des Controller Vereins (CV) registriert gar eine schrumpfende Nachfrage, hofft aber auch auf das Anspringen der Wirtschaft. Trotz allem sei die Lage für Controller, gerade mit Blick auf andere Berufszweige, durchaus passabel: Es ist Ruhe im hektischen Abwerbespiel eingekehrt, an dem die Headhunter gut verdienten.Der Autozulieferer Johnson Controls verzeichnete beispielsweise noch vor drei Jahren 100 Vakanzen. Heute meldet Financial Director Christian Sporleder: ?Wir besetzen in diesem Jahr Stellen nach.? Und verzichtet auf die Nennung konkreter Zahlen. Der Idealkandidat muss in US-GAAP und IAS fit sein, strategisch denken und handeln können, um den Anforderungen globaler Märkte gerecht zu werden. ?Wir achten erheblich mehr auf internationale Mobilität?, sagt Sporleder.Bei der Eon Energie AG sollte der Controller-Nachwuchs über einen hervorragenden Hochschulabschluss (mit Controlling als Schwerpunkt), IT-Kenntnisse, Praktika, Auslandserfahrung, unternehmerisches Denken und Kommunikationsfähigkeit verfügen. Das Übliche. Gefragt sind Querdenker und kritische Berater des Managements. Bei der Dresdner Bank gilt der Controller gar als ?Gewissen des Unternehmens?, der sich ?durch quantitative- analytische Fähigkeiten, strategisches Denken und Geschäftsverständnis? auszeichnet.?Controller findet man häufig nur als Lieferanten von Kostendaten. Kundenzufriedenheit, Kundenbindung und Kundenwert sind Domänen des Marketings?, kritisiert Jürgen Weber, Professor am Lehrstuhl für Controlling an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar. Er vermisst die ?Treiberrolle?. Der bloße Kostendrücker sei ein Auslaufmodell. Wer sich nur berufen fühle, auf die Kostenbremse zu treten, der könne einem Unternehmen sogar schaden, meint der Professor. Etwa wenn aus Sparwut Innovationen auf der Strecke bleiben. Weber fordert neben fachlicher Kompetenz die Fähigkeit, psychologisch geschickt zu agieren, weil sich nur so gewonnene (unbequeme) Erkenntnisse vermitteln lassen.Conrad Günther vom Controllerverein fügt eine weitere Facette hinzu: ?Finanz- und Beteiligungscontrollern kommt immer mehr die Funktion eines internen Unternehmensberaters zu, der vorausschauend Trends erkennt, auf diese reagiert und strategische Ziele erreichen hilft.? Günthers Credo: ?Mitarbeiter, die nur schlechte Zahlen berichten, sind klar auf dem Rückzug.?Das kann ZAV-Mann Wartzek nur bestätigen: ?Gesucht sind Kräfte, die zupacken und nicht nur verwalten.? Schließlich, stellt Renate Adler, Vizepräsidentin des Bundesverbands der Bilanzbuchhalter und Controller (BVBC), klar, ist der Controller eben kein Kontrolleur: ?Er hat eine Führungsaufgabe, weil sich sein Handeln nicht aufs Reagieren beschränkt, wie es bei der Kontrolle der Fall ist.?Heike Kreten-Lenz, Bundesgeschäftsführerin des BVBC ist für die Zukunft ihres Berufsstands frohgemut: ?Die Nachfrage wird sicherlich etwas anziehen, weil die Banken bei der Kreditvergabe im Zuge von Basel II unweigerlich einen tieferen Einblick in die Unternehmensabläufe fordern.? Außerdem gebe es bei der Öffentlichen Hand noch einigen Bedarf.Um junge, gut qualifizierte Kräfte bemühen sich auch gemeinnützige Organisationen, Dienstleister, Krankenhäuser, selbst Stiftungen ? meist aus einer krisenhaften Situation heraus. Insofern gilt in diesem Jahr und darüber hinaus: Die Nachfrage ist deutlich besser und vor allem stabiler als etwa bei Marketing- und Personalmanagern. Nur gilt leider: Die Anforderungen steigen, nicht aber das Gehalt.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2004