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Attraktives Ernergiebündel

Von Christoph Mohr
Lavinia Biagiotti ist eine der Hoffnungsträgerinnen der italienischen Mode-Industrie. Als Junior-Chefin der von ihrer Mutter begründeten Mode-Firma Laura Biagiotti Spa kämpft sie um das Überleben im globalen Kampf der Luxusetiketten. Ihr Lebensmotto: It can be done.
HB. Sie hätte auch Miss Italia werden können. Oder eines dieser It-Girls, die alles haben und das gewisse Extra noch dazu. Inkarnation der sinnlich-schönen Italienerin mit Topmodel-Größe, reiches Fashion Girl, Millionenerbin mit Apartments in Rom, Mailand und New York sowie eigenem Golf-Club. Die 29-jährige Lavinia Biagiotti Cigna wäre wie geschaffen für die Rolle des Society-Girls.Doch anstatt das zu tun, was die tun, denen die Götter Roms Schönheit und Reichtum geschenkt haben, kämpft Lavinia Biagiotti als Junior-Chefin darum, dass Modehaus und Marke Laura Biagiotti im globalen Konkurrenzkampf der Brands und Luxusetiketten bestehen und überleben können. Nicht in die Klatschspalten der ?Vogue? und anderer Edelblätter will sie, sondern auf die Mode-Seiten.

Die besten Jobs von allen

Der Tag, der ihr Leben verändern sollte, war der 25. August 1996. Lavinia war siebzehn, hatte das Leben vor sich: ?Ich wollte die Welt retten.? Ihr Traum war, Medizin zu studieren. Wie ihr Vater. Doch der krebskranke Gianni Cigna lag im Sterben. ?Das Leben muss weiter gehen?, sagte er ihr auf dem Sterbebett und vererbte ihr seinen Leitspruch: ?It can be done.?Anstatt die Welt zu retten, rettet Lavinia Biagiotti Cigna ihre Mutter. ?Ich hatte Angst, dass meine Mutter nicht weiter macht?. Die Abiturientin tritt in die Firma ein, die ihre Mutter vor mehr als drei Jahrzehnten gegründet hatte und folgte damit dem, was seit jeher das Erfolgsrezept erfolgreicher Italiener ist: conta solo la famiglia. Nur die Familie zählt. ?Sie müssen verstehen", sagt die Frau, die hier alle als Lavi kennen, ?Ich bin mit diesen Leuten aufgewachsen.? Eine Kindheit zwischen Laufsteg und Atelier.Es wurde so etwas wie eine Lehre bei der Mutter. Kein Zuckerschlecken. ?Es war manchmal hart?, sagt Biagiotti. Gern wird die Geschichte erzählt, dass sie im ersten Lehrjahr nur Kopien gemacht und Kaffee gekocht habe. Vor allem war es: Learning by doing. Und fast so, als ob die Lehre noch nicht ganz zu Ende sei, darf sie sich auch heute nur ?Junior Vice President? der Biagiotti Group SpA nennen. In der Mutter-Tochter-Firma hat Mama noch immer das letzte Wort.Mit dem Pathos, das nur bei Italienern nicht hohl und kitschig klingt, sondern Lebensstil ist, sagt Lavinia Biagiotti: ?Mein größter Erfolg ist, meine Mutter wieder glücklich zu sehen.? Andere werden nüchterner nach der Leistung der Jung-Managerin und Designerin fragen.Erfolgreich war die Mode-Managerin vor allem bei ?Line Extensions?, dem Lizenzgeschäft mit Lingerie, Sonnenbrillen, Taschen, Schuhe und Schmuck. Gerade wurde Laura Biagiotti Casa in Paris präsentiert. Besonders wichtig ist das Parfumgeschäft mit dem starken Lizenzpartner Procter & Gamble, das für etwa ein Drittel des Gesamtumsatzes steht. ?Roma?, von Laura Biagiotti vor 15 Jahren auf den Markt gebracht, gilt als weltweit meistverkaufter Duft nach ?Chanel Nr 5?. Tochter Lavinia setzte erfolgreich ?Aqua di Roma Uomo? daneben; 2005 gab es dafür den Fifi-Award, den Oscar der Parfümindustrie. Und soeben wurde der neue Duft ?Laura Biagiotti Donna? präsentiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Segment gilt als Wachstumsmarkt.Als Designerin, deren Vorstellungen von einem Design-Team umgesetzt werden, geht die unter Lizenz gefertigte Kinder-Luxusmode-Linie Laura Biagiotti dolls auf ihr Konto. Dieses Segment gilt als Wachstumsmarkt. Kein schlechtes Geschäft, wie es scheint. 40 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr habe man 2007 mit den teuren Kinderklamotten gemacht, lässt das Unternehmen verlauten. Genauere Zahlen gibt es aber nicht.Weniger klar ist Lavinia Biagottis Einfluss auf die Hauptlinie. Zwar gilt in der Branche als ihr Erfolg, dass sie dazu beigetragen hat, die betulichen Edelkollektionen der ?Kaschmir-Königin? Laura Biagiotti aufzupeppen. Die ist keine Mode-Avantgardistin, sondern macht bei ihren Edelkollektionen tragbare, fast zeitlose Eleganz. Das ist kein schlechtes Business-Modell, wenn man genug wohlhabende Käuferinnen eines gewissen Alters hat, aber ein Problem, wenn man im globalen Wettbewerb der Brands mithalten will, zumal die Marke auch entscheidend für den Verkaufserfolg von Parfüm und Accessoires jeder Art ist. Und da ist nicht zu übersehen: Die Marke Laura Biagiotti ist eben nicht so hip wie Dolce & Gabbana, La Botega Veneta, Gucci, Prada und natürlich Armani.Der Düsseldorfer Modehändler Albert Eickhoff, einer der ganz Großen der Branche in Deutschland, sieht die Dinge noch kritischer: ?Der Name Laura Biagiotti ist sehr verkrustet. Ich zweifele sogar daran, dass sie das jemals wieder in den Griff bekommen kann. Wenn Lavinia Biagiotti selbst so viel Styling-Kraft hat, muss sie unter einem anderen Namen eine neue Linie bringen.? Doch ?Roma?, die Modelinie, die Lavinia Biagiotti 2001 unter eigener Verantwortung auf den Markt brachte, wurde wieder eingestellt.Nuancierter das Urteil von Patricia Riekel, Deutschlands einflussreichster Mode- und Society-Chefredakteurin (Bunte, Amica): ?Laura Biagiotti ist eine starke Marke in Italien und im Ausland geschätzt. Wie bei allen Familienunternehmen im Modebereich kommt es darauf an, dass der vererbte Anspruch auf Qualität finanzierbar bleibt. Lavinia Biagiotti ist eine ausgezeichnete Managerin, weil sie der Ressourcen eines Familienunternehmens perfekt ausnutzt: Tradition, sparsamer Umgang mit Geld und Wertschätzung handwerklicher Qualität. Es ist für jedes Familienunternehmen wichtig, dass Manager nicht von außen geholt werden müssen.Dieser Erfolg hat auch sonst Anerkennung gefunden. 2004 wurde Biagiotti zum Mitglied der Camera Nazionale della Moda Italiana gewählt, als jüngstes Mitglied in der Geschichte des italienischen Modeverbandes. Es gab Auszeichnungen wie ?Best Young Designer? und ?Best Young Fashion Entrepreneur". Keine Frage: Man schmückt sich gerne mit der Fashion-Beauty. Sie spielt in der italienischen Designer-Fußballmannschaft, trug das olympische Feuer bei den Olympischen Spielen in Turin.Beim Sport mischen sich auch persönliche Passion und Geschäft. Als Fan sitzt Biagiotti mit Schal und Trikot auf der Tribune von Lazio Rom, als Business-Frau gehört ihr ein Golf- und Fitnessclub. ?Eine geschäftliche Diversifikation?. Als einer ihrer größten Marketing-Coups gilt, dass sie 2000 alle italienischen Olympia-Teilnehmer in Kaschmir-Trikolore hat defilieren lassen; auch Italiens berühmtester Schiedsrichter Pierluigi Collina spielte für Biagiotti schon einmal Model auf der Spanischen Treppe in Rom.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eine symbiotische Beziehung sichert den Geschäftserfolg.Zwar besitzt Biagiotti ein eigenes Apartment in bester Lage in Rom (und ein anderes in New York), aber im Wesentlichen wohnt und lebt sie noch heute mit ihrer Mutter im Firmenschloss Castello di Marco Simone in Guidonia, 20 Kilometer außerhalb von Rom. Diese symbiotische Beziehung zu ihrer Mutter, zweifellos ein gefundenes Fressen für Psychoanalytiker und Amateurpsychologen, sieht sie selbst als Voraussetzung für den Geschäftserfolg: ?kurze Wege, schnelle Entscheidungen?. ?Wenn ich geschäftlich unterwegs in, telefoniere ich zehn bis zwölf mal am Tag mit meiner Mutter. Und mein wahrer Luxus ist, dass ich nur fünf Minuten von der Wohnung zu meinem Arbeitsplatz brauche.??Wenn ich in Rom bin, beginnt mein Arbeitstag um 7.30 Uhr mit der Presseschau für meine Mutter?, berichtet die Jungmanagerin. Wie für die meisten Menschen, die im Glamour-Business arbeiten, ist der Arbeitsalltag ziemlich wenig glamourös: Meetings, Telefongespräche, Blackberry. Zwölf Stunden, unterbrochen von einem Mittagessen mit der Mutter zwischen 12 und 13 Uhr. Am Ende vielleicht ein Abendessen mit dem ?Fidanzato?, einem römischen Anwalt, der sechs Jahre älter ist als sie. Auch das eine interessante Geschichte: Dem ?Corriere della Sera? verriet Biagiotti: ?Mit 14 habe ich mich ihn verliebt. Aber da hat er mich überhaupt nicht wahrgenommen. Mit 20 habe ich ihn mir dann geholt, indem ich ihn eifersüchtig gemacht habe.?Biagiotti ist ein hart arbeitendes Energiebündel; mehr deutsch als Dolce Vita. ?Ich habe in diesem Jahr praktisch auch an jedem Wochenende gearbeitet?, sagt sie und öffnet dem Handelsblatt ihren Terminkalender. 80 Flüge im Halbjahr, ein Leben zwischen Rom, Mailand und dem Rest der Welt.?Ich kämpfe immer gerade mit irgend jemandem?, sagt Biagiotti mit ihrem strahlenden Lächeln. Es ist der tägliche Kampf um die Einhaltung von Lieferterminen oder ?mehr Platz für unsere Parfums in Boutiquen?. ?Dann schreie ich auch mal am Telefon; ich habe eine ziemlich laute Stimme.? Es könnte fast ihr Lebensmotto sein: ?Wenn man mir es nicht bringt, hole ich es mir selbst.? It can be done. Dann bekommt auch schon einmal ein Zulieferer zu hören: ?Muss ich den nächsten Flug nach Mumbai nehmen??Biagiotti übernimmt die Firmenzügel in einem kritischen Moment für die italienische Mode-Industrie. Angesichts der weltweiten Präsenz solcher Label wie Armani, Versace oder Prada vergisst man leicht, dass es die Generation der Laura Biagiotti war, die Armanis, Ferrés, Missonis, die in den 70er Jahren das Monopol der französischen Haute Couture-Häuser wie Dior, Chanel, Yves Saint-Laurent brachen. Das ist keine natürliche, es ist eine erkämpfte Position! Doch mittlerweile ist das Leben weiter gegangen. Gianfranco Ferré ist tot, Gianni Versace wurde 1997 in Miami ermordet. Valentino gab im letzten Jahr einen grandiosen Ausstand, nachdem er sein Modehaus bereits 1998 für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft, aber als Kreativdirektor weiter gemacht hatte. Der sich gegenwärtig gerne mit gebräunt-muskulösem Oberkörper präsentierende Giorgio Armani ist unglaubliche 73, Laura Biagiotti 64.Weiterführen oder verkaufen ist da die Frage. Keineswegs nur eine hypothetische: Bei Gucci hat heute der französische Luxusgüterkonzern Pinault-Printemps-Redoute das Sagen, bei Fendi LVMH. Und immer wieder wird über einen Börsengang von Prada spekuliert, auch wenn er angesichts der aktuellen Verwerfungen auf den Finanzmärkten für 2008 eher unwahrscheinlich geworden ist. Den Weg an die Börse könnte auch der Florentiner Lederwaren-Clan Ferragamo wählen. Biagiotti aber gehört zu einer Generation italienischer ?Mode-Töchter?, die das Familienerbe weiterführen will. Denn, biographischer Zufall oder nicht, es sind heute auffallend oft die Töchter der Unternehmensgründer, die die Zügel bei den Familienunternehmen in die Hand nehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Ringen um die Rangfolge.Da ist Beatrice Trussardi, 37, die nach dem Unfalltod von Vater und älterem Bruder den Chefsessel des Ledermoden-Labels in Bergamo übernahm. Es gibt Anna Masotti, 31, Juniorchefin bei der Edellingerie-Firma La Perla und Veronica Etro, 34, die als Kreativchefin die Modelinie Etro ihrer Eltern auf Vordermann bringt wie Rossella Tarabini, 38, bei Bluemarine.Bei anderen namhaften Modefirmen ist die Nachfolgefrage erst halb entschieden. Bei Armani gewinnt PR-Chefin Roberta Armani, 36, immer mehr an Sichtbarkeit, nachdem sie fast zwanzig Jahr lang völlig im Dunkeln für ihren Onkel arbeitete. Ihre Schwester Silvana Armani, 52, ist Chefdesignerin für die Emporio Armani-Frauenlinie. Bei der farbenfrohen Edelstrick-Marke Missoni, die noch von ihrer Mutter Angela und deren beiden Brüdern Luca und Vittorio geleitet wird, mischt bereits Margherita Missoni mit. Anfang 20, studiert sie Philosophie in Mailand und Schauspielerei in New York, wo sie werbewirksam das It-Girl gibt.Unklar ist die Situation auch bei Roberto Cavalli, dem eigentlichen Nachfolger von Gianni Versace. Zwar fungiert seine 40-jährige Tochter Cristina mittlerweile als CEO der Roberto Cavalli SpA, nachdem ein familienfremder Manager nach nur einem Jahr gefeuert wurde. Doch der 67-jährige Designer, der Stars wie Shakira, Christina Aguilera und die neue Spice Girls-Tour mit explizitem Sex-Appeal einkleidet und für seine grelle Vorliebe für wilde Leopardenmuster bekannt ist, hat auch öffentlich erklärt, auf der Suche nach Investoren zu sein. Laut Informationen des ?Wall Street Journals? haben im letzten Jahr zwei Angebote von Finanzinvestoren auf seinem Schreibtisch gelegen, die das Unternehmen auf 450, beziehungsweise 550 Millionen Euro bewerten. Die Zahlen sind auch im Vergleich interessant: Die Roberto Cavalli SpA machte 2006 bei einem Umsatz von 157 Millionen US-Dollar einen Reingewinn von 1,03 Millionen, das Lizenzgeschäft brachte bei einem Umsatz von 102 Millionen noch einmal 29,4 Millionen Gewinn. Biagiotti SpA hat mit geschätzten 250 Millionen Euro Umsatz eine ähnliche Größe.?Natürlich kennen wir uns untereinander?, sagt Biagiotti über den Kontakt zu anderen Mode-Menschen ihrer Generation. Man telefoniert, schickt sich SMS-Nachrichten. Aber es geht nicht nur um Nettigkeiten. Es ist auch eine Allianz der italienischen Mode-Familie gegen die Bedrohungen der Globalisierung. ?Wenn ein italienisches Modeunternehmen in Moskau Erfolg hat, ist das auch gut für die anderen." ?Ein globaler Brand ist auch eine Kapitalfrage?, sagt Biagiotti. Das klingt ein bisschen nach angelesenem Management-Wissen der Jung-Managerin, die nebenbei an der Universität Rom Wirtschaft und Politik studiert, aber es ist deshalb natürlich nicht falsch. Doch woher soll das Geld kommen?Die Junior-Chefin gibt nicht die ?Wir werden nie verkaufen?-Nummer: ?Gerade in den letzten Monaten haben wir zwei, drei interessante Angebote bekommen, über die man nachdenken muss?, offenbart sie dem Handelsblatt freimütig.Aber das ist nicht das bevorzugte Szenario. Und eigentlich ist es überhaupt kein Szenario: ?Ich will die Mode machen, die andere Menschen tragen. Ich will nicht die Mode anderer Menschen tragen?, sagt Biagiotti. Aber ihre Prioritäten sind von italienischer Klarheit: ?Das Wichtigste ist die Familie?. Sie will Familie, Kinder ? und Beruf. ?Meine Mutter hat es so gemacht und auch meine Großmutter?, sagt die schöne Römerin und erinnert sich an eine Kindheit, in der ihr auch schon mal Topmodels wie Claudia Schiffer Kekse zusteckten. ?Es ist möglich.? It can be done.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2008