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Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
Hire or Fire: Auch im deutschen Fernsehen werden Chefs jetzt per Reality-TV gesucht. Daraus kann spannende Unterhaltung werden. Und vielleicht noch mehr.
LEIPZIG. Alle acht Kandidaten tragen das, was die Modeleute ?Sportswear? getauft haben: Die Hosen schleifen dezent übers graue Pflaster, die Turnschuhe sehen aus wie Jahrgang 1974. Vier Kameras umkreisen die Gruppe. Aus dem, was da vor dem Gewandhaus passiert, soll Fernsehunterhaltung werden. Einer der acht wird in zwei Monaten einen neuen Job haben, bis zu 300 000 Euro Jahresgehalt, Dienstwagen und Assistent inklusive ? als Kreativdirektor für die neue Firma von Star-Produzent John de Mol. Die acht gehören zu ?Hire or Fire?, der Wirtschaftsshow, dem Pro-Sieben-Hoffnungsträger der Herbstsaison.Im Fernsehen wurde schon vieles gekürt in letzter Zeit: Partner fürs Leben, neue Millionäre, absurde Weltrekordler. Vor den Kameras des Reality-TV tauschten Männer ihre Frauen, machten junge Damen mit Model-Optik Angehörige glauben, sie hätten sich in einen ungehobelten Fettwanst verknallt. Doch eine Show über Nachwuchsmanager?

Die besten Jobs von allen

?Hire or Fire? könnte zum Trendsetter werden, denn vom 26. Oktober an gibt es schwergewichtige Konkurrenz bei RTL: Dann sortiert Ex-Fußballmanager Reiner ?Calli? Calmund als ?Big Boss? Kandidaten aus. Bei ihm geht es um 250 000 Euro Startkapital für das eigene Unternehmen oder einen noch unkonkreten Job in einem Unternehmen.Callis Vorteil: ?Big Boss? ist das lizenzierte Gegenstück zu der Sendung, mit der die Welle begann: ?The Apprentice? (Der Lehrling), die Sendung, die Selfmade-Milliardär Donald Trump zum TV-Star machte. Die Sendung, die renommierten Management-Professoren Lob entlockte. Und die Sendung, die für das Fernsehen verloren geglaubte, gebildete und gut verdienende Zuschauer zurückholte. Im Durchschnitt 20,7 Millionen Amerikaner sahen die erste Staffel ? die am fünftmeisten gesehene Show im US-Fernsehen.In Uni-Wohnheimen wurde zu ?Apprentice?-Partys geladen, in Wirtschaftsmetropolen füllten sich die Bars rund um Banken während der Sendungen ? Reality-Fernsehen erschloss sich eine Zielgruppe, die Voyeur-TV zuvor verabscheute. ?Von meinen Gesprächen mit Studenten weiß ich, dass sie quer über die Universität die Show sehen. Und sie bringen Themen daraus in die Hörsäle?, berichtet Patrick Harker, Management-Professor und Dekan der MBA-Fakultät Wharton an der Pennsylvania University. Eugene Muscat, ManagementProfessor an der Universität San Francisco, erkennt Lehrreiches: ?Da wird jahrelange Erfahrung komprimiert auf wenige Wochen, das ist wie eine Simulation des täglichen Lebens im Unternehmen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: US-Vorbild entwickelte sich zur Umsatzmaschine?Big Boss? und ?Hire or Fire? bedienen sich beim erfolgreichen Vorbild. Die Kandidaten wohnen gemeinsam mit einigen Kameras in einem Großraum-Appartement. Das liegt allerdings nicht in einer der kitschig-luxuriösen Suiten im New Yorker Trump Tower, sondern in Lofts im Big-Brother-erprobten Humanversuchslabor für Fernsehforschung namens Köln.Jede Woche gibt es eine Aufgabe, jede Woche fliegt einer raus. Beim US-Vorbild bewältigten die Bewerber vor allem Miniaturen des Wirtschaftslebens: Entwickelt eine Werbekampagne für einen Jet-Vermieter! Führt einen Abend lang ein ?Planet Hollywood?-Restaurant! Und das schnell! Gerannt wird viel, hektisch diskutiert noch mehr: Das Fernsehen feiert Manager als die, die schnell begreifen, schnell handeln.Auch bei den ?Hire or Fire?-Dreharbeiten in Leipzig wird gerannt. Stundenlang. Von Augustusplatz bis Nikolaikirche, aufgeteilt in zwei Viererteams, die Kameras immer hinterher. Was ist zu tun auf dem Weg zum Chefsessel? Es darf noch nicht verraten werden, erst Mitte Oktober werden die Szenen zu sehen sein ? Pro Sieben produziert vor.Zu diesem Zeitpunkt wird man wissen, ob ?Hire or Fire? das Profil des Senders wirklich drehen kann, weg von der Spielfilmstation. Das will Pro-Sieben-Boss Dejan Jocic. Allzu viel riskiert man vorerst nicht: 30 Sekunden Werbung kosten nach Informationen des Handelsblatts 28 600 bis 30 300 Euro ? ein normaler Preis für diese Sendezeit. RTL berechnet dagegen für ?Big Boss? fast 62 000 Euro ? mehr als üblich an Dienstagen um 20.15 Uhr.Vermutlich wird gerade ?Big Boss? zusätzlich noch mit der Einnahmequelle spielen, die ?The Apprentice? zur Umsatzmaschine machte: Einzelne Aufgaben fanden beim US-Vorbild in Paten-Unternehmen ? etwa Mattell ? statt, die für diesen Auftritt zahlten.Viele europäische Sender glauben an die Führungskräfteauslese per Bildschirm: In der Schweiz wird Verleger Jürg Marquard im Frühjahr an den Start gehen, in England ist es Alan Sugar, Gründer der Computer-Firma Armstrad. Allein, trotz der TV-Welle bleibt die Skepsis in Deutschland groß. Heiner Kamps, Gründer der gleichnamigen Bäckereikette, wurde vor einigen Monaten von RTL angesprochen, um die damals noch offene Calmund-Rolle zu übernehmen. Er sagte ab: ?Die Idee an sich ist nicht schlecht. Das Ganze ist aber so amerikanisiert, dass es nicht funktionieren wird.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Fernseh-Chefs Gerhard Schewe, Professor für Organisation und Personal an der Uni Münster, befürchtet, dass ein falsches Bild vom Alltag eines Managers vermittelt wird: ?Aufgaben wie das Entwickeln von Werbekampagnen kommen im Fernsehen bestimmt gut rüber. Doch gehen viele Neugründungen Pleite, weil sie zwar gute Produkte haben, es aber an der kaufmännischen Umsetzung fehlt.? Er schließt jedoch nicht aus, dass solche Spiele ?zumindest das Interesse an Wirtschaft fördern?.Vielleicht ergeht es ihm am Ende so wie Jennifer Chatman, Management-Professorin in Berkley. Einen Nutzen für das Geschäftsleben kann sie in ?The Apprentice? nicht erkennen. Aber sie gibt zu: ?Diese Show ist unterhaltsam. Selbst jemand so zynisches wie ich wird da hineingezogen.?In den USA rollt schon die nächste Welle. Die zweite Staffel von Trumps Show ist vor 14 Tagen angelaufen ? zeitgleich mit dem ersten Adepten. Internet-Milliardär Marc Cuban darf als ?The Benefactor? (Der Wohltäter) für ABC eine Million Dollar Preisgeld vergeben. Er stellt Aufgaben auf dem Niveau eines Kindergartensommerfestes. Im November wird es wohl noch härter. Dann erhält Virgin- Gründer Richard Branson vom Sender Fox den Titel ?The Rebel Billionaire?. Das könnte eine heiße Show werden. Zur Erinnerung: Zu Bransons Hobbys zählen Extremfahrten mit Heißluftballons und Flüge mit Doppeldeckern ? stehend festgeschnallt auf dem oberen Flügel.
Die Fernseh-Chefs
Donald Trump: Wurde mit Großimmobilien zum Star ? und mit Pleiten. Während noch die erste ?Apprentice?-Staffel lief, meldete seine Hotelkette Bankrott an.Mark Cuban: Verkaufte gleich zwei Internet-Medienunternehmen für Milliarden von Dollar. Jetzt hält er sich die Basketballer der Dallas Mavericks mit Deutschlands Star Dirk Nowitzki und betätigt sich im Fernsehen als ?The Benefactor?.Richard Branson: Mit der Plattenfirma Virgin begann sein steiler Aufstieg. Es folgten Fluglinien, Kreditkarten und ein Handy-Netz, gepaart mit halsbrecherischen Freizeitvergnügen wie Weltumrundungen im Ballon. Ab November ist der Brite in den USA ?Rebel Billionaire?.John de Mol: Vom Radiomoderator zu einem der begehrtesten TV-Produzenten Europas führte der Weg des Holländers. Seine Firma Endemol hat er vor vier Jahren für 5,5 Milliarden Euro an Telefónica verkauft. Nun will er eine neue gründen ? mit dem Sieger aus ?Hire or Fire?.Reiner Calmund: Nach Kaufmanns-Lehre und BWL-Studium kam er 1976 zur Fußballabteilung von Bayer Leverkusen. Vom Personalkoordinator arbeitete er sich hoch bis zum Manager und machte aus der grauen Maus einen europäischen Spitzenclub. Im Frühjahr stieg er aus gesundheitlichen Gründen aus.Jürg Marquard: Der Schweizer machte sein Geld mit Teeny-Blättern wie ?Pop? oder ?Popcorn?, die er größtenteils 2000 an Springer verkaufte. Seitdem ist Marquard Medien vor allem in Osteuropa aktiv.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.09.2004