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Arzt mit goldenem Händchen

Von Gregory Lipinski
Der neue Eigentümer des Hamburger Bankhauses Wölbern ist für alle Beteiligten ein Novum. Zum ersten Mal in Deutschland besitzt mit Heinrich Maria Schulte ein Mediziner eine Bank. Der Endokrinologie-Spezialist möchte mit Hilfe seiner Erfahrungen in der Medizin ein völlig neues Geschäftsfeld erobern.
HAMBURG. Der Mann im weißen Kittel lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Routiniert wandert Heinrich Maria Schulte durch das Labyrinth von Fluren und Gängen des Hamburger Klinikums ? mal bespricht er mit seinen Kollegen die Therapie für neue Patienten, mal schaut in den zahlreichen Laboren und Analysezentren nach dem Rechten.Der 52-jährige Brillenträger mit dem leicht grau melierten Haar und dunkelbraunen Augen ist Professor für Innere Medizin und spezialisiert auf die Behandlung von Hormonerkrankungen (Endokrinologie). Der Arzt leitet das Endokrinologikum im Hamburger Stadtteil Altona mit 350 Mitarbeitern und 30 000 Patienten im Jahr.

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Doch seit einigen Wochen hat der Medizinprofessor ein weiteres Betätigungsfeld: Er hat alle Anteile des Hamburger Bankhauses Wölbern übernommen ? eines der führenden Finanzhäuser für geschlossene Immobilienfonds in Europa mit einer Bilanzsumme von mehr als 635 Mill. Euro. Damit befindet sich erstmals in Deutschland eine Bank in der Hand eines Mediziners. Auch für den Vorstand und die rund 130 Mitarbeiter von Wölbern ist der neue Inhaber ein Novum. ?Ich habe zwanzigmal probiert, um das Wort ?Endokrinologie? überhaupt richtig auszusprechen?, gesteht Wölbern-Vorstandschef Eric Hirsch Vertriebsmitarbeitern auf einer Tagung in einem Nobelhotel auf dem Blankeneser Süllberg.Die südafrikanische Mutterkonzern Absa hatte im vergangenen Jahr einen Käufer für das deutsche Finanzinstitut gesucht, nachdem die britische Bank Barclays die Mehrheit bei Absa übernommen hatte. Der südafrikanische Bankriese hatte die Schweizer Investmentbank UBS mit dem Verkauf beauftragt. Schnell meldeten diverse Geldhäuser aus Deutschland und anderen Ländern ihr Interesse an dem traditionsreichen Bankhaus mit Sitz in der Hamburger Hafencity an ? darunter die Hamburger Privatbank M.M. Warburg, die Landesbanken HSH Nordbank, NordLB und WestLB sowie der Finanzdienstleister MPC.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schulte setzt sich trotz vieler Mitbewerber durchAm Ende macht jedoch Schulte das Rennen. ?Ich will das Geschäftsmodell und auch das Management in seiner derzeitigen Form erhalten. Das hat wohl bei Absa den Ausschlag gegeben?, meint der Medizinprofessor stolz. Hätten hingegen andere Finanzhäuser den Zuschlag erhalten, wäre die Bank womöglich zerschlagen worden, heißt es in Branchenkreisen.Operativ will sich Schulte allerdings nicht in das Geschäft der 1956 von Ernst Wölbern gegründeten Bank einmischen. ?Ich kann mir vorstellen, in den Aufsichtsrat zu rücken. Im Management werde ich aber nicht aktiv?, erklärt Schulte. Dennoch verfolgt er bei dem Geldhaus klare strategische Ziele: Wölbern soll nicht nur das angestammte Geschäft mit geschlossenen Immobilienfonds ? insbesondere mit den ?Holland-Fonds? ? ausweiten. Die Bank soll ein völlig neues Geschäftsfeld erobern: geschlossene Biotechologie-Fonds. ?Wir wollen vor allem Kleinanleger erreichen, die lediglich 20 000 Euro investieren wollen?, meint Schulte. Dabei will der Facharzt seine geschäftlichen Erfahrungen in der Medizin- und Biotechbranche einbringen. In dieser Sparte hat sich Schulte bereits in den vergangenen Jahren als kapitalkräftiger Investor einen Namen ? und ein Vermögen ? gemacht.Und das erlaubt es ihm, die Übernahme von Wölbern fast aus eigener Kraft finanzieren. Sie habe ihn offenbar weniger als 100 Mill. Euro gekostet, heißt es in Hamburger Finanzkreisen. Schulte will sich zum Kaufpreis nicht äußern. In hanseatisch zurückhaltender Manier spricht er lediglich von einem ?attraktiven Preis?.Die Branche zollt Schulte Anerkennung. Der Geschäftsführer des Verbands Geschlossene Fonds, Eric Romba, sagt: ?Der neue Eigentümer bringt, wie man hört, Erfahrungen für Start-ups und Börsengänge mit, die der Bank von Nutzen sein dürften.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Schulte hat schon viel Erfahrung als GeschäftsmannDer Geschäftsmann gründet 1993 mit dem Nobelpreisträger Manfred Eigen die Hamburger Biotechfirma Evotec. ?Schulte hat als Business Angel maßgeblich beim Aufbau von Evotec mitgeholfen und dafür gesorgt, dass die Firma heute ihren Firmensitz in Hamburg hat und damals nicht auf Wunsch einiger Gesellschafter nach Düsseldorf abgewandert ist?, erklärt Evotec-Finanzvorstand Dirk Ehlers. Auch Pharmafirmen wie Ark-Therapeuticals und Culey hat Schulte finanziell und mit Know-how unterstützt, um sie an die Londoner Börse oder die New Yorker Technologiebörse Nasdaq zu führen.Bei seinen zahlreichen Firmenengagements beweist der Arzt meist ein glückliches Händchen. Rechtzeitig trennt er sich in der Zeiten der Börseneuphorie von großen Teilen seines Aktienpakets. ?Ich hatte bei meinen Aktiengeschäften immer Glück?, sagt Schulte. Mit dem richtigen Riecher für Finanzgeschäfte häuft Schulte innerhalb von wenigen Jahren privat ein Vermögen an.Damit baut er sich ein Firmengeflecht von Biotechfirmen auf. ?Ich versuche immer, die Mehrheit an den Firmen zu halten, um das Sagen zu haben?, sagt Schulte. Zu seinem Konglomerat zählen unter anderem Beteiligungen an Gentechnologiefirmen sowie medizintechnische Unternehmen, darunter die Hamburger Genteq, die sich auf die Analyse von Genmaterial spezialisiert hat.Auch privat hat der kosmopolitisch wirkende Mann viele Interessen. Leidenschaftlich segelt er auf der Ost- und Nordsee, wenn er nicht gerade seine Freizeit mit seinen sechs Kindern verbringt. Ebenso leidenschaftlich sammelt er Bilder und Fotos des international renommierten Künstlers Gerhard Richter. Einige meterhohe Fotos verschönern die Wände der steril aussehenden Flure des Klinikums. Auch auf seine Ernährung achtet der schlanke Mann. Bei Besprechungen greift er lieber zu frisch geschnittenen Apfelscheiben und Tee als zu Gebäck und Kaffee.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wölborn ? Spezialist für ImmobilienfondsDass sich der Arzt irgendwann nur noch seinen Finanzgeschäften widmet, kann sich Schulte aber nicht vorstellen: ?Ich bleibe bei meinen Leisten. Denn mein Beruf ist mein Leben?, sagt der Professor etwas ungeduldig ? denn der nächste Patient wartet schon auf ihn.
Spezialist für ImmobilienfondsStrategie
Das Bankhaus wird 1956 von Ernst Wölbern in Hamburg gegründet. 1972 legt das Geldhaus den ersten geschlossenen Immobilienfonds im Ausland auf. Dabei macht sich das Institut seit 1993 mit ?Holland-Fonds? schnell einen Namen. Die Bank hat inzwischen ihr Länderportfolio kräftig ausgeweitet. Das Bankhaus zählt mehr als 33 000 Anleger und betreut ein Immobilienvermögen von mehr als 2,5 Mrd. Euro. Zudem ist die Bank auch bei Schiffsbeteiligungen und Medienfonds aktiv.
Strippenzieher
Vorstandschef Eric Hirsch ist vor allem für die strategische Planung verantwortlich. Der promovierte Steuerrechtler war unter anderem in leitenden Funktionen bei der Bayrischen Vereinsbank in Südafrika und in München. 1995 wechselt Hirsch als General Manager zur südafrikanischen Absa-Bank und leitet seit 2001 das Bankhaus Wölbern.
Substanz
Das Bankhaus (Foto) mit seinen 133 Mitarbeitern verfügt über ein Eigenkapital von rund 45 Mill. Euro. Der Jahresüberschuss lag im vergangenen Geschäftsjahr 2004/05 bei knapp fünf Mill. Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.02.2006