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Arbeitswahn

Bernd Andersch
Wohl dem, der sich auf die andere Arbeitskultur der neuen Wirtschaft einstellt, Chancen für sich nutzt und Risiken vorbeugt. Es kommt sicher an, wenn der 28-Jährige mit seinem Dienstwagen BMW M5 zu Hause vorfährt und in der Garage den privaten Porsche geparkt hat. Doch was im ersten Moment imponiert, beeindruckt beim genauen Blick hinter die Kulissen weitaus weniger.
In der neuen Arbeitskultur fühlt sich jeder Betriebsangehörige für Unternehmensergebnis, Quartalszahlen und ?Stockholder Value? verantwortlich. Erhebliche variable Gehaltsbestandteile und Aktienoptionen machen den Mitarbeiter zum Mitunternehmer. Hierfür lohnt sich ein hohes Engagement. Home Office, mobile Telekommunikation und Netzzugänge all überall gewährleisten die ständige Arbeitsbereitschaft. Der geringe Einfluss von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern unterstützt das Arbeiten ohne zeitliche und räumliche Grenzen. Finanzieller Reichtum als ursprünglichste Form der Motivation setzt in jedem die maximale Arbeitsleistung frei. Daher will so mancher noch eine Schippe drauflegen. Und scheinen die Zielzahlen nicht erreichbar, wird das Unmögliche möglich gemacht. Da die Belegschaft knapp gehalten wird, warten unendlich viele Projekte auf Realisierung.

Die Versuchung ist natürlich groß, im Übereifer mehr Schaden als Nutzen für die eigene Person zu verursachen. Wer seine physische und psychische Schaffenskraft zu schnell ausbeutet, mag zwar schon in jungen Jahren finanzielle Reichtümer ansammeln. Das exzessive Arbeitsverhalten hinterlässt aber auch Spuren: Psyche, Gesundheit und soziales Umfeld sind betroffen. Betrachten wir den verheirateten Manager von Netzwerkprojekten, der ein Jahreseinkommen von 200 000 Mark erzielt und sich mit den in Aussicht gestellten Aktiengewinnen bereits im Kreise der Millionäre wähnt. Seine Arbeitszeit ist kaum quantifizierbar. Kommt er abends nach Hause, verschwindet er nach kurzem, meist wortlosem und hastigem Abendessen im Home Office. In privaten Gesprächen dreht sich alles um Projekte und erzielbare Prämien. Auch wenn seine Freunde entschwinden und die verbliebenen oder die Ehefrau nur noch aus Höflichkeit zuhören, registriert er das nicht. Geht es um die tägliche Kommunikation im privaten Umfeld, bedient er sich oberflächlichster Rhetorik. Zuhören ist für ihn ein Fremdwort, denn was gibt es wichtigeres als sein Geld, seine Projekte und ihn? Um letztlich Abstand von der Arbeit zu gewinnen, wird da schon mal mit dem einen oder anderen Glas Whisky nachgeholfen. Asthmaähnliche Anfälle, die nach der Kindheit erstmalig wieder auftreten, werden als vorübergehend ignoriert. Die Ehefrau wird durch Geschenke und Frustkäufe bei Laune gehalten. Und geht es mit seinem 250 PS starken Dienstwagen auf die Autobahn, so sind Drängeln, Lichthupe, Überholen auf der rechten Spur oder links auf der Grasnarbe nur selbstverständlich.

Die besten Jobs von allen


Nun mögen die gerade geschilderten Phänomene für Sie kein Thema sein. Dennoch, wer in der neuen Arbeitswelt tätig ist, sollte sich Gedanken machen, inwieweit er die endlosen Arbeitsmöglichkeiten nutzt. Sicherlich geht es häufig nicht ohne überdurchschnittliches Engagement. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, wenn alles in normalen Bahnen abläuft. Ein geeignetes Stress-, Zeit- und Zielmanagement beugt hier den Gefahren vor. Die Grenzen sind allerdings überschritten, wenn der Arbeitswahn chronisch und das soziale Umfeld, die eigene Gesundheit und Psyche nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen werden. Wo die Grenzen liegen, ist häufig nur schwer festzustellen. Da mancher unbewusst in die Gefahrenzone schliddert, hilft erst einmal eine kritische Reflektion zum eigenen Verhalten durch Freunde, Bekannte oder einen außenstehenden Dritten weiter. Eines muss jedem klar sein: Jeder verfügt nur über 100 Prozent Arbeitsvermögen. Diese können schnell oder langsam ausgeschöpft werden. Exzessives Arbeitsverhalten macht allenfalls mit klarer zeitlicher Begrenzung und klar definiertem Ziel Sinn. Als ständige Einrichtung jedoch erscheint es sinnlos.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001