Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Arbeitslose in Nadelstreifen

Von Katrin Terpitz, Handelsblatt
Nach sechs Monaten sind Manager ohne Job nicht mehr hoffähig ? das belegt eine Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Damit ist Deutschland eines der härtesten Pflaster für Führungskräfte mit Auszeit.
DÜSSELDORF. Bis zur Marketing-Managerin hatte sich Sabine Lorenz in einem internationalen Chemiekonzern hochgearbeitet. ?Mit Schweiß und Tränen habe ich mir die Position erkämpft?, erzählt die 42-Jährige. Im Frühjahr 2004 dann nach 13 Jahren das jähe Aus ? ihr Produktbereich verkauft an eine US-Firma. Ihre Position wird es fortan nicht mehr geben, hieß es lapidar. Zwei Alternativen bot der Konzern an ? beide weit unter ihrem Niveau. Schweren Herzens unterschrieb Lorenz im Juli den Aufhebungsvertrag. ?Ich hatte da keine Zukunft mehr.?Auch Erhard Hafner hatte es weit gebracht: Als deutscher Alleingeschäftsführer eines europäischen Baustoffunternehmens trug er Verantwortung für 500 Mitarbeiter. Plötzlich wendete sich die Unternehmensstrategie, konsterniert bot er vor knapp zwei Jahren seinen Rücktritt an. ?Ich war immer sehr erfolgreich und dachte, ich finde morgen gleich etwas Neues?, erinnert sich der 43-jährige Bayer. Doch es kam anders: ?Plötzlich stand ich vor dem Nichts.?

Die besten Jobs von allen

Erfahrungen wie diese müssen immer mehr erfolgsverwöhnte Manager und selbst Top-Manager machen. Die Entlassungswellen rollen längst nicht mehr an den Chefetagen vorbei. Selbst dann nicht, wenn das Unternehmen satte Gewinne einfährt. Nicht nur in den Türmen der Deutschen Bank bangen Führungskräfte dieser Tage um ihr berufliches Überleben. Ärzte aus dem Frankfurter Bankenviertel berichten, dass immer mehr Banker zu ihnen kommen, die Anti-Depressiva brauchen: Die einen, weil sie vor einer Kündigung zittern. Die anderen, weil sie die Stelle schon verloren haben.Über Manager ohne Job schweigt sich jede Statistik aus. Anhaltspunkte liefert lediglich die Arbeitslosenquote von Akademikern. Die liegt zwar mit 4,6 Prozent (2003) relativ niedrig, sie ist jedoch seit 2000 um über 50 Prozent drastisch gestiegen. Inzwischen machen arbeitslose Akademiker über 44 Jahren ? also die potenziellen Führungskräfte ? mehr als 40 Prozent der Betroffenen aus. Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor waren es erst 26 Prozent. Doch viele Manager mit Kündigung tauchen in der Statistik gar nicht erst auf: Sie kommen vor Ablauf der relativ langen Kündigungsfrist mehr schlecht als recht irgendwo unter. Oder sie schlagen sich als Selbstständige gerade so durch. Die etwas Glücklicheren von ihnen sind mit Beraterverträgen herauskomplementiert worden.?In den letzten drei bis vier Jahren ist eine breite Schicht im Mittelmanagement von Arbeitslosigkeit betroffen?, bestätigt Jörg Will, Chef der Personalberatung Ifp in Köln. Auch für Personaler eine neue Situation. Wie Unternehmen arbeitslose Führungskräfte betrachten und was sie von ihnen als Bewerber erwarten, hat jetzt das Zeitarbeitsunternehmen Randstad aus Eschborn untersucht. 331 Personalentscheider deutscher Unternehmen standen Rede und Antwort ? dem Handelsblatt liegt die Studie exklusiv vor.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wettlauf mit der ZeitDie Ergebnisse: Bei zwei Dritteln der Personalchefs haben Bewerber ohne Arbeit schlechtere Chancen als andere. ?Jede Unterbrechung der Beschäftigung gilt in unserer Gesellschaft in der Regel als Makel ? auch Erziehungszeiten, Sabbaticals und Weiterbildungsjahre?, sagt Heide Franken, Geschäftsführerin von Randstad Deutschland.Hinzu kommt: ?Auf dem Markt herrscht enormer Wettbewerb?, sagt Stefan Waldschmidt, Personalchef beim Dienstleister Pharmaserv in Marburg. ?Auf eine Ausschreibung erhalten wir bis zu 400 Bewerbungen, davon etwa 30 von Arbeitslosen.? Personalberater Will betont: ?Eine Einstellung ist stets mit Risiko verbunden ? und das wollen Personaler natürlich minimieren.?Ist die Kündigung erst auf dem Tisch, beginnt der Wettlauf mit der Zeit: Knapp 70 Prozent der Personalleiter sehen ein halbes Jahr ohne Job für das Mittelmanagement als absolute Obergrenze an. Das ist auch die Erfahrung von Caterine Schwierz, Deutschlandchefin der Outplacementberatung Lee Hecht Harrison in Frankfurt: ?Ist jemand ein halbes Jahr und länger ohne Arbeit, wird das sehr schwer kommunizierbar im Markt.? Sie rät: Sofort mit der Neuorientierung beginnen. ?Der größte Fehler der Führungskräfte ist, dass sie völlig überschätzen, wie viel Zeit sie haben.?Doch wie sollte ein Manager die Zeit ohne Job überbrücken? ?Er muss aktiv und damit im Geschäft bleiben?, sagt Hartmut Gössel, Personalleiter der FER Fahrzeugelektrik in Eisenach. So wie er empfehlen sieben von zehn Personalern Weiterbildungen.Sobald der Wiedereinstieg geschafft ist, spielt es keine Rolle mehr, wenn jemand vorübergehend arbeitslos war ? dies zumindest behaupten drei Viertel der Personalentscheider. Heide Franken von Randstad: ?Sind immer mehr Führungskräfte betroffen, wird der Makel tendenziell geringer.? Doch haften bleibt er weiter. Personalberater Will unterstreicht: ?Es ist eine klare Hürde für Führungskräfte, wenn sie einmal betroffen sind.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Arbeitslosigkeit ist in keinem anderen westlichen Industrieland so karrierehemmend wie in DeutschlandFakt ist: Arbeitslosigkeit ist in keinem anderen westlichen Industrieland so karrierehemmend wie in Deutschland, so die ernüchternde Erkenntnis von Markus Gangl, Soziologieprofessor aus Mannheim. In seiner ? noch unveröffentlichten ? internationalen Vergleichsstudie zieht er das Fazit: ?Gerade höher Qualifizierte müssen in Deutschland relativ große Kompromisse beim Wiedereinstieg eingehen ? was Position, Gehalt und Mobilität angeht.? Ganz anders in Skandinavien oder Südeuropa: Hier sind Manager, die kurzzeitig keinen Job hatten, karrieretechnisch kaum benachteiligt.Wer hier zu Lande einmal arbeitslos war, für den ist keine Spitzenposition mehr drin ? das gibt immerhin jeder vierte Personalentscheider offen zu. Den nächstbesten Job anzunehmen, davor warnt Soziologe Gangl: ?Volkswirtschaftlich eine Vernichtung von Humankapital.? Doch den Betroffenen bleibt oft keine andere Wahl. ?Arbeitslose Führungskräfte sollten keinen Illusionen nachhängen, sondern in den sauren Apfel beißen und eine Etage tiefer einsteigen?, rät Personalchef Gössel. Wie er denken 95 Prozent der befragten Personaler.?Gefallene Stars der New Economy müssen oft eine Halbierung ihres Gehaltes in Kauf nehmen?, beobachtet Jörg Will. Sein Tipp: ?Es ist allemal besser, den Einstieg zu finden und sich wieder hochzuarbeiten, als auf der Straße zu stehen.?Auch Sabine Lorenz musste deutliche Abstriche hinnehmen, weil sie im Rhein-Main-Gebiet bleiben wollte. Statt Marketing-Managerin steht seit Februar Assistentin auf ihrer Visitenkarte. Dennoch ist sie heilfroh, einen neuen Job gefunden zu haben. Über 40 Bewerbungen hatte sie in einem halben Jahr geschrieben ? erfolglos. ?Das kratzt ganz schön am Ego. Aber: Diese Erfahrung hat mich gestärkt.?Auch Erhard Hafner fand etwas. Er darf sich nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit wieder Geschäftsführer nennen ? auch wenn ihm statt 500 Mitarbeitern heute nur noch 30 unterstellt sind. Sein Gehalt liegt um 40 Prozent niedriger. Aufstiegschancen? Fehlanzeige. Trotzdem ist der Familienvater erleichtert. ?Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass eine kurze Zeit ohne Job solch einen Karriereknick bedeutet.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2005