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Arbeiten im EU-Ausland

Stefan Weißenborn
Auswandern, um im Ausland zu arbeiten ist eine Option, die immer mehr Deutsche in Betracht ziehen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wanderten im Jahr 2001 etwa 110.000 Menschen aus Deutschland aus.
Auswandern, um im Ausland zu arbeiten, ist eine Option, die immer mehr Deutsche in Betracht ziehen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wanderten im Jahr 2001 etwa 110.000 Menschen aus Deutschland aus. Gründe für diesen Trend sind pessimistische Zukunftsaussichten, steigende Arbeitslosenzahlen, der Abbau bürokratischer Hürden sowie die Einschätzung, dass Auslandserfahrungen die Chancen auf dem heimischen Arbeitsmarkt erhöhen. Dabei sind es nicht mehr nur Wissenschaftler und High Potentials, die im Ausland arbeiten, sondern zunehmend auch ganz "normale" Menschen.

In beruflicher Hinsicht gibt es beim Schritt ins Ausland vieles zu bedenken, und selbst innerhalb der Europäischen Union warten in den Mitgliedsländern trotz politischer Harmonisierungsbemühungen die unterschiedlichsten Voraussetzungen. Was also gibt's zu organisieren und was muss man als Auslandskandidat mitbringen?

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Allgemeine Regeln

Will man im europäischen Ausland arbeiten, gibt es trotz des EU-Binnenmarktes einige Regeln zu beachten, die von Land zu Land unterschiedlich sind. Obwohl nationale Arbeitsmärkte in einer globalisierten Welt immer mehr zusammenwachsen, spielen kulturelle Unterschiede wie Mentalität und Sprache, die Verschiedenheit von Bildungs- und Rechtsystemen neben persönlichen Neigungen und Qualifikationen eine große Rolle bei der Wahl nach dem passenden Arbeitsplatz im Ausland. Des weiteren sollte man sich im Klaren darüber sein, dass Deutschland auf einem vergleichsweise hohen Lohn- und Gehaltsniveau steht und das Sozialversicherungssystem komfortabler ist als in den meisten anderen EU-Staaten. Worauf ist also zu achten?

Freizügigkeit in der EU

Im der Regel hat man für seine Auslandstätigkeit schon ein bestimmtes Land anvisiert. Worüber man informiert sein sollte, ist die Arbeitsmarktlage in dem betreffenden Land. Bietet der Markt zum Beispiel für Gesundheitshandwerker überhaupt eine Nische? Nach den EU-Regeln über Freizügigkeit kann jede Bürgerin und jeder Bürger eines Mitgliedslandes in einem anderen Land der EU einen Beruf ausüben. Ausgeschlossen sind lediglich einige Bereiche des öffentlichen Dienstes wie Militär, Justiz oder Polizei. Auch Selbständige genießen das gleiche Recht. Sie haben für eine vorübergehende Tätigkeit die so genannte "Dienstleistungsfreiheit" und für dauerhaftes Arbeiten "Niederlassungsfreiheit". Beruf, Qualifikation und Vertrauen

Ein deutsches Diplomq ualifiziert nicht automatisch in gleicher Weise im europäischen Ausland. Qualifikation ist europaweit nicht gleich Qualifikation. Denn auf EU-Ebene gibt es keine für alle Mitgliedsstaaten verbindlichen Gleichstellungen von Berufabschlüssen. Für die so genannten "reglementierten" Berufe - das sind solche, die einen Berufsabschluss erfordern - gilt das Vertrauensprinzip: Man vertraut in das Bildungssystem eines anderen Landes, dass dort absolvierte Abschlüsse ein ähnliches Niveau erreichen wie in dem eigenen Land. Gibt es dennoch Abweichungen, sind "Anpassungsinstrumentarien" vorgesehen. Will ein Dipl.-Dolmetscher beispielsweise in Spanien arbeiten, so muss er dort sein Können mit einem Eignungstest unter Beweis stellen. Erst danach erhält er auch das spanische Diplom. Allgemein gilt: Wenn das eigene Berufsprofil oder die eigene Qualifikation von dem Pendant im angestrebten Arbeitsland abweicht, so kann der Aufnahmestaat eine Eignungsprüfung oder einen höchstens dreijährigen Anpassungslehrgang vorschreiben. Informationen zur Anerkennung von Abschlüssen können vom Server der Europäischen Union abgerufen werden (http://europa.eu.int/scadplus/citizens/de/de/1079833.htm).

Es gibt aber auch die "nicht reglementierten" Berufe. Das sind Berufe für die man keinen Berufsabschluss, also auch keine Anpassung benötigt. Diese Berufe können in jedem Land der EU ohne weitere Bedingungen frei ausgeübt werden. Einzige Voraussetzung: der gültige Personalausweis.

Jobsuche

Geographische Wünsche schränken die Vermittlungsmöglichkeiten stark ein. In einer Urlaubsgegend arbeiten zu können, wäre ein reiner Glücksfall. Die Jobsuche sollte deshalb regional breit gefächert sein. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Sinnvoll ist es, das EURES-Netzwerk zu nutzen. EURES steht für European Employment Services und ist ein Kooperationsnetz der Europäischen Kommission, der Arbeitsverwaltungen der Mitgliedstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums sowie weiterer regionaler und nationaler Einrichtungen, die im Beschäftigungsbereich aktiv sind: Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, örtliche und regionale Behörden. EURES bietet Beratungsgespräche rund ums Arbeiten im EU-Ausland an und vermittelt freie Stellen. Eingebunden in das europäische Netzwerk "Euro Guidance" beraten auch die lokalen Arbeitsämter über Arbeiten im europäischen Ausland. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) veröffentlicht zudem alle vierzehn Tage Auslandangebote im Stellenanzeiger der Bundesanstalt für Arbeit "Markt und Chance".

Gute Chancen, einen Job im EU-Ausland zu finden, hat man, wenn man direkt im Gastland sucht. Im Anzeigenteil der lokalen Tageszeitungen und Fachzeitschriften, auf Internet-Seiten und in privaten und staatlichen Arbeitsvermittlungsstellen. Oft finden sich dort Stellen, die den Weg bis in die deutschen Arbeitsvermittlungen erst gar nicht schaffen.

Die dritte und zugleich riskanteste Möglichkeit ist: Ohne Job ins Ausland ziehen. Bis zu drei Monate kann man sich dort ohne Formalitäten aufhalten, eine Stelle suchen und unter bestimmten Voraussetzungen sogar Arbeitslosengeld bzw. -hilfe aus Deutschland beziehen. Dafür muss man die beim deutschen Arbeitsamt erhältlichen Formulare E 303 und E 301 am Aufenthaltsort beim dortigen Arbeitsamt einreichen. Für den Erhalt des Arbeitslosengeldes wie auch für die Jobsuche im Gastland ist es notwendig, sich beim dortigen Arbeitsamt anzumelden. Man erhält dann die selbe Unterstützung bei der Stellensuche wie inländische Arbeitnehmer. Krankenversicherung und Rente

Bei Krankenversicherung und Rente gilt prinzipiell, dass der Auswanderer sich bei Ordnungsamt und Kasse in Deutschland abmelden muss, da jeder dort versichert ist, wo er lebt und arbeitet. Über Mitgliedsbeiträge und Leistungen der Kassen im EU-Ausland informiert die Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung Ausland (www.dvka.de). Egal in welchem Gastland man arbeitet, man zahlt in die nationale Rentenkasse ein. Die deutschen und ausländischen Versicherungszeiten werden zusammengerechnet und bei Eintritt in die Pension schüttet jedes Land den entsprechenden Teil der Rente aus. Von jedem Land der EU gibt es das "Merkblatt Versicherungen bei Auslandsaufenthalt" das beim Bundesverwaltungsamt bezogen werden kann: mailto:bva.eures@dialup.nacamar.de.

Familie

Viele Auswanderer ziehen aber nicht als Single ins Ausland. Man macht sich mit Kind und Kegel auf zu neuen Arbeitsufern. Auch hier gibt es einige Fragen zu klären: In welche Schule kann ich meine Kinder schicken? Gibt es überhaupt geeignete Schulen in der Nähe des neuen Arbeitsplatzes? Muss Schulgeld gezahlt werden? Eine gute Übersicht gibt die Website www.auslandsschulwesen.de des Bundesverwaltungsamtes. Zieht der Ehepartner mit ins Gastland und sucht auch einen Arbeitsplatz so gilt: Die gleichzeitige Arbeitsvermittlung von Ehepartnern ist äußerst selten.

Fazit

Gemessen an den kulturellen Eigenheiten der EU-Mitgliedsländer und verglichen mit manch inländischem Prozedere, sind die bürokratischen Hürden, die man für das Arbeiten im EU-Ausland nehmen muss, recht niedrig. Ganz ohne Papierkram geht es allerdings nicht. Das macht sich besonders bei den uneinheitlichen und in manchen Fällen gar nicht vergleichbaren Berufsabschlüssen bemerkbar. So gibt es zum Beispiel den "Meister" als Handwerksqualifikation in den Niederlanden nicht. Wichtigstes Anliegen sollte deshalb sein, den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt des gewählten Landes zu bestimmen. Wer nach einiger Zeit nach Deutschland zurückkehrt, steigert seinen Wert auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Verbesserte Fremdsprachenkenntnisse, Erfahrung in internationalem Arbeiten und interkulturelle Kompetenz sind die geschätzten Attribute. Egal aber, ob man "für immer" auswandert oder den Aufenthalt von vorn herein begrenzt, Arbeiten im Ausland ist in der internationalen Arbeitswelt längst nicht mehr nur etwas für Exoten.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003