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Arbeiten 2026

Liane Borghardt
"Hallo, Paul! Bitte gib mir Wasserstoff", grüßt die sexy Stimme aus dem Autonavigationssystem. Paul flucht leise, er hasst Tanken. Vor allem wenn er keine Zeit hat. Der 34-jährige Industriemanager arbeitet bei Functional Food 3000, und heute ist sein Bürotag.


Illustrationen: Sabine Kobel

Paul muss schmunzeln: So fing es bei seinem Freund Noah auch an. Noah ist 29 und hatte noch nie eine richtige Beziehung. "Meine einzige Liebe ist die Stimme meines Bordcomputers", pflegt Noah zu sagen. Robokopulation schön und gut, aber eine echte Partnerschaft ist Paul doch lieber. Er denkt an Hanna, die sich aus dem Bett räkelt. Per Spracherkennung schickt er ihr ein "Morgen, Liebling!" auf ihre Armbanduhr

Bye-bye, Bürozelle.
Paul stellt seinen Toyota im Parkhaus ab, automatisch wird der Wagen auf einen freien Platz befördert. In der Eingangshalle von Functional Food 3000 checkt Paul mit seiner Codekarte ein. Für heute bucht er einen Konferenzraum mit Club-Atmosphäre. Paul hält kurz inne: Braucht er noch eine Denkkoje? Nein, heute nicht. Seinen Fitnesstrainer wird er nachmittags in der Sportzone treffen. Im Vorbeigehen blickt er auf die alten Fotos an der Wand: Firmengründung 2005. Lange Gänge mit Büros Marke Hasenstall. Sahen alle gleich aus damals: Aktenschränke, Schreibtische mit klobigem Rechner und Telefonapparatur - unvorstellbar, dass Internet, Telefon und TV einst nicht aus derselben Buchse kamen

Die besten Jobs von allen


Heute, 20 Jahre später, wären die Bürozellen die meiste Zeit verwaist. Weniger als die Hälfte von Pauls Kollegen sind für mehrere Jahre fest engagiert. Functional Food setzt wie alle Firmen inzwischen auf Projektteams aus freien Mitarbeitern, die aus allen Himmelsrichtungen nach Bedarf zusammengestellt werden. Mal arbeitet man zu Hause, mal im Café, mal verabredet man einen Bürotag. Pauls Frau Hanna und sein Freund Noah haben überhaupt noch nie in einer "Corporate" gearbeitet. Heute erledigen sie einen Auftrag für dieses Unternehmen, morgen für jenes.

Cash mit Köpfchen.
"Kreative Klasse" nennen sich die wenigen jungen, selbstbewussten Akademiker, die sich teuer verkaufen. Leute wie Paul werden nicht nach Arbeitszeit und Position, sondern nach Wissen bezahlt. Im Schnitt arbeiten sie nur 20 bis 30 Stunden pro Woche, wann, wo und wie sie wollen. Was zählt, sind allein Abgabefristen und Ergebnisse. Powerzeiten mit Tag- und Nachtarbeit wechseln ab mit privaten Auszeiten und Weiterbildung. Qualifikation ist das Kapital der jungen Wissenselite: Paul hat in Berlin, Shanghai und Moskau einen Kombistudiengang aus Soziologie, Ernährungs- und Ingenieurwissenschaften absolviert. Zurzeit sattelt er ein Online-Marketingstudium drauf.

Hanna, 31, ist auf dem Weg in ihre Küche, als sie Pauls Gruß empfängt. Sie blinzelt ein eiliges Küsschen zurück, in einer Stunde hat sie eine Videokonferenz mit einem Kunden. Hanna ist selbstständige ID-Designerin. Sie entwirft Module für Kleidung und Accessoires, die der Käufer im Internet an seinem virtuellen Alter Ego nach persönlichem Geschmack kombiniert. Als Hanna in die Schule kam, um die Jahrtausendwende herum, liefen alle noch in denselben Klamotten von einem schwedischen Filialisten herum, der vor zehn Jahren Pleite machte, wie hieß der noch gleich... Undenkbar heute. Alles, was einst die Massen bediente, hat an Masse verloren. Der Konsument will mit jedem Produkt seine Individualität und Identität unterstreichen, "ID" eben

Home, sweet Hightech Home.
Hanna presst ihren Daumen mit dem eingepflanzten Biochip auf den Kühlschrank. Der Chip wurde von Medizinern der Technischen Uni München entwickelt und ist ein wahrer Segen. Anregenden Tee für den Kreislauf empfiehlt die Körperanalyse auf dem Monitor heute morgen. "Double Yin and Yang Green Bio", befiehlt Hanna dem Samowar und setzt dann auf Zuruf ihre "House Angels", eine Mannschaft kaninchengroßer Roboter, zum Staubsaugen in Gang. Während die Krümelfresser über den Boden zockeln, rollt Hanna an der Bürowand ein elastisches Plasmadisplay auf. Die Webcam lokalisiert ihren kleinen Sohn Amor im Privattrakt des Hauses.

An der Hand von Hausmanagerin Claudia ist er Richtung Küche unterwegs. Der Zweijährige ist für Hanna "die Krönung" einer langen Liebe. Seit sechs Jahren sind Hanna und Paul verheiratet, damit sind die beiden eine krasse Ausnahme. Vor wenigen Tagen ist die Scheidungsstatistik 2025 erschienen: Danach bleibt das deutsche Durchschnittspaar knapp fünf Jahre zusammen und setzt dann die serielle Monogamie mit dem nächsten Partner fort

Graue Republik.
Die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie gibt es in der Mehr-Generationen-Kommune, in der Paul und Hanna leben, kaum. Seit einigen Jahren schon fördert der Staat solche Wohnprojekte, in denen Alt und Jung Tür an Tür leben und sich gegenseitig bei der Senioren- oder Kinderbetreuung aushelfen. Paul und Hanna fanden das praktisch und waren von Anfang an dabei

Bereut haben sie es bisher nicht. Der schleswig-holsteinische Bauernhof ist mit Graswärmedämmung und Solarheizung nach den neuesten Standards restauriert, Paul, Hanna und Amor wohnen stilvoll in der ehemaligen Scheune. Die eigentliche Attraktion auf dem Anwesen aber ist Amor. Wie überall in Deutschland ist hier jeder zweite Bewohner über 60, auf jede Frau kommt statistisch gesehen noch nicht einmal mehr ein Kind

Anfang des 21. Jahrhunderts zeichnete sich der so genannte Gebärstreik bereits ab, doch erst seit 15 Jahren kämpft die Bundesregierung mit allen Mitteln gegen die alternde Volkswirtschaft: Die ersten sechs Monate Elternzeit hat Paul zu vollem letzten Bruttogehalt übernommen, das zweite Halbjahr hat Freiberuflerin Hanna sich als üppig bezahlte Home-Teamerin um Kind und Haushalt gekümmert. Früher hieß dieser Beruf schnöde "Hausfrau" - Hausmänner waren ohnehin ein Treppenwitz - und brachte keinen Euro ein. Jetzt hat Amor einen staatlich finanzierten Krippenplatz in einem englischsprachigen Waldkindergarten, ein Fahrdienst holt ihn morgens ab. Hanna drückt ihm einen Abschiedskuss auf die Wange: "Spiel schön mit Mars und Venus, mein Engel." Mars und Venus sind Amors Krippen-Gefährten

Unternehmen Haushalt.
"Arme Kinder, warum haben die heutzutage nur so schreckliche Namen", knurrt Claudia. Früher war Claudia einmal Stewardess, dann Beauty-Beraterin, in ihrer x-ten Karriere hat sie sich mit "Service rund ums Haus" selbstständig gemacht. Leute wie Hanna und Paul haben keine Lust, ihren Kühlschrank selbst zu füllen. Und sie haben das Geld, andere dafür zu bezahlen. Das Paar gehört zu den oberen 30 Prozent, von denen Scharen von Mikrodienstleistern leben. Um die gering Qualifizierten ist es mittlerweile schlecht bestellt in Deutschland. Die moderne Wissensgesellschaft hat keine Jobs mehr für sie, und wer arbeitslos ist, bezieht kaum Geld. Stattdessen Kleidung und Lebensmittel, die anderswo zum Billigtarif, meist in Asien, produziert werden. Kein schönes Gefühl, auf Almosen angewiesen zu sein

Hanna hält Claudia einen Anti-Age-Keks unter die Nase: "Hier, für bessere Laune, hat Paul von Functional Food mitgebracht." Claudia lächelt steif, sie hat eins dieser typischen alterslosen Gesichter - "Botox to go" sei Dank. Ambulante Falten-weg-Therapien gibt es an jeder Straßenecke. Lediglich Wortwahl und Weltbilder verraten, ob eine Person 40 oder 70 ist. Etliche Berufszweige leben vom Jugendwahn einer Gesellschaft, in der Alt-sein erst mit 80 beginnt

Alles für Best Agers.
Pauls derzeitiger Arbeitgeber Functional Food ist nicht zufällig mit "Lebensmitteln, die mehr können" einer der Shooting Stars der deutschen Börse. Nanoquark für den Haarwuchs oder Gen-Spargel für die Potenz finden reißenden Absatz. Für das Weihnachtsgeschäft suchen Paul und sein Team noch nach einem Verkaufsknüller, einem traditionellen Wintermenü mit Zusatznutzen

Paul wirft sein Lasergerät an, Powerpoint und Papier sind schon lange verpönt. Der Laser projiziert dreidimensionale Bilder in den Raum, so dass Paul und Kollegen durch das Esszimmer eines Mitsechzigers schreiten können. Aber bei Geschmacksfragen versagt die Technik. "Hilft alles nichts", seufzt Paul. "Irgendeiner muss uns erzählen, was die Generation gerne isst, für die Rucola und Sushi noch Neuentdeckungen waren. Ohne Silver Sage kommen wir nicht weiter." Mit einem Blinzeln öffnet Paul die Datenbank auf seinem Laptop und scannt sie nach passenden Profilen

"Silver Sages", das sind die grauen Weisen mit vier, fünf Jahrzehnten Berufserfahrung, die die Wirtschaft als kompetente Berater engagiert. "Eine Win-Win-Situation", betont die Bundesregierung gerne. Denn die kleine Staatsrente gibt es nur noch für Gebrechliche

Pauls Bildhandy klingelt - Hanna. "Mir fällt gerade ein: Was machen wir eigentlich Silvester?" "Du siehst ja, ich bin im Meeting. Frag Noah." "Wo ist der denn gerade?" "Was weiß ich, in Sibirien oder sonstwo. Dort, wohin den Glücklichen keine Frau verfolgt." Paul legt auf, Hanna schickt ihm ein kleines "Blödmann" auf seine Uhr

Leben im globalen Dorf.
Noah ist auf dem Mount Everest. Begeistert zeigt er Hanna, wie sich hinter ihm kreischende Touristen in die Tiefe stürzen. Immer mehr Freizeit verlangt nach immer mehr Wellness für Gestresste und Nervenkitzel für Gelangweilte. Wenn Noah um die Welt jettet und heiße Trends einsammelt, ist das seinen Auftraggebern Gold wert. Noah arbeitet als Trendscout und Infobroker. Im digitalen Zeitalter, in dem jedes Unternehmen einen eigenen Spartensender betreibt und jeder sich sein eigenes Fernsehprogramm zusammenstellt, ist alles begehrt, was die Flut der Informationen eindämmt. Im globalen Dorf kommt es mehr denn je auf Mund-zu-Mund-Propaganda an: Freunde erzählen Freunden, was momentan "in" ist

Skeptisch betrachtet Hanna die Latexanzüge und Datenhelme, die Noah tags drauf mitbringt: "Absolut hip in Tokio." Doch dann lässt auch sie sich mitreißen, als sie in ihrer Ausrüstung mit Paul und Noah das virtuelle Böse durchs Haus jagt. Braucht ja kein Mitglied der "Worte statt Waffen e.V." zu erfahren, was sie hier spielen. Hanna engagiert sich in dem Antigewalt-Projekt. Keiner, der was auf sich hält, ist mehr ohne Ehrenamt, seit sich der Staat von solchen Projekten zurückgezogen hat

"Wochenende!" Paul lässt sich in einen Ledersessel fallen. Jetzt ist der Kopf frei für Privates. "Wie wär's mit einer 90er-Jahre-Party zu Silvester, so was kommt immer gut." Noah überlegt: "Wie wär's mit einem ,Betriebsfest 1990'? Mit Bierfass, belegten Brötchen, Lifeband, komplett retro!" "Unsere Gäste kriegen Anstecker als Siemensianer und Deutschbanker. Oder noch besser: Beamter auf Lebenszeit", kichert Hanna. "Und zur Begrüßung müssen sie stempeln: Wer am längsten bleibt, kriegt 'ne Prämie!" Paul lässt einen "House Angel" Champagner heranrollen. "Wir sollten jetzt schon anstoßen: Auf das gute alte Jahr 2026!"

Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2006