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Anwalt in Moskau

Astrid Oldekop
Foto: Rogow/Rufo
Marc Bartholomy berät westliche Investoren sowie russische Unternehmen, die an die Börse wollen und hat sich auf die Branchen Telekom, Papier und Immobilien spezialisiert.
Weit ist es nicht von Düsseldorf nach Moskau. "Die Distanz liegt in den Köpfen." Gerade mal fünf Stunden braucht Marc Bartholomy von Bürotür zu Bürotür. Jede Woche fliegt er heim, raus aus dem grauen Moloch im Osten, wo Alte an Straßenecken armselige Blumensträuße verkaufen. Wo die Metro nach Mitternacht sicherer ist als die Fahrt mit dem Taxi.

Freitags um fünf Uhr Büroschluss in Moskau, abends um neun Party in Köln? Das üppige Heimflug-Budget macht's möglich. "Mit der Zeitverschiebung ist das schon drin." Die beiden Welten dann auch im Kopf zusammenzubringen, sei schwieriger.

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Der 35-Jährige ist Anwalt in der weltgrößten Kanzlei Clifford Chance Pünder und arbeitet seit sieben Jahren mit Unterbrechungen in der russischen Hauptstadt: als Referendar, Anwalt, Partner. Der Deutsche berät westliche Investoren sowie russische Unternehmen, die an die Börse wollen und hat sich auf die Branchen Telekom, Papier und Immobilien spezialisiert. "In Moskau gibt es europaweit die größte Dichte an Sushi-Restaurants - und gleichzeitig die schlimmste sichtbare Armut. Man liebt oder hasst diese Stadt."

Bei Bartholomy war es Liebe auf den ersten Blick. Seine erste Russlandtour, eine Wolga-Kreuzfahrt vor acht Jahren mit seinem Großvater, war wider Erwarten keine langweilige Bildungsreise, sondern Party schlechthin. Zurück zu Hause büffelte Bartholomy begeistert Russisch - während er für das Zweite Staatsexamen lernte.

Im Frühjahr drauf baute er in Moskau das Büro der deutschen Kanzlei Pünder Volhard Weber Axster mit auf. Eine "wilde Zeit" mit viel Pionierarbeit: vom Improvisieren beim Kabelverlegen übers Schachern mit Handwerkern - "es gab einfach keine Dienstleister" -, bis hin zu Verträgen auf Englisch und Beratungsgesprächen auf Russisch.

"Die Welt war im Umbruch. Eine fertige Rechtsordnung gab es nicht, selbst die russischen Juristen kannten ihre Gesetze nicht," erzählt der 35-Jährige. Die wichtigsten Gesetze seien zwischen 1994 und 1998 erlassen worden.

"Anfangs habe ich gedacht, da ist eine unüberwindbare Mauer, das habe ich nie gelernt. Und dann schafft man's doch", erinnert sich Bartholomy. Transparenz sei bis zur großen Krise 1998 völlig tabu gewesen. Auch er als Anwalt habe nur schlecht Informationen über Unternehmen bekommen. "Das war so, als wolle man an deren Tafelsilber."

"Dieses Bündel an Herausforderungen, die man in Deutschland so nicht mehr findet, das ist der eigentliche Reiz."

Die anfänglichen Schwierigkeiten hat er längst hinter sich: Den brombeerfarbenen Polo hat er gegen einen Mitsubishi Pajero getauscht, auch die Swatch ist einer teureren Uhr gewichen. "Statussymbole, vor allem Uhren und Autos, sind in Russland sehr wichtig. Mit meinem Polo wurde ich ständig geschnitten, mit dem Jeep habe ich Vorfahrt."

Bartholomys Arbeitstag beginnt morgens um neun und endet selten vor 23 Uhr. Da bleibt keine Zeit fürs Privatleben. "Persönliche Themen, über die man in Deutschland mit Freunden und der Familie sprechen würde, bespreche ich hier mit meinen Kollegen."

Deshalb hält der gebürtige Aachener die 30 Prozent mehr an Gehalt, die er als Expat bekommt, nur für gerechtfertigt. Die gehen ohnehin für das teure Leben drauf. Restaurantbesuche oder Fitnessclubs kosten mindestens doppelt so viel wie zu Hause. "Die anderen Dinge, die mir hier fehlen, lassen sich nicht mit Geld aufwiegen."

Freitag für Freitag fliegt er heim, geht auf Kölner Partys, knüpft Kontakte und plant, wieder zurück nach Deutschland zu kommen. Von Düsseldorf aus will er dann Mandate in Deutschland und Osteuropa betreuen.
"Wenn ich jetzt nicht sage, ich will zurück nach Deutschland, dann bleibe ich für immer drüben."
Dieser Artikel ist erschienen am 18.05.2001