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Anstandskurse für Manager in spe

Von Frank Siering, Handelsblatt
Nach den großen Unternehmensskandalen in den USA sind die Ethik-Seminare der Universitäten überlaufen.
HB LOS ANGELES. Seit den Betrugsskandalen um Enron, Worldcom und Martha Stewart spielt im Land der Vielarbeiter die Frage der Ethik im Berufsalltag eine fast ebenso große Rolle wie die der Gehaltsvorstellungen. ?Ethik in der Geschäftswelt ist heute wichtiger denn je?, bestätigt Robert Brent, Professor für Business Ethics an der University of Southern California in Los Angeles.Wohl deshalb ist das Thema Ethik ? laut Aristoteles ?die Tugend, etwas Gutes erreichen zu wollen? ? heute der Renner bei den amerikanischen Studenten. Überall im Lande werden Ethik-Seminare angeboten. ?Und sind meist bis auf den letzten Platz ausgebucht?, berichtet Brent.

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?Drei Jahre lang habe ich vergeblich versucht, Ethik im Lehrplan durchzudrücken. Dann flogen die Skandale von Enron und Tyco auf, und plötzlich kann ich so viele Seminare geben, wie ich möchte?, freut sich Bernard Curtis, Philosophie- Professor an der UC Irvine.Sogar in den Sommerferien platzt sein Hörsaal aus allen Nähten. Das Thema ? Ethik am Arbeitsplatz, Dilemma und Entscheidung?, lockt angehende Akademiker aus unterschiedlichen Bereichen an. ?Mein Kursus wird nicht nur von Betriebswirten, sondern auch von Literaturwissenschaftlern, Mathematikern und Medizinern besucht?, berichtet Curtis. Seine Vermutung, warum Ethik plötzlich eine Art Renaissance erlebt: ?Jeder Projektmanager wird früher oder später mit einem ethischen Dilemma konfrontiert. Und die jungen Leute wollen wissen, wie sie die richtigen Entscheidungen treffen können.?Was aber ist eine ethisch richtige Entscheidung? Und wie bringt ein Professor zukünftigen Führungskräften ein ethisches Verantwortungsgefühl bei? ?Die meisten Menschen verwechseln Ethik mit Moral?, sagt Curtis und fährt fort: ?Ich versuche den Studenten beizubringen, dass Ethik auf vier Prinzipien aufbaut: Gleichheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Unvoreingenommenheit im Umgang mit anderen.?Curtis fokussiert seine Vorlesungen dabei auf den Umgang mit anderen. Denn eine ethische Entscheidung bringe immer auch Verantwortung Dritten gegenüber mit sich.Auch Ethik-Professor Brent stützt sich in seinen Seminaren auf diese These. ?Die Studenten sollen erkennen, dass ihre eigenen Entscheidungen ? sei es im privaten oder im beruflichen Bereich ? immer auch einen Einfluss auf das Umfeld haben. Das können zum Beispiel Aktionäre einer Firma, Angestellte oder auch Subunternehmen sein, die auf die ethisch vertretbare Entscheidungsfähigkeit eines Managers angewiesen sind.Robert Brent ist davon überzeugt, dass eine fortführende Diskussion mit ? wie er es nennt ? den ?Teilhabern? an einer Entscheidung, immer auch eine bessere Lösung des Problems herbeiführt. ?Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass Ethik viel früher als erst im College gelehrt werden sollte. Immerhin sprechen wir hier über das Fundament von Richtig und Falsch. Eigentlich ein Thema, das schon mit Kindern im Familienkreis erörtert werden sollte.?Paul Bellgraph, Immobilienmakler in Los Angeles, hat beim ?Business Ethics?-Kurs vor allem eines gelernt ? ?mit meinen Entscheidungen sorgfältiger umzugehen?. So ist es ihm heute wichtiger, vor einem Immobilien-Geschäft dem Kunden alle Informationen zukommen zu lassen, ?auch jene, die sich eventuell negativ auf die Verhandlungen auswirken?. ?Ich verdiene vielleicht nicht so viel wie ich könnte. Aber ich bin überzeugt, dass man auf lange Sicht erfolgreicher ist, wenn man ethisch verantwortungsvoll handelt?, sagt der 34-Jährige.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Genau diese Einstellung erhoffen sich nicht nur die Professoren.Genau diese Einstellung erhoffen sich nicht nur die Professoren, die die Ethik-Seminare leiten, sondern auch die Firmenchefs und Skandalaufklärer wie New Yorks Star-Staatsanwalt Eliot Spitzer. Höchstpersönlich hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Enron-Skandale der Gegenwart gnadenlos aufzudecken. ?Wir brauchen eine ethische Neuorientierung in diesem Land, sonst manövrieren wir uns in den Abgrund?, tönte er unlängst bei einer Pressekonferenz in New York.Viele Ethik-Seminare beschäftigen sich mit Unternehmensskandalen. Mangel an aktuellen Fallbeispielen gibt es nicht. In akribischer Detailarbeit untersuchen die Studenten noch einmal jede Stufe des Skandals und analysieren, was genau falsch gelaufen ist, warum und wer den Schaden hatte.Die größte Herausforderung ? da sind sich Curtis und Brent einig ? liegt darin, den Studenten beizubringen, welche die richtige Entscheidung ist. Anhand von Beispielen lernen die zukünftigen Geschäftsleute, Ärzte oder Literaturwissenschaftler, was ethisch vertretbar ist.Professor Brent zum Beispiel erzählt seinen Studenten von einer Spende eines großzügigen Investors für ein Jugendheim. Im Gegenzug erwartet der Spender, dass die Heimleitung seinen Sohn für eine Arbeitsstelle in Erwägung zieht. ?Was tun?? wirft Brent in die Runde der erstaunten Manager in spe.Viele Amerikaner wachsen mit dem kulturellen Selbstverständnis auf, dass eine Hand die andere wäscht. Somit hält es mehr als die Hälfte der Seminarteilnehmer für nicht verwerflich, den Sohn des Spenders einzustellen ? auch wenn andere für den Posten besser qualifiziert seien. Brent erklärt: ?Natürlich ist es die ethisch richtige Entscheidung, den einzustellen, der am besten für den Job qualifiziert ist.? Die Studenten machen eifrig Notizen.Die neue Ethik-Welle an den US-Unis ist mittlerweile sogar schon so ausgeufert, dass maßgeschneiderte Seminare angeboten werden: von ?Ethik für die Buchhaltung? bis zu ?Ethik in Nonprofit-Organisationen?.?Wir versuchen, Ethik für so viele Gruppen wie möglich auf dem Campus interessant zu gestalten?, erklärt Daniel Dkubik, Professor am College of Arts and Sciences der California Baptist University.Und auch die Unternehmen, die durch ihre korrupten Manager diese Art von Seminaren überhaupt erst wieder populär gemacht haben, scheinen auf einmal wissbegierig. So laden Boeing und auch Energieriese Southern California Edison in regelmäßigen Abständen Ethik-Experten wie Curtis ein, um vor Managern Vorträge über Ethik im Geschäftsleben zu halten.?Du kommst Dir so ein bisschen wie ein Schuljunge vor, der daran erinnert wird, keine Frösche in die Schultaschen der Mädchen zu stecken?, witzelt ein Boeing-Manager. ?Aber in der heutigen Zeit ist es vielleicht wirklich notwendig, wieder an eigentlich selbstverständliche Regeln des Umgangs miteinander erinnert zu werden.?
Dieser Artikel ist erschienen am 03.09.2004