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Anschauungsunterricht aus dem Gefängnis

Von Christoph Mohr, Handelsblatt
Führende US-Business Schools setzen ?Business ethics? auf den Lehrplan: Manager müssen lernen, ?nein? zu sagen. Verurteilte Manager schildern, wie ?es? passierte.
Als Professor Angel Cabrera, Dean des Instituto de Empresa (Madrid), im Juli in einem Beitrag für das Handelsblatt eine Art Hippokratischen Eid für Manager forderte, konnte er nicht ahnen, welche Debatte er damit lostreten würde. Obwohl der Chef einer der führenden europäischen Business Schools vor allem den ?alten Kontinent? im Blick hatte, tobt die Diskussion vor allem in den USA, wie sich an unserer Website unter www.handelsblatt.com/ethik ablesen lässt.?Die US-Business Schools haben Manager hervorgebracht, die solche Skandale wie Enron zu verantworten haben?, kommentiert ein deutscher Personalvorstand und setzt hinzu: ?Es ist doch klar, dass die sich Gedanken machen müssen. Das ist ein amerikanisches Problem.?

Die besten Jobs von allen

Tatsächlich setzen alle führenden US-Business Schools ?Business ethics? auf den Lehrplan oder die Dozenten werden angehalten, in ihren Kursen das Ethik-Problem anzusprechen. Manche Schulen schicken ihre Studenten mittlerweile ?auf Besuch? ins Gefängnis oder laden abgeurteilte Manager zu Podiumsdiskussionen ein.Und auch der Idee eines Hippokratischen Eides für Absolventen kann man etwa am legendären MIT Positives abgewinnen: ?Wir sind dabei, die Managerausbildung neu zu erfinden?, erklärt nicht gerade bescheiden Professor Richard L. Schmalensee, Dean der MIT Sloan School of Business in Massachusets.Der Verdacht, dass es sich dabei um nicht viel mehr als Alibi-Veranstaltungen handele, eine Modewelle vielleicht, weisen die Schulen von sich. ?An der Stern School for Business gibt es seit mehr als dreißig Jahren einen Kurs in ,Professional Responsability?,? sagt Professor Thomas F. Cooley, Dean der New Yorker Top-Schule. Und an der University Chicago, sonst eher als Vorkämpferin der etwas härteren Form des Kapitalismus bekannt, unterrichtet kein Geringerer als Nobelpreisträger Robert Fogel ?Business ethics?, unterstreicht Professor Edward A. Snyder, Dean der University of Chicago Graduate School of Business.Mit typisch US-amerikanischem Pathos fasst man im legendären Berkeley die neue Sicht der Dinge zusammen: ?Wir haben uns nicht dafür zu entschuldigen, dass wir analysieren, wie Unternehmen erfolgreich(er) sein können, weil der Erfolg eines Unternehmens auch den Rückgang von sozialen Missständen zur Folge hat, die mit Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Rezession verbunden sind: Kindesmisshandlung, Vergewaltigungen, Drogenmissbrauch, gemindertes Selbstwertgefühl?, unterstreicht Professor Tom Campbell, Dean der Haas School of Business.?Aber dennoch können Unternehmen besser werden, wenn wir (moralisch) besser werden. Und Business Schools sind dabei nicht machtlos. Sie können untermauern, was jedem einmal beigebracht wurde: Man stiehlt nicht, man betrügt nicht, und Menschen sollten nicht danach beurteilt werden, was sie besitzen, sondern nach dem, was sie geben.? Nur schöne Worte?Dabei ist allen Schulen klar, dass mit dem Ablegen eines Eides am Ende des Studiums allein dem Problem nicht beizukommen ist. ?Eide verhindern leider kein unethisches Verhalten?, sagt Dean Professor Bob Harris von Darden, einer weiteren Top-Universität. ?Was die Hochschulen ihren Studenten vermitteln müssen?, sagt sein kalifornischer Kollege Campbell, ?ist die Kraft ,nein? zu sagen.?Das verlagert die Cabrera-Debatte von den angehenden Managern auf die Kaderschmieden selbst. Dabei schälen sich drei Kernfragen heraus:
  • Welche ethischen Standards herrschen an der Hochschule selbst?
  • Welche Verantwortung übernehmen die Studenten während des Studiums für das Gemeinwesen?
  • Welchen Beitrag leistet die Hochschule intellektuell zur Unterscheidung von ?richtig? und ?falsch? in der Wirtschaft?
Das sind keine ausschließlich amerikanischen Fragestellungen: ?Vielleicht ist es tatsächlich so, dass es für Manager und Investmentbanker in den USA in den vergangenen Jahren viel einfacher war, sich zu bereichern als in Deutschland?, sagt ein deutscher Hochschullehrer an einer US-Business School.Eine gewisse Geldgier sei ?hier ja auch sozial akzeptabel. Aber daraus zu schließen, dass dies nur ein amerikanisches Problem sei, ist blauäugig und auch ein bisschen anmaßend. Dass die deutschen Universitäten sich dieses Problems noch nicht angenommen haben, zeigt aber vor allem auch, dass sie sich selbst immer noch nicht als Ausbildungsstätte einer globalisierten Elite verstehen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2003