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Anne Will wird Sabine Christiansen

Von Hans-Peter Siebenhaar
Die ?Tagesthemen?-Moderatorin Anne Will wurde zur Nachfolgerin für die sonntägliche ARD-Talkshow ?Sabine Christiansen? gewählt. Die Entscheidung für die 40-Jährige aus der Kölner Vorstadt Hürth kam wenig überraschend. Trotzdem verblüffte das Abstimmungsergebnis. Wie eine Madonna blickt Anne Will in die Wohnzimmer. Bei der Moderatorin der ?Tagesthemen? ist jedes Haar an seiner Stelle.
Wie eine Madonna blickt Anne Will in die Wohnzimmer. Bei der Moderatorin der ?Tagesthemen? ist jedes Haar an seiner Stelle. Das dunkle Kostüm sitzt genauso streng wie die letzte Nuance des Lippenstifts im pompejanischen Rot. Ein bisschen Goldstaub blitzt auf den Wangen. Das ist Seriösität nach dem Geschmack der ARD-Oberen. Das ist die vorgelesene Wahrheit im Ersten.Ab September wird die Nachrichtenfrau beruflich von Hamburg nach Berlin wechseln. Gestern haben die Intendanten der ARD die 40-Jährige zur Nachfolgerin von Sabine Christiansen gewählt. ?Dass ich dafür die Tagesthemen aufgeben muss, fällt mir schwer: das muss ich zugeben?, sagte die Moderatorin, die seit April 2001 durch das ARD-Nachrichten-Flaggschiff führt.

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Die Entscheidung für die eigenwillige Journalistin kommt nicht überraschend. In den Fluren der Sendeanstalten wurde die elegante Frau aus der trostlosen Kölner Vorstadt Hürth bereits seit Tagen als Nachfolgerin für Christiansen gab September gehandelt. Doch das Votum zugunsten von Anne Will barg am heutigen Montag doch noch eine Überraschung. Die Entscheidung wurde unter dem Vorsitz des Programmdirektors Günter Struve einstimmig gefasst. ?Es gab keine Träne bei einem Intendanten?, sagte ein Beteiligter nach der entscheidenden Sitzung.Vor allem der scheidende WDR-Intendant Fritz Pleitgen machte sich für eine Alternative zu Anne Will stark. Wäre es nach ihm und seiner Nachfolgerin Monika Piel gegangen, hätte Frank Plasberg die sonntägliche Talkshow übernommen. Mit seiner WDR-Gesprächsrunde ?Hart aber fair? hat sich der gelernte Zeitungsjournalist bundesweit einen Namen gemacht.Doch manchmal gleicht die ARD der EU. Der Kuhhandel ist die Basis des Erfolgs. So konnte auch Pleitgen diesmal sein Gesicht wahren. Denn sein Zögling Frank Plasberg erhält im Ersten einen eigenen Sendeplatz. Die Intendanten wollen für ihn eine einstündige Sendung ab 2008 zwischen Dienstag und Freitag. Seine neue Sendung soll nach ARD-Angaben ?nach der Tagesschau und vor den Tagesthemen? gesendet werden. Die Details des kleinsten gemeinsamen Nenners unter den Intendanten wollen ARD-Chef Raff und sein Programmdirektor Günter Struve heute Nachmittag in Frankfurt verkünden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Schöne Haare, schöne Hände, schöne Haut?Anne Will kann sich in Szene setzen. Sie hat keine Angst davor nicht nur als Journalistin, sondern auch als Frau wahr genommen zu werden. Für das Hamburger Prominentenblatt ?Park Avenue? präsentierte sich die Rheinländerin als Vamp. ?Schöne Haare, schöne Hände, schöne Haut?, schwärmte die Postille aus dem Haus Gruner + Jahr kürzlich. Wehende Locken, flatternde Boa - eine neue Anne Will auf Hochglanz.Die Sympathie-Tour an der Eitelkeitsfront hat sich ausgezahlt: Die Architektentochter steht heute im Zenit ihres Erfolgs. Nach freier Mitarbeit bei der ?Kölnischen Rundschau und später beim ?Berliner Volksblatt? kam sie während des Studium der Geschichte, Politik und Anglistik zum Sender Freies Berlin (SFB), heute RBB. Dort absolvierte sie auch ihr Volontariat. Danach tourte sich als Reporterin durch die damals boomende Hauptstadt. Der ehemalige Sportchef des SFB, Jochen Sprenzel, brachte die Journalistin mit einem Faible für den Hörfunk schließlich zum Fernsehen. Viel Aufmerksamkeit erhielt sich durch die Medientalkshow ?Parlazzo? beim WDR.Der Durchbruch gelang ihr 1999 als Moderatorin bei der ?Sportschau? und zwei Jahre später wechselte sie zu den ?Tagesthemen?. Als damals die schwangere Gabi Bauer sich wegen ihrer Zwillinge vom Moderatorenjob zurück zog, suchte die ARD händeringend nach einer Nachfolgerin.Im Gegensatz zu ihrer umstrittenen Kollegin Eva Hermann (?Das Eva-Prinzip?) ist Anne Will das Symbol einer postmodernen Frau. Ideologische Zäune beherrschen nicht ihr Weltbild. Will besitzt sogar ein Abo der Feministenzeitschrift ?Emma?. Neokonservative, anachronistische Mutter-Lebenswelten sind ihr fremd. Eine Interesse an ökonomischen Eliten wie ihrer Vorgängerin Sabine Christiansen, die zum US-Wirtschaftssender CNBC wechselt, ist ihr fremd.Wenn Will ab September die ARD-Talkshow am Sonntagabend übernimmt, wird es künftig anders zugehen, vielleicht härter und unnachgiebiger. ?Das Ziel ist allerdings klar: eine aktuelle, gesellschaftspolitische Gesprächsrunde anzubieten, die Themen aufgreift, aber auch eigene Themen setzt?, sagt Will. Die Moderatorin ist für ihre Hartnäckigkeit bekannt. Everybody?s Darling wie der RTL-Moderator Günther Jauch will sie nicht werden. Jauch hatte sich vergeblich um die Christiansen-Nachfolge bemüht und angesichts des Widerstand in der ARD-Reihen schließlich Mitte Januar entnervt aufgegeben. Um den Rückhalt in den Reihen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens braucht Anne Will hingegen nicht zu fürchten. Sie wird geschätzt, von manchen der ARD-Oberen auch ein wenig verehrt.Ihre eigene Rolle sieht die Berlin-Liebhaberin durchaus lakonisch: ?Ich mache nichts anderes als mein Großvater. Er war Totengräber, aber im Nebenberuf Ausrufer, ging mit der Glocke durchs Dorfs und verkündete Neuigkeiten.? In ihrer Talkshow hat Anne Will im Gegensatz zu ihrem Großvater nun auch noch die Chance, über die Neuigkeiten zu diskutieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2007