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Anklage gegen EM.TV-Gründer wackelt

Im Prozess gegen die EM.TV-Gründer Thomas und Florian Haffa ist eine Gefängnisstrafe wegen Kursbetrugs durch ein neues Gutachten unwahrscheinlich geworden. Die Anklage ist in ihrem zentralen Punkt ins Wanken geraten.
Die EM.TV-Gründer Thomas und Florian Haffa vor Gericht, Foto: dpa
Reuters MÜNCHEN. ?Ich kann nicht ausschließen, dass die positive wie negative Kursreaktion nicht reines Zufallsereignis ist?, sagte der Wirtschaftsprofessor Bernd Rudolph am Montag vor dem Landgericht München. In der Hektik des Marktes wären Kursschwankungen von zehn Prozent nicht außergewöhnlich gewesen. ?Das kam häufiger vor?. Die Verteidigung wertete die Aussage als Beleg, dass die Haffas sich nicht des Kursbetruges schuldig gemacht hätten. ?Der Vorwurf eines Kursbetruges hat keine Nahrung gefunden?, sagte Anwalt Sven Thomas. Staatsanwalt Peter Noll gab sich enttäuscht: ?Der Nachweis des Kursbetruges ist nicht leichter geworden.?Die beiden Unternehmensgründer Thomas und Florian Haffa, die EM.TV als Vorstands- beziehungsweise Finanzchef leiteten, sind angeklagt, die Krise des TV-Rechtehändlers lange verschwiegen und im August 2000 geschönte Halbjahreszahlen vorgelegt zu haben. Der wegen Befangenheit eines Gutachter bedrohte Prozess kann unterdessen fortgehen, weil das Gericht einen neuen Experten fand. Das Urteil könnte schon im Februar fallen.

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EM.TV war im Sommer 2000 vor allem wegen überteuerter Einkäufe in Schwierigkeiten geraten. Die im August veröffentlichten Halbjahreszahlen musste der Filmrechtehändler im Oktober wegen Buchungsfehlern korrigieren. Im Dezember veröffentlichte das Unternehmen eine drastische Gewinnwarnung. Der Aktienkurs brach insgesamt um mehr als 90 Prozent ein.Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nun die Halbjahreszahlen 2000, die nach Auffassung der Anklage in einer Pflichtmitteilung einen zu positiven Ausblick für das Restjahr enthielten. Die Aktie war nach Vorlage der Zahlen im August 2000 von gut 62 auf 55 Euro abgestürzt, was Analysten damals mit einem unter den Erwartung liegenden Ergebnis begründet hatten. In den folgenden Wochen war der Aktienkurs noch weiter gesunken.Der mit Spannung erwartete Sachverständige Rudolph sagte, die EM.TV-Aktie sei im Jahre 2000 - dem Höhepunkt der Euphorie am Neuen Markt - großen Schwankungen bei hohen Umsätzen ausgesetzt gewesen. Kursreaktionen seien nicht unbedingt auf die Halbjahreszahlen zurückzuführen.Der Staatsanwaltschaft bleibt damit beim Nachweis des Kursbetruges nur noch die Aussage eines zweiten Gutachters, der nun überprüfen soll, ob die Halbjahreszahlen fehlerhafte Angaben enthielt. Staatsanwalt Peter Noll sagte, nach der neuen Rechtsprechung müsse die Anklage beweisen, dass die Haffa-Brüder durch falsche Angaben zur Unternehmensentwicklung den Aktienkurs tatsächlich beeinflusst haben. Mit der Aussage Rudolphs kämen damit auf die Staatsanwaltschaft Schwierigkeiten zu. Sollte ein direkter Zusammenhang zwischen der Kursentwicklung und dem Handeln der Haffas nicht erwiesen werden, könnte das Gericht von einer Ordnungswidrigkeit ausgehen.Das Gericht berief als zweiten Gutachter den Münchener Professor für Rechnungswesen, Wolfgang Ballwieser. Er soll nun feststellen, ob EM.TV im August 2000 bei seiner Gewinnprognose falsche Angaben gemacht haben, sagte die Vorsitzende Richterin Huberta Knöringer. Insbesondere gehe es darum, ob die Entwicklung bei der Tochter Jim Henson zu positiv dargestellt worden sei. Mit der Berufung eines neuen Gutachters verhinderte das Gericht ein Platzen des Prozesses. Anfang Januar hatte das Gericht einen bis dahin als Gutachter berufenen Bilanzexperten wegen möglicher Befangenheit abgelehnt, weil sich dieser vor seiner Aussage mit den Verteidigern Haffas getroffen hatte. Knöringer sagte, der Prozess könne nach der Aussage Ballwiesers im Februar abgeschlossen werden.Bisher sind in dem Verfahren an die 20 Zeugen gehört worden, darunter der gescheiterte Medienunternehmer Leo KirchÄKRCH.ULÜ und ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner. EM.TV steht wie kaum ein anderes Unternehmen für den Aufstieg und Niedergang des Neuen Marktes. Thomas Haffa galt als Selfmade-Millionär und Galionsfigur des Segments, der sich auf Champagner-Parties der Münchener Schickeria und in Cannes feiern ließ. Von Aktionärsschützern, Kleinanlegern und Juristen wird der Ausgang des Prozesses mit Spannung erwartet, weil zahlreiche Zivilklagen enttäuschter Aktionäre gegen EM.TV und andere Unternehmen am Neuen Markt anhängig sind. Florian Haffa war im Herbst 2000, Thomas Haffa im Sommer 2001 von ihren Posten zurückgetreten. Haffas Nachfolger Werner Klatten fährt seitdem einen Kurs der Gesundschrumpfung.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.01.2003