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Anke Bornträger

Die Ausgangsfragen
Die Bewerbung
Ankunft in Oxford
Matrikulation, Orientierungswoche und Michealmas Term






Wer ich bin?
Mein Name ist Anke Bornträger, ich bin 29 Jahre alt und seit Oktober Studentin im MBA-Programm der Said Business School in Oxford. In den kommenden Monaten werde ich Euch von Leben und Lernen inmitten von 800 Jahre Universitätsgeschichte und -geschichten berichten.

Die besten Jobs von allen

Wo ich beruflich stand, als ich mich entschloss, einen MBA zu machen? Mein berufliches Zuhause ist die Tourismus-Industrie: Nach dem Studium der Betriebswirtschaft, Schwerpunkt Touristik/Verkehrswesen, habe ich in Frankfurt ein PR-Volontariat gemacht: Auf Pressekonferenzen und -reisen viele interessante Menschen kennen gelernt, Pressematerial erstellt, Kunden- und Mitarbeiterzeitungen produziert. Anschließend habe ich bei einem Computerreservierungssystem ein Wissensmanagement-Konzept entwickelt und umgesetzt: Organisation interner Trainings, Intranet, Projektkommunikation, Moderation und Coaching waren meine Hauptaufgaben, aber auch externe Vorträge und Arbeitskreise - das Thema Wissensmanagement boomte.Nach zwei Jahren bekam ich die Chance, von Deutschland zur Muttergesellschaft nach Frankreich zu wechseln. Auf nach Nizza, um dort ein kleines Team zu leiten, das die nationalen Vertriebgesellschaften in Marketing und Sales Fragen unterstützt. Neben französischem Lebensstil reizte es mich vor allem, mit Menschen aus 80 verschiedenen Ländern aus allen Kontinenten zusammenzuarbeiten.Privat habe ich mich in dieser Zeit viel mit Kommunikation, NLP, Coaching und anderen Themen der Organisationspsychologie beschäftigt.Warum ein MBA? In sechs Jahren Kommunikation, Wissens- und Changemanagement konnte ich Prozesse positiv beeinflussen, aber nicht nachhaltig verändern. Diese Themen gehören nicht zu den Kernkompetenzen eines Unternehmens und in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden dort zuerst Budget und Ressourcen gespart.Also: Immer das gleiche machen oder nach Alternativen suchen! Entweder konnte ich als Kommunikationstrainer und -coach versuchen einen eigenen Kundenstamm aufbauen oder in einem Unternehmen auf die kommerzielle Seite wechseln. Ich habe mich für die zweite Option entschieden, und ein MBA wird mir helfen, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen, strategischer zu handeln und Probleme analytischer anzugehen. Außerdem erleichtert ein MBA (oder Doktortitel) mehr und mehr den Einstieg in internationale Unternehmen in Europa.Warum diese Schule?Mein ersten Abschluss habe ich an der Fachhochschule Worms gemacht: Gut waren Praxisbezug und Branchenkontakte. Aber nach 70er-Jahre-Ambiente in der Pfalz war es mir nun wichtig, an einer Traditionshochschule zu studieren, die international bekannt ist. Außerdem wollte ich das Programm in einem Jahr abschließen. Gerne wäre ich in Südfrankreich geblieben und habe mir auch dort einige Schule angesehen. Aber auf die Shortlist kamen schließlich Oxford, Cambridge und St. Gallen.Für Oxford habe ich mich hauptsächlich aus drei Gründen entschieden:
· Inhaltlichen Schwerpunkt auf Entrepreneurship und Finance
· Sehr internationale Studenten (70 % von außerhalb Europas) mit vielfältigem Hintergrund: Mit dabei sind der Captain einer Rugby Nationalmannschaft, Investmentbanker, Mining Spezialisten, Armee Offiziere, Social Entrepreneurs, Werbemanager, Chemiker und viele andere.
· Said ist eine moderne, aufsteigende Business School, die gleichzeitig Teil einer traditionsbewussten Universität mit vielfältigem außercurriculärem Programm und aktivem College-Leben ist - wo kann man sich sonst beim Dinner in der geschichtsträchtigen Speisehalle mit Archäologen, Astrophysikern und Byzanzforschern unterhalten?
Ein MBA ist teuer. Wieviel kostet das MBA-Programm? Mit wieviel Kosten muss man insgesamt rechnen (inkl. Wohnen und Lebenshaltung etc.)?23.000 Pfund Studien- und Collegefee plus etwa 10.000 Pfund für Lebenshaltung - das Leben in Oxford ist teuer. Die BewerbungDie Bewerbung für eine renommierte Business School kostet ganz schön viel Arbeit, vor allem neben dem Job. Einige Elemente wie GMAT und TOEFL kann man für mehrere Schulen verwenden, für Referenzen und Aufsätze gelten unterschiedliche Formate und die Fragen variieren. Individualität zählt, weshalb ich mich auf vier Bewerbungen beschränkt habe.Der GMAT Median im SBS Jahrgang 2004-2005 liegt bei 680, ziemlich respekteinflössend bei den ersten Testversuchen, aber machbar nach intensiver Vorbereitung mit einem der Vorbereitungspakete von Princeton oder Kaplan. Nach einem Monat üben - ich habe noch nie etwas so langweiliges getan - hatte ich meine Punktzahl um 140 verbessert.Die Kunst beim Schreiben der Aufsätze ist herauszustellen, warum man der perfekte Kandidat für das Programm ist, und sich von anderen abzuheben ohne überheblich zu wirken. Die Themen sind relativ offen:
· Explain why you chose your current job. How do you hope to see your career developing over the next five years? How will an MBA assist you in the development of these ambitions? (maximum 1000 words)
· Which recent development, world event, or book has most influenced your thinking and why? (maximum 2000 words)
Die Aufsätze habe ich wohl 10-mal geschrieben und von Freunden zerreißen lassen, bis ich sie nicht mehr sehen konnte, aber mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden war.Als Referenten eignen sich am besten aktuelle und ehemalige Chefs oder akademische Betreuer, wenn das Studium noch nicht zu lange zurückliegt. Die müssen unter anderen folgenden Fragen beantworten:
· How long have you known the applicant and in what capacity?
· What do you consider to be his/her main strengths?
· What do you consider to be his/her main weaknesses?
· How do you rate his/her academic ability? If s/he is about to take any further examinations, what results do you anticipate s/he will achieve?
· How well do you believe the applicant will respond to a very rigorous and intellectually demanding course?
· In what way do you believe the applicant will benefit from the course?
· What unique ability and experience do you believe the candidate could bring to the course?
PS: Es hilft sehr, Leute zu fragen, die selbst einen MBA gemacht haben und wissen welches Profil gefragt ist.Das InterviewZum Interview kann man entweder nach Oxford anreisen, einen der Übersee-Termine annehmen oder das Ganze telefonisch hinter sich bringen. Ich habe mich entschieden, nach Oxford zu kommen, um mir die Schule persönlich anzuschauen und mit Studenten und Professoren zu reden. Tipp: Wählt man einen Termin in der Vorlesungszeit, besteht in der Regel die Möglichkeit einen Tag "mitzulaufen", sich Vorlesungen anzuhören und den Studenten essen zu gehen.Keine Angst: Die Interviewer beißen nicht, stellen aber sehr gezielte Fragen zur Motivation, warum und warum gerade jetzt Du einen MBA zu beginnen willst. Ankunft in OxfordDas Besondere an Oxford ist das College-System: Jeder Student wird nicht nur Mitglied einer Fakultät sondern auch eines Colleges. Gut zwanzig der ehrenwerten Einrichtungen nehmen MBA-Studenten auf und wer sich früh bewirbt, hat die Qual der Wahl. Colleges sind die Zentren sozialen Lebens in Oxford: Sie bieten (teilweise) Unterkunft für Studenten, servieren Frühstück, Mittag- und Abendessen in der College-Hall und bieten jede Menge Sportclubs und kulturelle Vereinigungen an.Ich hatte trotz später Bewerbung das Glück, ein Zimmer im College zu ergattern. Mein College heißt Keble und ist mit 160 Jahre eines der "neuen" Colleges. Die ältesten bieten zum Teil Unterkünfte in Gemäuern aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Keble ist ein "demokratisches" College, d. h. es wurde gegründet, um den Mittel- und Unterschichten Zugang zur Universität zu ermöglichen. Ein wenig von diesem Geist spürt man auch heute noch und es gibt zahlreiche Stipendien und Beihilfen, vor allem für Undergraduate Students.Als Graduate Student ist der Middle Common Room (MCR) das Herzstück des College-Lebens. Der MCR empfängt neue Mitglieder sehr herzlich. Bevor das Programm startete, standen bereits Pub-Touren, eine Führung durch Oxfords Kunstszene, "Tea & Cakes", Filmabende und die eine oder andere Party auf dem Programm. Jeder "Fresher" bekommt einen "Welcomer" zugeteilt, der Ansprechpartner für alle Fragen des praktischen Lebens in Oxford ist.Zum praktischen Leben: Oxford ist eine absolute Fahrradstadt, und Autos lässt man wegen der katastrophalen Parksituation lieber zu Hause. Das Fahrradfahren auf der linken Seite fühlt sich am Anfang eher wie Rodeo-Reiten mit Angriffen von Bussen und sich öffnenden Taxitüren an. Übersteht man die ersten zwei Wochen unbeschadet, ist das Schlimmste überstanden. Das Stadtzentrum und die Universität sind überschaubar und alles bequem per Rad oder Fuß erreichbar - solange nicht der berühmte englische Dauerregen einsetzt.Viele MBA-Studenten waren bereits einige Zeit vor Studienbeginn in Oxford, um die Stadt kennen zu lernen und andere Studenten zu treffen. Das ist sehr empfehlenswert, denn während des Studiums ist die Zeit für extensive Erkundungs- und Pubtouren sehr knapp. Das Leben an der Business-School geht offiziell mit der Orientierungswoche los, doch davon das nächste Mal mehr. Matrikulation, Orientierungswoche und Michealmas TermMit 400 Studenten in "Sub-fusc", das heißt schwarzem Anzug oder Kostüm, weißem Hemd und Krawatte, Barett und Umhang, ziehen wir vom College zur Exam School. Unser Ziel ist die feierliche Matrikulations-Zeremonie, mit der wir offiziell Mitglieder der University of Oxford werden. Mit der Zeremonie, die auf das 14. Jahrhundert zurückreicht, akzeptiert uns die Universität als Studenten und sehr anders war es damals wohl auch nicht: Zuerst erklärt der Vizekanzler, welche Ehre und Chance es ist, hier zu studieren, anschließend werden wir auf Latein eingesegnet. Auf dem Rückweg durch die Straßen Oxfords erfreuen wir die inzwischen vielzähligen Touristen mit ein wenig echtem Oxford Feeling - ein wenig wie Mickey Mouse in Disney Land, aber sehr nett.Als Mitglied der Universität können wir nun auch von allen Vorteilen Oxfords profitieren: Vorträge in der Oxford Union anhören, wo fast täglich bekannte Wissenschaftler, Politiker oder Prominente zu Gast sind, einen Nachmittag in einer der alterwürdigen Bibliotheken verbringen und in Büchern aus dem 15. Jahrhundert blättern oder in den anderen Colleges zum Sonntags-Brunch gehen.Das soziale Leben in Michealmas Term beginnt mit der FresherŽs Fair: Eine messeartige Veranstaltung, bei der sich alle University Clubs vorstellen. Das Angebot reicht vom Debattierclub über die Jagdgesellschaft zu den Fechtern und der russischen Gesellschaft. Die Vielfalt ist enorm, vielleicht 400 Clubs, aber noch muss man sich nicht entscheiden, sondern trägt sich überall erst einmal auf die Maillisten ein, um regelmäßig über Veranstaltungen informiert zu werden. Bloß zu nichts verpflichten, bevor ich weiß, wie viel Arbeit auf mich zukommt. Aber nach zwei Stunden stand ich auf der Liste für Hockey, Trampolin, Russischen Film, Blind Wine Tasting, Tango, Mounteneering und vielleicht noch auf einigen anderen.Fast jedes College hat seine eigenen Sporteinrichtungen, die die Vereine nutzen. Beim samstäglichen Spaziergang im riesigen University Park kann man den Teams beim Cricket oder Fussball spielen zuschauen. Und es hat einen ganz speziellen Charme, bei Vorträgen oder Weinverkostungen in mittelalterlichen College Räumen dabei zu sein.Einen Kontrast dazu bildet die Saïd Business School: Brandneu, modernes Design und sehr funktional. In dem von Wafic el Saïd gestifteten Gebäude werden wir wohl den Großteil des kommenden Jahres verbringen. Los geht es mit der Einführungswoche: Wer ist wer, was wird angeboten, was müssen wir tun? Wie war das mit dem Freizeitangebot? Jemand aus meinem MCR hat mir zur Begrüßung gesagt: "Oh, Du machst MBA? Schade, dann werden wir Dich wohl ab nächster Woche nicht mehr sehen." Wenn ich in meinen Kalender mit Vorlesungen, Career Events, Unternehmenspräsentationen und Assignments sehe, könnte das wohl stimmen.Im ersten Term haben wir sechs Kernveranstaltungen pro Woche:
· Finance 1
· Managerial Economics
· Strategic Management
· Financial Reporting
· Decision Science
· Developing Effective Managers
Zu drei Stunden Vorlesung pro Fach kommt noch mindestens genauso viel Vorbereitungszeit, in Wochen mit Assignments sind es eher zehn Stunden. Dazu kommen Workshops zu Teamwork, Interviewtechniken, Präsentation, Lebenslauf schreiben,? Etwa zweimal pro Woche sind Firmen wie McKinsey, LŽOreal, BCG, LVMH, die ganzen großen Banken, etc. für Präsentationen und anschließenden Empfang im Haus.Daneben gibt es noch jede Menge selbstorganisierte Veranstaltungen: Treffen der einzelnen Branchen-Gruppen wie Consulting, Investment Banking, Real Estate, Social Entrepreneurship oder Venture Capital/Start-up, Erkundungstouren in Oxfords Pubs, Eislaufen, Konzertabende oder Treffen mit Absolventen in London. Jedes College veranstaltet mehrere formale Dinner im Term und gegen Ende des Terms finden überall Bälle statt.So viel Spannendes zu tun, aber alles geht leider nicht. Reell mache ich zweimal die Woche Sport, versuche, viele außergewöhnliche Redner zu hören, danach mit meinen Kollegen ab und an auf einen Drink zu gehen, mich wenigstens so oft im MCR sehen zu lassen, dass die anderen mein Gesicht nicht ganz vergessen, einmal die Woche blind Wein zu testen und mir ab und an ein wenig Kultur zu gönnen. Der Rest meines Lebens spielt sich mehr oder weniger in der Business School ab. Langweilig wird es nicht bis Weihnachten!
Dieser Artikel ist erschienen am 03.01.2005