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Angriff des Yorkshire-Terriers

Von Andreas Hoffbauer
Ken Morrison hat mit seinen Supermärkten den größeren Rivalen Safeway geschluckt - das Porträt eines britischen Patriarchen.
LONDON. Und so fühlt sich der 72-Jährige, der in den vergangenen 50 Jahren ei-ne kleine Ladenkette namens WM Morrison zur fünftgrößten Supermarktgruppe Großbritanniens gemacht hat, in den Glitzerbauten der Londoner Banken sichtbar unwohl. So auch an diesem Januarmorgen, obwohl er als Sieger gen Süden gekommen ist. Morrison wird der Londoner City den größten Coup seiner Karriere präsentieren ? die Übernahme des dreimal größeren Rivalen Safeway.Die Schlagzeilen gehören ihm. Doch von Jubel keine Spur. Die Hände auf dem Rücken fest gefaltet, gibt Morrison mit näselnder Stimme die Einzelheiten der Milliarden-Übernahme bekannt ? gerade so, als wenn der Vorsitzende des örtlichen Taubenzüchtervereins den Rechenschaftsbericht verliest. Aufrecht, im dunklen Nadelstreifenanzug, korrekt vom Scheitel bis zur Sohle.

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Und immer im Dienst der Firma. Selbst bei seinem ersten Auftritt vor der internationalen Wirtschaftspresse hat er den Schlips in den Firmenfarben Schwarz-Gelb angelegt. Ken Morrison ist eben ein besonderer Manager: Er gehört zu den wenigen Siebzigjährigen, die aktiv einen britischen Konzern führen. Er ist der Chairman im Land, der am längsten an der Spitze eines Top-Börsenunternehmens steht ? inzwischen sind es 47 Jahre.Und er macht so ziemlich alles anders als die Konkurrenz. Online-Handel? Das letzte Mal habe er auf dem Fahrrad Lebensmittel ausgeliefert, schnarrt er abfällig. Kundenkarten? Dass sei nur ?Abzockerei?. Globalisierung? WM Morrison setzt auf die Region, nach dem Motto: Yorkshire-Pudding statt Edel-Chorizo. So stammen in seinen Geschäften Milchprodukte, Saisongemüse und Fleischwaren zu 95 Prozent von der heimischen Insel. Um im harten Preiskampf da noch mithalten zu können, hat Morrison sein Unternehmen (119 Märkte) als Art ?Do it yourself?-Betrieb ausgebaut. Obst, Gemüse, Fleisch oder Käse ? verpackt wird selbst. Die Gruppe stellt dazu eigens eigene Tragetüten her und unterhält einen Schlachthof. Einzigartig in der Branche.Diese Strategie habe ihm bei der ?Schlacht um Safeway? durchaus geholfen, ist er überzeugt: ?Ich habe vom ersten Tag an gewusst, dass die Wettbewerbsbehörden einen neuen nationalen Anbieter wollen.? Am 11. Februar haben nun auch jeweils mehr als 99 Prozent der Aktionäre von Safeway und Morrison für den Zusammenschluss gestimmt. Der neue Supermarktriese soll am 8. März starten.Und plötzlich interessiert sich alle Welt für den Namen aus Yorkshire. Bedenken von Analysten, wie Morrison sein regionales Prinzip bald landesweit mit 550 Märkten und 100 000 Beschäftigten durchhalten will, wischt er vom Tisch. Mit seinen bisherigen Erfolgen: Seit 36 Jahren in Folge haben bei WM Morrison Gewinn und Umsatz zugelegt.Er sei schon so oft belächelt wor-den, aber noch nie gescheitert. ?Die Leute erkennen einfach gute Qualität, wo immer sie sind?, ist der 72-Jährige von einer erfolgreichen Expansion vor allem in den Süden des Landes überzeugt. Dorthin wird er nun öfter reisen müssen. Denn Handel sei Detailwissen, lautet einer von Morrisons Grundsätzen. Und Sir Ken taucht gern in den Märkten auf, schüttelt Kundenhände, rückt Preisschildchen zurecht und ermahnt das Personal.Privat mangelt es dem Top-Verkäufer jedoch bisweilen an Detailwissen. Der fünffache Vater, der im Geschäft jede Babymarke kennt, hat nach eigenem Bekunden auch früher nie eine Windel gewechselt. Er habe mit ?Emanzipation und diesen Sachen nichts am Hut?, so das Weltbild des knorrigen Managers.So führt er seinen Konzern, der nach der Safeway-Übernahme 12,5 Milliarden Pfund Umsatz haben wird, auch wie ein Familienpatron. Die Regeln von Corporate Governance, also beispielsweise die Nachfolge spätestens mit 60 Jahren zu regeln oder die Trennung von Chairman und Chief Executive vorzunehmen, gelten in seinem Unternehmen nicht: Bei Morrison gibt es keinen Vorstandschef, hier regiert nur einer ? Chairman Ken. Einen Aufstand der Aktionäre braucht er nicht zu fürchten: Die Familie hält noch immer 30 Prozent am Unternehmen.1899 hatte Vater William in Brad-ford den ersten Tante-Emma-Laden eröffnet. Dort hat der kleine Ken den Job gelernt: Schon als 9-Jähriger stapelte er im Zweiten Weltkrieg Kisten. Als der Vater aus Gesundheitsgründen nicht mehr konnte, übernahm Ken ? als einziger Sohn unter sechs Kindern.Er war es schließlich auch, der den Betrieb zur Supermarktkette ausbaute und an die Börse brachte. Seitdem gehört die Familie Morrison zu den reichsten im Land, das Vermögen wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Sir Ken lebt mit seiner zweiten Frau Lynne, einer Anwältin, im schlossähnlichen Herrenhaus Myton Hall, in einer der schönsten Gegenden Yorkshires.Nach dem Tod seiner ersten Frau hatten viele mit seinem Rückzug aus dem Geschäft gerechnet. Doch es kam anders, und Sohn William, 28, muss weiter warten. Sorgenvolle Fragen von Analysten zur Zukunft der William Morrison Supermarkets beantwortet der Chef stets mit einem Blitzen in seinen kleinen Fuchsaugen. Er könne jetzt gar nicht an Rücktritt denken, zischte er kürzlich, denn er müsse nun erst die Safeway-Übernahme durchziehen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.02.2004