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Angreifer mit langem Atem

Markus Fasse
Seit einem Jahr ist Rupert Stadler Vorstandschef bei Audi. Er will mit der einst biederen VW-Tochter dem Konkurrenten BMW den Rang ablaufen ? ein weiter Weg. Gleichzeitig darf er den neuen Eigentümer Porsche nicht verärgern. Eine riskante Gratwanderung für den Aufsteiger Stadler.
Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG. Foto: dpa
MÜNCHEN. Gute Nachrichten platziert er am liebsten, wenn es dem Gegner richtig wehtut. Audi erhöht seine Investitionen, tönte es aus Ingolstadt kurz nach den Feiertagen. Audi schafft 2008 achthundert neue Arbeitsplätze, meldet die Autoschmiede pünktlich zum neuen Jahr. Während der große Rivale BMW kurz vor dem Fest den Abbau von 8 000 Stellen bekanntgeben muss, haut die ambitionierte VW -Tochter weiter eine Erfolgsmeldung nach der nächsten heraus. Die Botschaft an BMW: Es brummt, und wir sitzen euch im Nacken.Die Jubelmeldungen zum Jahreswechsel passen so richtig in das Kalkül des Rupert Stadler. Seit genau einem Jahr sitzt der smarte Franke auf dem Audi -Chefsessel, und seitdem hat die Abteilung Attacke bei Audi freie Hand. "Wir wollen bis 2015 der erfolgreichste Premiumhersteller der Welt werden", ruft er den Konkurrenten aus München und Stuttgart frech zu. 1,5 Millionen Autos will die VW -Tochter dann absetzen, in diesem Jahr wird Audi knapp die Millionenmarke streifen. Damit liegt Audi noch ein gutes Stück hinter BMW und Mercedes. Doch nach seinen ersten zwölf Monaten sieht sich Stadler selbst voll im Plan.

Die besten Jobs von allen

Dabei hatte das erste Jahr für den Dynamiker auf dem Chefsessel einige Überraschungen parat. Zur Bilanzpressekonferenz im März schäumte die Diskussion über Spritfresser und Schadstoffausstoß über. Stadler, ein Freund direkter Ansprachen, setzte gleich ein Ausrufezeichen. Die von der EU vorgeschlagenen Grenzwerte zum Klimaschutz seien mit Audi "nicht zu machen", rief er wutentbrannt vom Podium und machte sich zur Speerspitze der deutschen PS-Lobby. Während Konkurrent BMW im September auf der Automesse in Frankfurt den angeblich gezügelten Spritdurst seiner Limousinen anpries, rollte Stadler die Antwort aus Ingolstadt auf die Bühne: den Supersportwagen R8, der mit seinen 420 PS derzeit in der Branche die Maßstäbe setzt.Ein echter Porsche -Killer, wie man sich bei Audi bis vor kurzem stolz zuraunte. Doch die Stuttgarter Sportwagenschmiede stieg kurzerhand beim Audi -Mutterkonzern Volkswagen ein, und Porsche -Chef Wendelin Wiedeking kündigte in Wolfsburg und Ingolstadt schon einmal die Zeiten der kurzen Leine an. Denn der Bau von Sportboliden und luxuriösen Geländewagen wie der von Audi entwickelte Q7 sind nun einmal die Domäne Porsches. "Es wird sich in den kommenden Monaten zeigen, wie Audi auf den Druck aus Stuttgart reagiert", sagt ein Brancheninsider. Die Stallorder in Deutschlands mächtigstem Autokonglomerat wird in diesen Tagen neu festgelegt. Noch ist offen, wie frei Stadler über die Zukunft bei Audi entscheiden darf.Auf dem Weg an die Spitze hat Audi noch entscheidende Schwächen. So verfügen BMW und Mercedes immer noch über die breitere Modellpalette. Hat Audi in Europa Augenhöhe mit den Rivalen erreicht, so fährt der Konzern in den USA immer noch gnadenlos hinterher. Mit 90 000 verkauften Autos auf dem wichtigsten Automarkt der Welt ist Audi ein Exot. Abhilfe könnte ein eigenes Werk in den USA schaffen, doch noch hat Stadler kein grünes Licht aus Wolfsburg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Piëch protegiert seinen Ziehsohn nach Kräften Doch der 44-jährige Bauernsohn ist keiner, der sich leicht in die Ecke schieben lässt. Noch immer fühlt sich die Tochter Audi als das Zugpferd im VW -Konzern, und Ingolstadt begreift sich als das bessere Wolfsburg. Und kaum jemand könnte dieses aggressive Selbstbewusstsein besser verkörpern als der drahtige Dauerläufer Stadler. Sein Aufstieg und Audis Wandel zur Edelmarke laufen erstaunlich parallel. Anfang der Achtziger verlässt der Sohn den väterlichen Hof im fränkischen Titting, um im fernen Augsburg Betriebswirtschaft an der Fachhochschule zu studieren. Audi kennt er zu diesem Zeitpunkt nur als die Familienkutsche seines Vaters: Der fährt einen orangefarbenen Audi 100 mit grünen Sitzen. Zum damaligen Zeitpunkt verströmt die Marke mit den vier Ringen einen zweifelhaften Charme, Spötter verweisen vor allem auf die Vorzüge der großvolumigen Aschenbecher.Dann, 1990, kommt Stadler zu Audi. Dort feilt Ferdinand Piëch inzwischen an der Neuausrichtung der Marke. Allradantrieb und Alukarossen machen die VW -Tochter flott, Audi wird stromlinienförmig und löst sich aus dem Windschatten der biederen Mittelklasse. Plötzlich ist Audi Ausdruck von Erfolg und Aufstieg.Auch der ehrgeizige Jungmanager Stadler gewinnt an Kontur: Audi schickt sein Talent als kaufmännischen Leiter zur Konzerntochter Seat nach Spanien. Zurück in Deutschland bittet der mittlerweile zum VW -Chef aufgestiegene Piëch Stadler zum Gespräch: Als Leiter des Generalsekretariats des Vorstandschefs ist der damals 34-Jährige eine Schlüsselfigur im VW -Machtapparat.Piëch protegiert seinen Ziehsohn nach Kräften und schickt ihn schließlich als Finanzvorstand zu seiner Lieblingstochter Audi. Als Audi -Chef Martin Winterkorn überraschend Ende 2006 zum neuen VW -Chef aufsteigt, ist Rupert Stadler am Ziel. Als erster Nichtingenieur in der 100-jährigen Firmengeschichte rückt er überraschend an die Audi -Spitze. Wieder ist es der mächtige VW -Übervater Ferdinand Piëch, der Stadler in Position bringt.So viel Fürsorge kann Dankbarkeit erwarten. Stadlers Stunde schlägt am 15. Januar. Dann wird der ehemalige Büroleiter Piëchs als Zeuge im VW -Korruptionsprozess aussagen. Denn die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hat sich in dem Verfahren um bestochene Betriebsräte und Bordellbesuche auf Firmenkosten längst auf eine mögliche Verstrickung Piëchs eingeschossen. Erst kurz vor Weihnachten hat Ex-VW -Finanzchef Bruno Adelt seinen ehemaligen Vorstandschef Piëch entlastet. Nun also ist sein ehemaliger Büroleiter an der Reihe. Von Rupert Stadlers Aussage hängt viel ab.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.01.2008