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Angreifer aus der Provinz

Von Gregory Lipinski
Dirk Roßmann will mit neuen Drogeriemärkten den Konkurrenten Schlecker und DM die Kunden abjagen. Er will seinen Marktanteil in Deutschland von derzeit 15 Prozent erhöhen. Sein Ziel für dieses Jahr ist ehrgeizig. Er will den Gruppenumsatz um 12,5 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro und die Zahl der Mitarbeiter um rund 2000 auf rund 19 000 steigern.
BURGWEDEL. Der Mann wirkt angespannt. Hektisch kramt er die Lesebrille aus seinem grün karierten Sakko, setzt sich kerzengrade vor den Schreibtisch, den man für ihn in einem kleinen Sitzungssaal im zweiten Stock der Firmenzentrale aufgebaut hat. Hinter ihm prangt übergroß der Firmenname Rossmann. Wir befinden uns in Burgwedel, einer Kleinstadt nahe Hannover, die sich damit rühmt, Mitglied im Verein niedersächsische Spargelstraße e.V. zu sein.Mühsam ordnet der Firmenchef seine Redezettel und fingert unbeholfen am Mikrofon herum. Seine Stimme klingt blechern, als er beginnt. Unzufrieden schiebt er das Gerät beiseite. ?Das ist natürlicher, als wenn ich hier in dieses Ding reinspreche?, sagt Dirk Roßmann, der den Firmennamen mit zwei s schreibt und ihn mit einem Zentauren, dem mythologischen Mensch-Pferd-Wesen, ziert.

Die besten Jobs von allen

Die Aufregung ist verständlich: Erstmals seit sechs Jahren zeigt sich der Selfmade-Millionär wieder in der Öffentlichkeit. Der Mann, der angetreten ist, mit seiner Drogeriekette, der Nummer drei in Deutschland, die beiden größten Rivalen Schlecker und DM anzugreifen.Sein Ziel für dieses Jahr ist ehrgeizig. Er will den Gruppenumsatz um 12,5 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro und die Zahl der Mitarbeiter um rund 2000 auf rund 19 000 steigern. Die Umsatzrendite gibt er mit etwa zwei Prozent an ? ?ein Prozent besser als der Erzrivale DM?, sagt er. Das Eigenkapital beziffert er mit 150 Millionen Euro und die Kriegskasse mit 100 Millionen.Er will seinen Marktanteil in Deutschland von derzeit 15 Prozent erhöhen. Gern hätte er den kleineren Konkurrenten Budnikowsky übernommen, um in Norddeutschland stärker Fuß zu fassen. ?Der Inhaber will aber nicht verkaufen?, sagt Roßmann nüchtern, der 370 Läden von der Tengelmann-Tochter ?kd? kaufte und so näher an Schlecker und DM heranrückte. ?Wir werden wohl in Deutschland vorerst weiter organisch wachsen.? Hier zu Lande will er 120 Läden eröffnen und 150 in Osteuropa.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zeiten waren nicht immer so rosigFür den 59-Jährigen mit dem energischen Kinn waren die Zeiten nicht immer so rosig: Roßmann wächst in den 50er-Jahren in Hannover in einfachen Verhältnissen auf. Hier besitzt die Familie in der Podbielskistraße 61 eine kleine Drogerie ? kaum größer als ein Wohnzimmer. Sie kann die Eltern, den älteren Bruder und die Großeltern kaum ernähren. ?Geldsorgen waren ein ständiger Begleiter?, erinnert sich Roßmann. Denn die Tageseinnahmen liegen nur bei 700 Mark, weil die Hersteller den Ladenpreis für Rasierschaum, Nagellack und Waschmittel festsetzen dürfen.Als 1972 die Preisbindung fällt, erkennt der damals 25-Jährige seine große Chance. Er gründet den ersten Selbstbedienungsdrogeriemarkt in Deutschland und verkauft die Artikel deutlich preiswerter als die Konkurrenz. Der Erfolg stellt sich schnell ein. ?Ich rechnete mit 2000 Mark Tagesumsatz. Letztendlich waren es zwischen 10 000 bis 20 000 Mark?, erinnert sich Roßmann.Bereits nach wenigen Jahren gehören ihm mehr als 100 Filialen. Um die Expansion voranzutreiben, holt er sich die Hannover Finanz ins Boot ? eine Beteiligungsgesellschaft, die sich auf die Mittelstandsfinanzierung konzentriert. Sie reicht ihren Anteil später an AS Watson weiter, die Drogeriesparte des milliardenschweren Hongkonger Beteiligungskonzerns Hutchison Whampoa. Der Firmenpatriarch achtet darauf, dass sich der Finanzinvestor nicht ins operative Geschäft einmischt. Roßmann: ?Sie werden hier keinen einzigen Chinesen im Haus sehen.?Das Tagesgeschäft nimmt der gelernte Drogerist lieber selbst in die Hand. Fast täglich besucht er unangemeldet eine der rund 1600 Filialen in Osteuropa und Deutschland. Er achtet vor allem darauf, dass die Verkäuferinnen ihren Kittel zuknöpfen und ihr Namensschild tragen. Wer sich besonders verdient macht, den lädt Roßmann in ein Freizeitparadies nach Wörlitz ein ? zu Tennis, Wanderungen und Gondelfahrten. ?Roßmann behandelt die Mitarbeiter menschlicher als viele Konkurrenten. Er bietet ihnen ein Klima, in dem sie sich wohlfühlen?, sagt Verdi-Vertreter Peter Franielczyk. Er akzeptiert ? im Gegensatz zu vielen Konkurrenten im Discount ? Betriebsräte und hört sich ihre Ratschläge an.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Unorthodoxer Management-StilIm Management pflegt Roßmann einen unorthodoxen Stil. ?Er dutzt sich mit manchen Führungskräften?, beschreibt ihn Albrecht Hertz-Eichenrode, Chef der Hannover Fi-nanz und Beiratsmitglied der Droge-riekette. Im Unternehmen verzichtet er auf Krawatten. Dennoch lässt er keinen Schlendrian zu. ?In der Sache ist er klar und hart?, sagt Eichenrode.Vor allem wenn es um die Preisgestaltung für die 17 000 Artikel im Sortiment geht: Wo immer die Konkurrenz mit Sonderangeboten lockt, zieht er schnell nach. Dabei riskiert er auch mal Ärger. Der Markenartikelverband reichte vor wenigen Wochen beim Bundeskartellamt in Bonn eine Beschwerde ein, weil Rossmann das Haarpflegemittel ?Schauma? der Henkel-Tochter Schwarzkopf weit unter Einstandspreis verkauft.Die Kartellbehörde reagierte prompt und nahm mehr als 60 Artikel unter die Lupe. ?Es kann sein, dass einige Produkte unter Einstandspreis verkauft wurden?, sagt eine Behördensprecherin. Ist dies der Fall, droht der Drogeriekette eine millionenschwere Geldbuße.Doch Roßmann ist gegen solchen Stress gewappnet. Der Vater von zwei Söhnen aus zwei Ehen macht zweimal täglich zehn Minuten autogenes Training, spielt Tennis, Tischtennis und wandert gern. Rauchen verabscheut er, stattdessen lutscht er lieber Bonbons.Außerdem setzt sich Roßmann für humanitäre Zwecke ein. Mit einem Geschäftsfreund gründete er 1991 die ?Deutsche Stiftung Weltbevölkerung?, die sich für die Verbreitung von Verhütungsmitteln in Entwicklungsländern einsetzt. Häufig besucht er Elendsquartiere und Krankenhäuser in Nepal und Äthiopien.Roßmann kann es sich leisten. Laut Manager Magazin gehört er zu den 300 reichsten Deutschen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Dirk RoßmannVita von Dirk Roßmann1946: Er wird am 7. September in Hannover geboren. Er macht eine Lehre in der Drogerie der Eltern.1972: Er eröffnet im März im Alter von 25 Jahren den ersten Discountmarkt in Deutschland.1984: Er steigt mit seiner Drogeriekette ins Parfümgeschäft ein. Auch hier setzt er auf das Discountprinzip, indem er die Preisbindung und das Depotsystem umgeht.1993: Er eröffnet in Polen und Ungarn erste Filialen. 1998 erhält er das Verdienstkreuz am Bande für die ?Deutsche Stiftung Weltbevölkerung?, die er 1991 mit ins Leben ruft. Sie kümmert sich in Entwicklungsländern um die Verbreitung von Verhütungsmitteln.2005: Er kauft von Tengelmann 370 kd-Filialen. Heute gehören zu Rossmann rund 1600 Filialen.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2006