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Angezählter Vorstand wird Aufsichtsratschef

Von Oliver Stock
Die österreichische Hypo Alpe-Adria-Gruppe nimmt Generaldirektor Wolfgang Kulterer auf Druck von Investoren aus der Schusslinie. Sein Nachfolger auf dem Vorstandsposten wird Siegfried Grigg, der bislang als stellvertrender Leiter der Grazer Wechselseitigen Versicherung tätig war.
WIEN. Kulterer zog damit vier Monate nach Bekanntwerden von hohen Verlusten, die über anderthalb Jahre hinweg verschleiert worden waren, die Konsequenzen.Er kam auf diese Weise auch einem Verfahren der österreichischen Finanzmarktaufsicht zuvor, die angedroht hatte, der fünftgrößten Bank des Landes die Lizenz zu entziehen, falls sie keinen unbelastetes Management präsentiert.Kulterer bleibt allerdings der Bank erhalten und soll im Oktober sogar an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln. Sein Nachfolger auf dem Vorstandsposten wird Siegfried Grigg, der bisher stellvertretender Leiter der Grazer Wechselseitigen Versicherung ist, die wiederum nach dem Bundesland Kärnten der zweitgrößte Aktionär der Hypo Alpe-Adria-Gruppe ist. Neben Kulterer tritt auch dessen Stellvertreter Günter Striedinger zurück.

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Das Geldinstitut versucht damit, einen Schlussstrich unter ein Geschehen zu ziehen, das die Bankenszene des Landes in den vergangenen Monaten ähnlich stark beschäftigte wie der Skandal um die Wiener Gewerkschaftsbank Bawag, die ebenfalls nach Spekulationsverlusten an den Rand der Pleite gelangt war und jetzt verkauft werden soll. Die Hypo Alpe-Adria hatte nach Jahren erfolgreichen Wachstums und mit dem festen Ziel eines Börsengangs vor Augen im September 2004 bei Swap-Geschäften 328 Mill. Euro innerhalb weniger Tage verloren. Der Verlust war allerdings entgegen üblichen Bilanzierungsregeln nicht komplett verbucht worden, sondern sollte Jahr für Jahr abgetragen werden. Der Aufsichtsrat, darunter auch der Kärtner Landeshauptmann (Ministerpräsident) Jörg Haider als Vertreter des größten Aktionärs der Bankengruppe, wurde angeblich erst Monate später informiert. Als der Vorgang Ende März doch aufflog, schalteten sich Finanzmarktaufsicht und später auch die Staatsanwaltschaft ein. Die Finanzmarktaufsicht stellte mit dem gestrigen Rücktritt von Kulterer ihre Ermittlungen ein.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kulterer weist nach wie vor jegliches Fehlverhalten zurück.Der scheidende Vorstandschef betonte bei einem öffentlichen Auftritt gestern in Wien, dass er sich selbst "keiner Verfehlung bewusst" sei. Dennoch übernehme er die Verantwortung. In sehr persönlichen Worten bezeichnete er sich als "Workaholic", der nun in eine Entwöhnungsphase eintreten werde. Falls er nicht zum Aufsichtsratschef gewählt werde, ziehe er sich "in die Landwirtschaft zurück. Das ist auch eine Alternative", sagte Kulterer. Allerdings muss er mit dieser Entwicklung seiner Karriere nicht wirklich rechnen: Der stellvertretende Aufsichtsratschef Othmar Ederer machte in Wien deutlich, dass die Entscheidung zugunsten Kulterers bereits gefallen sei. Kritik, dass er vom Herbst in seiner voraussichtlichen Rolle im Aufsichtsrat als eine Art "Übergeneraldirektor" agiere, wies Kulterer zurück. Er wolle sich auf die "strategische Steuerung" beschränken.Die Entscheidung zu Kulterers Aufgabenwechsel, die etwa der Chef der österreichischen Ersten Bank, Andreas Treichl, als "Gipfel der Absurdität" bezeichnete, fiel vor dem Hintergrund des Börsengangs, der nun spätestens für das Frühjahr 2008 geplant ist, und einer Kapitalerhöhung, die bereits in diesem Herbst über die Bühne gehen soll. Kulterer selbst räumte ein, dass Investoren durch die Vorgänge bei der Hypo Alpe-Adria verunsichert worden seien. Auf der anderen Seite wollten die jetzigen Anteilseigner Kulterer, der die Bank in den vergangen 15 Jahren zu einem der führenden österreichischen Institute gemacht hatte, nicht einfach ziehen lassen. Auch das hätte Investoren vermutlich abgeschreckt. "Kulterer wird deswegen anders verwendet", lautet die etwas militärisch klingende Aussage von Verwaltungsratsvizepräsident Ederer dazu.Kulterers Nachfolger Grigg erklärte, er wolle das Unternehmen zunächst aus den Schlagzeilen bringen und Personaldiskussionen beenden. Die Risikokontrolle werde verbessert. Auch wolle er vermeiden, dass "die Politik ständig ihre Kommentare über uns abgibt", sagte Grigg.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.08.2006