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Andersrum ist nicht verkehrt

Liane Borghardt
Outing am Arbeitsplatz, ja oder nein? Experten meinen: Wer zu seiner Identität steht, macht sich und seinen Kollegen das Berufsleben leichter. Angst vor Diskriminierung nennen Homosexuelle als Motiv Nummer eins für ihre Verschwiegenheit. Und sitzen damit einem Irrtum auf.
Eine Antrittsrede vor 180 neuen Mitarbeitern halten - schwierige Nummer. Besonders wenn es Heikles zu vermelden gibt. An zwei Sätzen hat Eva Kreienkamp lange gefeilt: "Seit acht Jahren bin ich glücklich mit meiner Lebensgefährtin zusammen. Darauf bin ich stolz." Die Offensive kam an. "Durchweg positiv" seien die Reaktionen gewesen, freut Eva Kreienkamp sich noch heute.

Im vergangenen Januar startete die 41-Jährige als Geschäftsführerin beim Berliner Telekommunikationsunternehmen Berlikomm. Von Anfang an wollte sie im neuen Job "out" sein. Vor der gesamten Belegschaft

Die besten Jobs von allen


Eine Offenheit, die nicht selbstverständlich ist. Fünf bis zehn Prozent der Deutschen sind homosexuell. Derselbe Anteil wird für die Arbeitswelt angenommen. Nur jeder Achte bekennt sich dort zu seinem Privatleben. "Die häufigste Strategie von Frauen wie Männern ist: Ich verleugne meine Homosexualität nicht, wenn ich darauf angesprochen werde. Aber ich gehe das Thema nicht aktiv an", sagt Christopher Knoll. Für seine Studie "Lesben und Schwule in der Arbeitswelt" hat der Münchener Psychologe über 2.500 Berufstätige befragt.

Angst vor Diskriminierung nennen sie als Motiv Nummer eins für ihre Verschwiegenheit. Und sitzen damit einem Irrtum auf. Denn, so zeigt die Studie auch, wer am Arbeitsplatz aus Persönlichem ein Geheimnis macht, wird eher zum Opfer. Um Mobbing oder gar Erpressung handelt es sich dabei nicht. "Stumme empfinden oft schon die frotzelnde Anspielung darauf als Aggression", erklärt Psychologe Knoll. Lücken im Leben

Den überzeugten Single mimen - für unter 30-Jährige mag das mühelos klappen. Ab 35 sieht das anders aus, weiß Knoll aus seiner Beratungstätigkeit beim "Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum" in München. Auch fallen mit fortschreitender Unternehmenszugehörigkeit Lücken auf, wenn es um Freizeit, Freunde, Beziehungen geht

Das Versteckspiel kostet: Die Heimlichtuer investieren Energie und Nerven. Die Kollegen verbringen Zeit mit Spekulation. Macht zehn Prozent Produktivitätsverlust, rechnen US-Wissenschaftler vor. Standard-Aussagen wie "Ich will doch auch nicht wissen, was meine Kollegen im Bett machen" lässt Psychologe Knoll deshalb nicht gelten. "Gibt sich jemand als homosexuell zu erkennen, geht es nicht um sexuelle Präferenzen, sondern um soziale Identität." Wann die Zeit dafür reif ist, muss jeder selbst spüren.

Ewiger Eiertanz

Eva Kreienkamp hat "alles" ausprobiert. Nach dem Mathematik-Studium war für sie klar, dass sie auch im Job von einer Frau an ihrer Seite reden wollte. Mal habe sie zuerst ihre Vorgesetzten informiert, dann die Kollegen oder umgekehrt. Mal in den Lebenslauf "nicht verheiratet" geschrieben, mal es weggelassen. Einen Satz zur Lebenspartnerin ins Vorstellungsgespräch eingewoben, wenn der Umzug von zwei Personen Teil der Verhandlung war.

"Jeder trägt die Verantwortung, der Diskussion um solche Rechte ein Gesicht zu geben", findet die Managerin und wünscht sich mehr Wegbereiter wie Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit. Das Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft gäbe es nicht, wären da keine Mutigen gewesen. Ihrer Karriere jedenfalls habe der offene Umgang mit ihrer Homosexualität nicht geschadet. Der "wertkonservative Versicherer", für den sie zehn Jahre in München tätig war, tue sich allgemein schwer, Frauen ins Top-Management einzulassen. Lobby bilden

Eine Erfahrung, die Eva Kreienkamp mit 30 anderen "Wirtschaftsweibern" teilt. Das Netzwerk lesbischer Fach- und Führungskräfte ist bisher mit Regionalgruppen in Berlin, München und Stuttgart vertreten. Der "Völklinger Kreis - Bundesverband Gay Managers" zählt in 21 Städten knapp 800 Mitglieder. Sie wollen sich Rückhalt bieten, berufliche und politische Lobbyarbeit leisten. Häufig sind homosexuelle Frauen und Männer Entscheider im Berufsleben, zeigen Studien des Schwul-Lesbischen Forschungszentrums an der Uni München

In den unteren Unternehmensetagen steht Privates meist nur im Aufdeckungsinteresse der Kollegen. Im Management kann es zum Politikum werden. Immer noch. Zwar fahren die offenen Gay Managers erfahrungsgemäß besser, erzählt Verbandssprecher Klaus Weinrich. "Doch uns sind auch andere Fälle bekannt." Etwa der des angehenden Vorstandsmitgliedes in einem internationalen Medienkonzern: Ihm entzog der Personaler kurzerhand den Arbeitsvertrag. Sorry, aber Homosexualität und "Philosophie des Hauses" vertragen sich nicht. Ähnliche Töne von den Bossen eines US-Unternehmens: Ihr Deutschland-Repräsentant müsse eine Frau haben, die ihn begleitet.

Vorreiter Ford

Wird die Angst vor dem Karrierestopp real, schalten sich Juristen aus den Reihen der Gay Managers ein, fordern zumindest finanzielle Abfindung für den Diskriminierten. Eine schwarze Liste von Unternehmen führt der Verband nicht. Er geht den umgekehrten Weg und setzt auf große Arbeitgeber als Vorbild. Mit dem "Max-Spohr-Preis" zeichnet er jährlich jene aus, die zur Verbesserung der Arbeitssituation von Homosexuellen eintreten

Ford und die Deutsche Bank erhielten den Preis zuletzt. In deren Unternehmensrichtlinien steht, dass gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften dieselben Vorzüge genießen wie Ehepaare. Sei es bei der Betriebsrente, Dienstreisen oder freien Tagen für Familienfeste. Gays als Imageträger

Finanzdienstleister immer verklemmt, Werbeagenturen per se offen - falsch. 50 Unternehmen schreiben die Gay Managers jährlich für ihren Wettbewerb an. Antworten wie "Belästigen Sie uns künftig nicht mehr" kämen auch von Konzernen, die sich Fortschritt auf die Fahnen schreiben. Doch zunehmend interessieren sich Firmen aller Branchen für Programme zur Gleichberechtigung. Schließlich liegt in der Vielfalt der Mitarbeiter Potenzial. Ford bittet seine "Globes" - Gay, Lesbian or Bisexuals Employees - um Ideen fürs Marketing. Im Kölner Karneval Aids-Aufklärung sponsern ist gut fürs Image. Bei Kunden und Mitarbeitern. Wo angstfreies Klima für Homosexuelle herrscht, fühlen sich alle wohler.

Zwangsouting, wie jüngst in der Debatte um Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust gefordert, ist für den Gay Managers-Verband indiskutabel. Aber der Appell an den Akademiker-Nachwuchs heißt: Bring alles mit in den Job, was Du zu bieten hast. Anfängerfehler gehören dazu. Auch Eva Kreienkamp bekannte sich nicht aus dem Stand vor 180 Kollegen als lesbisch. Die Berlikomm-Chefin erinnert sich an ungeschickte Outings, rote Köpfe, betretenes Schweigen. "Früh übt sich. Mit den Jahren wird man besser."

Click > www.vk-online.de; www.wirtschaftsweiber.de; www.schwule-lehrer.de

BU: Haben sich geoutet: Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust, Talkmasterin Bettina Böttinger, Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts, Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit, Blond am Freitag-Moderator Ralph Morgenstern, Thomas Hermanns vom Quatsch Comedy Club
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2003