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Amerikanische Verhältnisse

Der gute alte deutsche Diplomstudiengang ist bald Vergangenheit. Die Zukunft gehört dem Bachelor. Und einer Kombination von Kurzstudium, Berufserfahrung und Aufbaustudium nach dem Vorbild USA.
Es ist eine Revolution, die ihren Namen nicht nennt: Politisch gewollt, aber von den deutschen Hochschulen mehrheitlich abgelehnt, findet innerhalb kürzester Zeit der totale Umbau der deutschen Hochschullandschaft statt. Was im Jargon der EU-Bürokratie und der Wissenschaftsministerien "Bologna-Prozess" heißt, ist nichts weniger als die Abschaffung des deutschen Diplomstudiengangs bis 2010. Die Zukunft gehört dem Bachelor als einem grundständigen, nicht mehr in erster Linie akademisch-wissenschaftlichen, sondern berufsqualifizierend ausgerichteten Kurzstudium von drei Jahren. "Man muss einfach hinnehmen, dass das deutsche System im internationalen Vergleich ein Auslaufmodell war", sagt Gert Stürzebecher, USA-erfahrener Leiter Führungskräfte-Entwicklung im Bertelsmann-Konzern.Viele Unis sehen das anders. Noch haben erst rund 20 Prozent der Hochschulen auf das neue Bachelor-/Master-System umgestellt (siehe Kasten). Ganz zu schweigen von Alibi-Umwidmungen, wo nur das bestehende Studienangebot ohne wirkliche Neukonzeption in Bachelor- und Master-Studiengänge umgetopft wird. "Wir fordern die Universitäten auf, wirklich neu gestaltete Studiengänge anzubieten", protestiert Bertels-Mann Stürzebecher. "Wir wollen nicht den Etikettenschwindel, wo der Bachelor nur ein etwas abgespeckter Diplomstudiengang ist."

Die besten Jobs von allen

Die Internationale Vergleichbarkeit und der höhere Praxisbezug sind die von Personalern am häufigsten genannten Vorzüge des neuen Bachelor-Studiengangs. "Deutsche Hochschulabsolventen werden sich mit diesem Abschluss international besser verkaufen können", schätzt Alison Trauttmansdorff, Leiterin des europäischen Hochschul-Recruitings bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. "Ihr Studium und ihr Lebenslauf sind jetzt viel einfacher vergleichbar.""Aussagekräftigere Bewerbungen" erwartet auch Albrecht Sanner, Leiter Personal- und Bildungspolitik bei der DaimlerChrysler AG. "Wir unterstützen deshalb den Bologna-Prozess ausdrücklich." Einen weiteren Vorteil des Bachelor-Abschlusses nennt Jan Masek, Senior Associate bei JP Morgan, mit Blick auf die Arbeitsmärkte Deutschland, Österreich und Schweiz: "Zum ersten Mal werden deutsche Hochschulabsolventen gegenüber ausländischen auch altersmäßig konkurrenzfähig sein."Trommeln für den BachelorNamhafte deutsche Großunternehmen springen deshalb in die Bresche für den neuen Abschluss. Unter der Ägide des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, einer von der deutschen Industrie finanzierten gemeinnützigen Organisation an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft, haben sich Altana, BASF, Bertelsmann, BMW, Conti, Deutsche Bahn, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Heidelberger Druckmaschinen zu einer "Bachelor welcome"-Aktion zusammengeschlossen. "Wir wollen damit ein Signal senden, dass Bachelor-Absolventen in unseren Unternehmen willkommen sind", erklärt Stifterverbandspräsident Arend Oetker.Werbung tut not, denn längst nicht alle Unternehmen teilen die Euphorie der "Bachelor welcome"-Initiatoren. Viele Personaler halten herzlich wenig von der sechssemestrigen Kurzausbildung - kein Vergleich zum akademisch geprägten Diplom, meinen die Skeptiker. Offen äußert etwa Deutschlands größter Stahlkocher seine Ablehnung: "Wir haben bislang keinen Bachelor eingestellt", sagt ThyssenKrupp-Sprecher Christian König, "und unsere Empfehlung ist auch immer: Satteln Sie erst einmal den Master drauf." Beim Versicherungsmulti Allianz gibt man sich "wohlwollend abwartend", erklärt aber auch ziemlich unmissverständlich: "Dass wir nicht Teil der Initiative Bachelor welcome sind, ist auch ein Statement."Etwas auf verlorenem Posten steht Sven Rudloff, Personalentwickler beim schwerfüßigen Düsseldorfer Energieriesen E.on AG. "Gegenwärtig dürfte ein Großteil der Bachelor-Absolventen bei unseren Konzerngesellschaften abgelehnt werden", schätzt er und fügt bedauernd hinzu: "Eigentlich ist es schade, Bachelor-Absolventen auszuschließen; aus denen könnte man etwas machen." Dazu müsste E.on allerdings erst konzernweit neue Einsteigerprogramme konzipieren. "Davon sind wir noch weit entfernt", gesteht Rudloff. Der E.on-Personalmanager legt damit den Finger auf den wunden Punkt vieler deutscher Unternehmen. Die nämlich haben sich mit der neuen Situation noch gar nicht richtig auseinander gesetzt. Die meisten wollen wie Siemens erst mal "abwarten, wie sich das entwickelt". Doch damit ist es nicht getan. "Wir werden uns in Zukunft viel genauer die Ausgestaltung der einzelnen neuen Studiengänge anschauen müssen", sagt Martina Erwig, bei BMW zuständig für Hochschulmarketing. "Das ist aber auch eine Chance, an der inhaltlichen Ausgestaltung mitwirken zu können", meint DaimlerChrysler-Mann Sanner.Ran an die jungen TalenteWährend die Industrie noch sondiert, macht Roland Berger bereits Nägel mit Köpfen. Auch die Münchener Unternehmensberater sind etwas skeptisch, was das Ausbildungsniveau künftiger Bachelor-Absolventen anbelangt. Also legt Berger kurzerhand ein eigenes Einsteigerprogramm für Bachelor-Absolventen auf. Ab sofort können die ersten Uni-Abgänger als Consulting Analyst anfangen, neun bis zwölf Monate im Job bleiben und dann ein Master- oder MBA-Studium aufstocken, um hinterher als Juniorberater ins Unternehmen zurückzukehren.Auch beim Konkurrenten Boston Consulting geht man in diese Richtung. "Die Pläne lagen fertig in der Schublade", verrät BCG-Recruiting-Chef Just Schürmann, "und werden jetzt umgesetzt - allerdings nur für ausgewählte Universitäten." Deren Absolventen können bei BCG nun als Junior Associate einsteigen, zwei Jahre im Job bleiben und dann einen Master oder MBA draufsatteln. "Auch bei Booz Allen Hamilton werden bereits vereinzelt Consultants mit Bachelor-Abschluss eingestellt", berichtet der für das Recruiting zuständige Partner Roman Friedrich. "Der weitere Karriereweg ermöglicht auch hier eine MBA-Option."Lernen - aufsteigen - lernenDie Pläne der international orientierten Berater zeigen, wo die Reise hingeht. Amerikanische Verhältnisse zeichnen sich ab: In Zukunft wird man auch in Deutschland viel früher in den Job gehen, um später ein vertiefendes spezialisierendes Master-Studium oder einen MBA draufzusatteln.Zumindest all jene Unternehmen, die auf der ständigen Jagd nach High Potentials sind, denken derzeit über solche Modelle nach. Die Unterzeichner der "Bachelor welcome"-Initiative haben sich sogar verpflichtet, "maßgeschneiderte Einstiegsprogramme oder betriebliche Weiterbildung auch im Hinblick auf Masterabschlüsse anzubieten". Andreas Woy, Leiter Nachwuchsentwicklung bei der Commerzbank, arbeitet bereits an einem neuen Qualifizierungsprogramm für High Potentials - sogar mit Teilfinanzierung eines MBA-Studiums.Christoph Mohr

Bachelor- und Master-Umstellung an Spitzen-Unis
Schleppender Umbau

Universität St. Gallen (HSG)
Die HSG war die erste der führenden deutschsprachigen Wirtschaftshochschulen, die die Umstellung konsequent betrieben hat. Die ersten Bachelor-Absolventen kamen bereits in diesem Jahr "auf den Markt". Verschiedene M.A.- und MBA-Programme laufen parallel.

Universität Witten/Herdecke
Komplettumstellung zum Wintersemester 05/06 auf B.A. in Business & Economics und M.A. in General Management.

Uni München (LMU)
Die LMU bietet seit dem Wintersemester 00/01 in VWL zusätzlich zum Diplom einen B.A./M.A.-Abschluss an. In BWL sollen Bachelor und Master im Wintersemester 05/06 eingeführt werden.

Uni Münster
Neben dem Diplom bietet die Uni Münster bereits B.A.- und M.A.-Abschlüsse in BWL, VWL und Wirtschaftsinformatik an. Die vollständige Umstellung ist abhängig von politischen Vorgaben.

Humboldt-Universität Berlin
Parallele Ausbildung in Diplom- und Bachelor- bzw. Master-Studiengängen. B.A./M.A. in BWL und VWL. Mehrere weitere Master-Programme im Aufbau.

European Business School (ebs)
Umstellung zum neuen Studienjahr 04/05. B.A./M.A.-Abschlüsse sind dann in European Management und General Management möglich.

Uni Köln
Komplettumstellung zum Wintersemester 06/07. Dann vier BWL- und zwei VWL-Masterprogramme.

Uni Bonn
Umstellung in der Uni-internen Abstimmung. B.A.-Einführung in 2005; M.A.-Einführung offen.

Uni Mannheim
Umstellung geplant, aber noch kein Termin bekannt.

Handelshochschule Leipzig (HHL)
Über die Umstellung wird gegenwärtig beraten.

Quelle: Junge Karriere-Umfrage, Juni 2004
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2004