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Amerika ist kein Vorbild

Michael Hartmann, 52, ist Professor an der TU Darmstadt. Der Soziologe ist einer der führenden Eliteforscher in Deutschland.
Der Ruf nach Elitehochschulen in Deutschland ignoriert die scharfe soziale Selektivität derartiger Institutionen und schätzt die tatsächlichen Chancen der deutschen Hochschulen falsch ein. Ein Blick auf die immer wieder als Vorbild genannten USA macht das deutlich. Die 20 führenden Universitäten dieses Landes rekrutieren ihre Studierenden zu 80 Prozent aus dem oberen Fünftel der US-Gesellschaft. Allein die führenden zwei Prozent der Einkommensbezieher stellen mit 20 Prozent ungefähr doppelt so viele Studierende wie die gesamte untere Hälfte der Bevölkerung.
Wir brauchen Leistungseliten. Dieses Credo verkünden die maßgeblichen Eliten unseres Landes fast ununterbrochen. Vor allem in der Diskussion um die Umstrukturierung der Hochschullandschaft spielt es eine große Rolle. Um die Besten des Landes nicht nach Herkunft, sondern rein nach Leistung auswählen und ihnen zugleich die für Spitzenleistungen erforderlichen Bedingungen bieten zu können, müssten auch in Deutschland Eliteuniversitäten geschaffen werden, so der Tenor.

Diese Logik, so plausibel sie auf den ersten Blick erscheint, enthält zwei gravierende Denkfehler. Sie ignoriert die scharfe soziale Selektivität derartiger Eliteinstitutionen, und sie schätzt die tatsächlichen Chancen der deutschen Hochschulen falsch ein. Ein Blick auf die immer wieder als Vorbild genannten USA macht das deutlich. Die 20 führenden Universitäten dieses Landes rekrutieren ihre Studierenden zu 80 Prozent aus dem oberen Fünftel der US-Gesellschaft. Allein die führenden zwei Prozent der Einkommensbezieher stellen mit 20 Prozent ungefähr doppelt so viele Studierende wie die gesamte untere Hälfte der Bevölkerung. Zwar können die Kinder des oberen Fünftels aufgrund ihrer familiären Bedingungen und der höheren Qualität der von ihnen besuchten Schulen im Durchschnitt bessere Leistungen erbringen, das allein macht ihren großen Erfolg in den Bewerbungsverfahren aber nicht aus.

Es gibt noch zwei weitere Gründe. Zum einen schrecken die sehr hohen Kosten von über 40.000 Dollar weniger Begüterte wirksam ab. Obwohl Harvard und Princeton in den letzten Jahren dazu übergegangen sind, angenommenen Bewerbern aus Familien mit unterdurchschnittlichen Einkommen die Gebühren ganz zu erlassen, bleiben erhebliche finanzielle Belastungen. An den Ivy-League-Universitäten machen sie bei den Studierenden aus dem unteren Fünftel der Gesellschaft immer noch circa die Hälfte des jährlichen Familienbruttoeinkommens aus. An den Elitehochschulen, die aufgrund ihres geringeren Vermögens nicht so großzügig sein können, liegen die Belastungen noch höher. Zum anderen sorgen jene zentralen Auswahlkriterien, die nicht leistungs-, sondern persönlichkeitsbezogen sind, dafür, dass Kandidaten aus den "besseren Kreisen" weit überdurchschnittliche Chancen haben. Von reinen Leistungseliten kann folglich keine Rede sein.

Auch was die Leistungsfähigkeit des Hochschulsystems betrifft, so spricht einiges dafür, dem Vorbild USA nicht einfach zu folgen. Die Topuniversitäten der USA leben wissenschaftlich davon, dass sie in großem Umfang ausländische Studierende und Wissenschaftler rekrutieren. Das können sie, weil ihnen mit jährlichen Etats von zwei Milliarden Dollar und mehr außerordentlich hohe Summen zur Verfügung stehen. Sie müssen es zugleich aber auch, weil die Konzentration der Mittel auf wenige Spitzeninstitutionen nicht ohne negative Folgen für die Qualität des restlichen US-Bildungssystems bleibt. Außerdem studieren die besten einheimischen Bewerber aufgrund der enormen Studienkosten bevorzugt jene Fächer, die auch besonders hohe Einkommen versprechen. Das sind Medizin, Jura und die Wirtschaftswissenschaften. In den Natur- und Ingenieurwissenschaften dagegen, wo sich weit weniger gute Verdienstmöglichkeiten bieten, muss mittlerweile jede zweite Position mit Ausländern besetzt werden.

Da wohl niemand bestreitet, dass auch in Zukunft keine deutsche Universität nur annähernd über Etats wie Harvard, Yale & Co. verfügt, eine vergleichbare Rekrutierungspolitik daher nicht möglich ist, stellt sich die Frage nach einer ernsthaften Alternative. Sie läge darin, auf die immer noch vorhandene Stärke des deutschen Hochschulsystems, die hohe Qualität in der Breite, zu setzen. Es ist zwar richtig, dass im Shanghai-Ranking nur eine einzige deutsche Universität unter den Top 50 zu finden ist; übersehen wird dabei aber, dass die Bundesrepublik nach den USA die meisten Hochschulen unter den Top 500 stellt. Wenn man die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulen tatsächlich stärken und dem Brain Drain wirksam begegnen will, dann muss man endlich etwas gegen ihre massive Unterfinanzierung unternehmen. Länder wie Dänemark oder auch Südkorea investieren in ihre Hochschulen in Relation zum BIP oder zu den öffentlichen Ausgaben fast doppelt so viel an staatlichen Mitteln. Wer ständig nach Spitzenleistungen ruft, die Hochschuletats aber immer weiter zusammenstreicht, statt sie endlich spürbar anzuheben, der ist einfach nicht glaubwürdig.

Dieser Artikel ist erschienen am 24.05.2005