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Am liebsten von Angesicht zu Angesicht

Christoph Hus, Handelsblatt
Die Zeitverschwendung hat Methode: Vielen Mitarbeitern mangelt es an effizienter Kommunikation. Eine interationale Studie belegt, dass über zwei Drittel der Berufstätigen deshalb bis zu einer Stunde ihrer Arbeitszeit verlieren.
Noch schlimmer ist die Situation in den fünf untersuchten Ländern nur in Norwegen. Der jährliche Schaden beträgt allein für deutsche Unternehmen 117 Milliarden Euro.Für die Studie hat das US-Marktforschungsunternehmen Roper ASW Berufstätige in Deutschland, den USA, Großbritannien, Hongkong und Norwegen befragt. Auftraggeber war der Videokonferenztechnik-Anbieter Tandberg.

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Besonders nachlässig sind die Deutschen beim Lesen von E-Mails. Lediglich zwölf Prozent lesen ihre Nachrichten zu Ende, bevor sie sie löschen, ergab die Umfrage. Damit gehen häufig wichtige Informationen verloren, weil sie den Adressaten nie erreichen. Besonders großen Wert legen deutsche Arbeitnehmer dagegen auf persönliche Gespräche von Angesicht zu Angesicht. 92 Prozent der Befragten sehen darin die wichtigste Kommunikationsform. Damit schätzen die Deutschen das persönliche Gespräch besonders stark. In den USA gaben nur 79 Prozent der Befragten die gleiche Antwort, in Hongkong sogar nur 49 Prozent. Als größten Vorteil gegenüber anderen Kommunikationsmethoden nannte die Mehrheit hier zu Lande, dass die Aufmerksamkeit im direkten Gespräch besonders hoch sei. Als großen Pluspunkt nannten Viele auch die nonverbale Kommunikation.Wer Wichtiges mit seinen Mitarbeitern zu besprechen hat, sollte daher das persönliche Gespräch suchen. Telefonkonferenzen sind keine Alternative, wie die Studie belegt. Ganze 74 Prozent der befragten Deutschen gaben an, dabei unaufmerksam zu sein und nebenbei andere Aufgaben zu erledigen. 29 Prozent lesen oder schreiben beim Zuhören E-Mails, 23 Prozent kritzeln auf Papier herum, 22 Prozent surfen im Internet, elf Prozent essen und acht Prozent träumen vor sich hin.Katharina Dietze erlebt solche Probleme immer wieder. Die Geschäftsführerin der Unternehmensberatung IBT in Schwelm wird von Unternehmen engagiert, um deren Mitarbeitern eine effizientere Kommunikation beizubringen. Auf die schwerwiegendsten Mängel trifft sie dabei in Großunternehmen. ?Je größer das Unternehmen ist, desto ausgeprägter ist die Beschäftigungstherapie mit ineffektiven Telefonkonferenzen und schlechter E-Mail-Bearbeitung?, berichtet die Trainerin. Eine Vielzahl verschiedener Zuständigkeiten verschärfe das Problem noch.Neue Kommunikationsmethoden wie Telefonkonferenzen können nur dann funktionieren, wenn die Teilnehmer den richtigen Umgang damit vorher trainieren, ist Dietze überzeugt. So sollten lange Monologe während der Konferenz tabu sein. ?Vielmehr müssen alle Teilnehmer aktiv in das Gespräch eingebunden werden und gemeinsam auf ein konkretes Ziel hinarbeiten?, fordert sie.Klare Regeln empfiehlt die Trainerin auch für den Umgang mit E-Mails. Die Nachrichten würden zu oft missbraucht, um Verantwortung abzuschieben. ?Alle Personen, die eine Mail als Kopie erhalten haben, werden später für ein Ergebnis verantwortlich gemacht?, warnt Dietze. ?Deshalb sind E-Mails ein riesiger Zeitfresser geworden.?Letztlich ist auch die Selbstdisziplin jedes einzelnen für seine Effizienz verantwortlich. Viele Mitarbeiter lassen sich zu oft von eingehenden E-Mails ablenken, berichtet Dietze. ?Durch das ständige Lesen der Aufgaben im Posteingang geht viel Zeit verloren, ohne wirklich Aufgaben zu erledigen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.05.2004