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Alma Mater rüstet um

Dorothee Fricke
Die Einführung von Studiengebühren wird die Hochschullandschaft radikal verändern. Wohin das Geld fließt, wer profitiert, welche Fächer auf der Strecke bleiben und was das Studium bald wirklich kostet: ein Blick in die Zukunft der Universitäten.
Die Einführung von Studiengebühren wird die Hochschullandschaft radikal verändern. Wohin das Geld fließt, wer profitiert, welche Fächer auf der Strecke bleiben und was das Studium bald wirklich kostet: ein Blick in die Zukunft der Universitäten

Seit die Karlsruher Richter Ende Januar das Verbot von Studiengebühren kippten, frohlocken die Offiziellen. Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, kündigt bereits einen "Paradigmenwechsel für die deutsche Hochschullandschaft" an. Denn Studiengebühren spülen nicht bloß ein paar Extra-Euros in die chronisch klammen Hochschulkassen. Endlich, so hofft nicht nur der Uni-Chef, sei der Weg frei, sich von verkrusteten Strukturen zu verabschieden und den Einheitsbrei der Massenuniversität hinter sich zu lassen.

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Auch Oswald Metzger, ehemaliger haushaltspolitischer Sprecher der Grünen, sieht die Einführung von Gebühren als wichtige Stellschraube bei allen anstehenden Hochschulreformen: "Längst überfällige Prozesse hin zu mehr Autonomie und Profilbildung werden jetzt erst richtig in Schwung kommen." Auf dem Weg zu blühenden Hochschullandschaften sind allerdings noch eine Menge Hausaufgaben zu machen

Dazu gehört, sicherzustellen, dass die Einnahmen aus den Studiengebühren ausschließlich den Hochschulen zugute kommen. "Wir müssen die Gelder vor dem Zugriff durch die Finanzminister schützen", fordert der Mannheimer Uni-Rektor Hans-Wolfgang Arndt. Und damit das Gebühren-Geld, das in die Unis fließt, nicht an anderer Stelle wieder abgezwackt wird, müssen die staatlichen Investitionen in die Hochschulen festgeschrieben werden - "zum Beispiel ein bestimmter Anteil vom Bruttoinlandsprodukt", schlägt Oswald Metzger vor. Die Länder, so der Haushaltsexperte, sollten mit den Hochschulen "entsprechende Verträge abschließen"

Laptops für alle
Fließen die Gebühren erst an die richtigen Stellen, werden die Unis rasch zum Dienstleister - und an ihrem Service gemessen. "Ein Student, der für sein Studium zahlt, wird sich nicht mehr bieten lassen, dass Vorlesungen ausfallen oder die Klausur erst nach drei Wochen korrigiert wird", ist sich TU-Präsident Herrmann sicher und mahnt an: "Studiengebühren sind Drittmittel für die Lehre und müssen strikt für die Qualitätssicherung eingesetzt werden." Schon bei moderaten 1.000 Euro pro Jahr und Student könnten die Hochschulen ihre Lehretats um zehn bis 20 Prozent steigern.

An Ideen, wie man zahlende Studierende künftig mit besserer Ausstattung an seinen Standort lockt, mangelt es den Uni-Oberen nicht: RWTH-Rektor Burkhard Rauhut aus Aachen (siehe auch Elite-Forum S. 54) könnte sich - sofern denn Nordrhein-Westfalen seine Anti-Gebühren-Haltung aufgibt - vorstellen, jedem Studenten einen Laptop zur Verfügung zu stellen; außerdem will er dafür sorgen, dass flächendeckend Tutorien eingeführt werden.

Sein Kollege von der TU Darmstadt, Präsident Johann-Dietrich Wörner, würde mit Gebührengeldern unter anderem das E-Learning als zweites Standbein der Lehre ausbauen: "Jeder Student soll die Vorlesungen parallel auch im Internet besuchen können." Auf E-Learning und Gratis-Computer setzt auch der Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt und denkt bereits daran, "alle Studenten mindestens für ein halbes Jahr an Partnerorganisationen ins Ausland zu schicken".
Jürgen Lüthje, Präsident der Uni Hamburg, will Gelder aus Studiengebühren in einen Fonds stecken und mit Studierenden gemeinsam überlegen, wo sie am sinnvollsten hinfließen: "Als Erstes würde ich die Öffnungszeiten der Bibliothek verlängern und die Medienausstattung verbessern."

Kein Geld für Schlafmützen
Der durch Studiengebühren gepuschte Wettbewerb zwischen den Hochschulen hat allerdings nur dann eine Chance, wenn gleichzeitig die Autonomie der Universitäten gestärkt wird. "Wer die Unis von alten Fesseln befreien will, darf nicht mit neuer Regulierungswut kommen", sagt Oswald Metzger. Hochschulen sollten nicht nur die Gebührenhöhe selbst bestimmen dürfen, sondern sich auch Studierende und Lehrende konsequent selbst aussuchen dürfen. Statt Verbeamtung auf Lebenszeit sollten Hochschullehrer nur Zeitverträge bekommen.
Ein Finanzausgleich zwischen Gebühren- und Nicht-Gebühren-Unis, wie hier und dort angedacht, hat in einer autonomen Uni-Landschaft dagegen keinen Platz: "Man darf den guten Unis das Geld nicht wieder wegnehmen, um es den Schlafmützen zuzuschieben", findet Metzger

Das große Entrümpeln
Der Weg von der Behörde zum Wissenschaftsunternehmen wird nicht ohne Opfer zu begehen sein. Unis, die im Wettbewerb um zahlende Studenten und Renommee erfolgreich sein wollen, werden sich ein unverwechselbares Profil geben, auf Stärken und besondere Nischen setzen müssen. Und sie kommen nicht drumherum, ihren Fächerkanon noch stärker als bisher auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu entrümpeln.

So will der Saarbrücker Wirtschaftsinformatiker August-Wilhelm Scheer die Saar-Uni am liebsten konsequent zur Informatiker-Schmiede machen. "Von diesem starken Cluster, das zum Aushängeschild und Anziehungspunkt der Universität wird, könnten dann auch andere Fächer profitieren", ist er überzeugt. Die klare Herausbildung von Fächerschwerpunkten sei aber nur eine Folge des neuen Wettbewerbs. Studierende werden künftig auch wählen, ob sie ihr Geld an einer besonders leistungsorientierten Forschungs-Uni lassen oder an einer "Kuschel-Uni", die eine besonders hohe Betreuungsdichte anbietet. Auch in Mannheim sind die Cluster längst ausgemacht. Rektor Hans-Wolfgang Arndt setzt in Zukunft noch stärker auf BWL, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und baut die Uni Mannheim weiter zur Business School aus.

Das geschieht auch mit Blick auf die lokale Konkurrenz: Parallelangebote von Fächern, die in Mannheim wie auch im 20 Kilometer entfernten Heidelberg angeboten werden, stehen zur Disposition. Von Geografie und Slawistik haben sich die Mannheimer bereits verabschiedet: "Ich glaube, dass auch andere Universitäten solche Schnitte machen müssen." Auch am Beispiel der Uni Frankfurt wird deutlich, wie die Hochschulen den Prozess vorantreiben: Dort werden gerade alle Fächer einer Strukturprüfung unterzogen. Externe Wissenschaftler checken, ob Forschung und Lehre zukunftstauglich sind. Der große Kehraus ist "Teil der strategischen Planung der Universität Frankfurt zur Entwicklung eines unverwechselbaren Profils", wie es in einer Mitteilung der Universität heißt. Wie das aussehen wird, ist abzusehen: Gerade hat die Universität angekündigt, in den Wirtschaftswissenschaften eine Vorreiterrolle übernehmen zu wollen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann soll als Honorarprofessor zum Aushängeschild werden.

Wer Stark ist, überlebt
Der allgemeine Profilierungsdrang bedeutet zwar nicht, dass Volluniversitäten mit ihrem klassischen Breitbandangebot künftig ganz aussterben: In Hamburg will Rektor Lüthje auch weiterhin die Mannigfaltigkeit erhalten: "Durch die interdisziplinäre Vernetzung unserer Fächervielfalt entwickeln wir ein wettbewerbsfähiges, attraktives Profil", betont er. Mit einem vielstimmigen Fächer- und Fakultätenkanon werden in Zukunft aber wohl nur noch die großen Traditionsuniversitäten auftrumpfen.
Dass aber selbst bei den alten Hochschulen Fachbereiche eingedampft werden, bezweifelt niemand mehr. Gerade die schon arg gebeutelten Geisteswissenschaften fürchten bei der Einführung von Studiengebühren um ihren Fortbestand: "Ob wir von zusätzlichen Einnahmen profitieren, wage ich zu bezweifeln", meint Michael Friedrich, Dekan der Orientalistik in Hamburg, lakonisch. "Die Frage ist vielmehr, ob wir überhaupt noch existieren, wenn die ersten Gelder verteilt werden."

Gegen das Aus der kleinen Exoten gäbe es ein Mittel, sagt TU-Darmstadt-Präsident Johann-Dietrich Wörner. "Chancen haben Orchideenfächer vor allem dann, wenn sie sich konsequent interdisziplinär vernetzen und so zum Aushängeschild werden." Profilstarke Universitäten wie Göttingen und die LMU München mit Kulturwissenschaften und Jura, Mannheim und Bonn in Wirtschaft oder die RWTH Aachen im Ingenieurwesen machen vor, wie es laufen muss (siehe S. 46). Dass jedoch im Konkurrenzkampf der Hochschulen auch Institute oder ganze Hochschulen auf der Strecke bleiben, steht für Wörner außer Frage: "Wer den Wettbewerb in aller Konsequenz will, muss akzeptieren, dass es neben vielen Gewinnern auch Verlierer gibt."
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2005