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Alles riskieren

Die Fragen stellte Claudia Tödtmann
Warum wollen Konzernchefs deutscher Aktiengesellschaften, die an der US-Börse zugelassen sind, ihre Bilanzen nicht beschwören? Ein Interview mit Unternehmensberater Michael Hendricks.
Warum wollen renommierte Unternehmen wie Daimler-Chrysler oder Allianz, die an der US-Börse notiert sind, keinen Eid auf ihre Bilanzen schwören, wie es die amerikanischen Börsenaufsicht fordert? Weil sie sich vor den Konsequenzen eines Meineids fürchten. Der ist nach deutschem Strafrecht immerhin ein Verbrechen. Wem ein Meineid vorgeworfen wird, für den hat dies existenzielle Bedeutung, weil allein der Verdacht einen schweren Imageschaden nach sich zieht. Die Ermittlungsbehörden scheuen nach meinen Beobachtungen auch nicht davor zurück, von jetzt auf gleich einen Verdächtigen ? auch wenn er ein renommierter Manager sein sollte ? in Untersuchungshaft zu nehmen.

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Generell war es bislang so, dass das Strafrecht auf Managerkreise nur selten angewandt wurde. Erst neuerdings kam dies in Einzelfällen, etwa am Neuen Markt vor. Bei Klagen in der Vergangenheit kamen Vorstände und Aufsichtsräte mit zivilrechtlichen Schadenersatzansprüchen ? also Geldzahlungen ? davon. Auch gegen unrichtige Bilanzierungen versichern sie sich deshalb mit Directors-and-Officers (D&O)-Versicherungen, die einspringen, wenn sie Schadenersatz leisten müssen. So verhindern Manager, dass sie schlimmstenfalls ihr gesamtes, privates Vermögen verlieren. Im Holzmann-Fall musste ein einzelner D&O-Versicherer schon 20 Mill. Euro zahlen. Hätte der Fall heute in USA gespielt, und hätten die Manager auf ihre Bilanz geschworen, wären sie womöglich hinter Gittern gelandet.Also bewahren D&O-Versicherungen nicht vor dem Strafrichter und das sind die wahren Motive für den Widerstand gegen den Eid auf die Bilanzen?<7p>Richtig. Die zivilrechtliche Verantwortung, also für Schadenersatzzahlungen, die lässt sich versichern. Aber strafbares Verhalten ? wie ein Meineid oder Untreue ? deren Strafen kann ihnen niemand abnehmen, auch keine Versicherung. Schliesslich gibt es keine professionellen Einsitzer und die wären auch sittenwidrig.Und die strafrechtlichen Ermittlungen haben Auswirkungen auf den D&O-Versicherungsvertrag des einzelnen? Den D&O-Versicherern kommt eine strafrechtliche Verurteilung generell gelegen. Sie ist ihnen sogar hochwillkommen, weil sie dann nicht mehr für die fälligen Schadenersatzzahlungen einzuspringen müssen. Das steht in vielen Policen noch drin, ich schätze in rund 80 % der Managerhaftpflichtverträge. Das heisst, sobald ein Fall nicht nur vors Zivil-, sondern direkt vor das Strafgericht geht, kann der D&O-Versicherer seine Leistung verweigern.Noch dramatischer ist es für diejenigen, die sich nichts zu Schulden kommen liessen: Womöglich kann die Assekuranz den Versicherungsvertrag, den sie für den gesamten Vorstand und den Aufsichtsrat abgeschlossen hat, anfechten und damit auch den anderen, gutgläubigen Vorständen von jetzt auf gleich den Schutz versagen. Das ist immer dann möglich, wenn ein einzelner Vorstand im Alleingang noch vor Abschluss der D&O-Versicherung etwa die Bilanz geschönt hat.Dann stehen auch alle anderen Vorstände wie Aufsichtsräte im Regen, der Versicherungsschutz ist weg und je nach Höhe der Schadenersatzforderungen riskieren sie am Ende noch ihr Eigenheim. Das Paradebeispiel ist der Aufsichtsratsvorsitzende von Comroad, der nichts wusste von den Machenschaften seines Vorstands ? und heute mit Klagen überzogen wird. Auch dessen D&O-Versicherung versucht sich jetzt, wo es ernst wird, zu drücken.Also dient das Strafrecht als Hebel, um Manager stärker zur Raison zu bringen? Ja, denn bislang hatten die meisten Manager das Gefühl, ihnen könne niemand etwas anhaben. Da hat das Strafrecht eine ganz andere erzieherische Wirkung als das Zivilrecht, bei dem es immer ?nur? um Geld geht. Da wird niemand inhaftiert. Eine Schadenersatzforderung eines Aktionärs, die per Post ins Unternehmen flattert, gibt der Vorstand erst einmal seiner Rechtsabteilung weiter und die kümmert sich darum. Steht aber die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss in seinem Privathaus, dann bekommt so ein Haftungsfall eine andere Dimension. Dann durchsucht die Polizei alles, es wird schmutzige Wäsche gewaschen, die Blamage ist perfekt, die Karriere zerstört.Also sind die Argumente der deutschen Aktiengesellschaften, die sich gegen den Eid wehren, Scheingefechte? Denn sie behaupten bislang, das deutsche Recht mit seinen Vorschriften für Risikomanagementsysteme und gegen Kursmanipulationen sei bereits ausreichend. Dann müssten sie doch auch keinen Eid fürchten, wenn sie sich ohnehin an die Spielregeln halten? Korrekt. Und hinzu kommt: Wenn ich in einem anderen Land tätig werde, ist es völlig selbstverständlich, sich auch den dort herrschenden Gesetzen zu unterwerfen. Wenn die Regierung einen Eid verlangt, will sie ein Signal setzen und für Ordnung sorgen. Da spricht doch nichts gegen. Im übrigen hat die deutsche Industrie dies bei den strengen amerikanischen Produkthaftungsregeln auch akzeptieren müssen.Und was blüht Managern, wenn sie vors Strafgericht gezerrt und des Meineids schuldig gesprochen werden? Also in Amerika jetzt 20 Jahre Haft.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.08.2002