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Alles oder gar nichts

Von Holger Alich
Christian Streiff ist der neue Chef von PSA Peugeot Citroën. Er gilt in Frankreich als ein ?homme pressé?, ein Mann, der ständig unter Strom steht. Ein Charakterzug, der seiner Karriere nicht immer zuträglich war. Typisch Streiff eben: Der 52-Jährige verschenkt keine Zeit, gibt immer Gas. Doch seine manchmal brutale Art hat ihm bereits zweimal in seiner Karriere den Job gekostet.
Am gestrigen Dienstag erst hat ihn die Familie Peugeot offiziell zum Chef des Autokonzerns PSA Peugeot Citroën ernannt. Und schon legt er los. ?Als Erstes wird er der Führung ein neues Organigramm verpassen?, sagt ein Vertrauter.Typisch Streiff eben: Der 52-Jährige verschenkt keine Zeit, gibt immer Gas. Doch seine manchmal brutale Art hat ihm bereits zweimal in seiner Karriere den Job gekostet.

Die besten Jobs von allen

So schied er nach über 25 Jahren im Krach mit seinem Mentor, Jean-Louis Beffa, aus dem Baustoffkonzern Saint-Gobain aus. Dabei stand Streiff bereits als Beffas Nachfolger fest. Spektakulärer noch sein Auftritt als Airbus-Chef: Nach nicht einmal 100 Tagen schmeißt er den deutsch-französischen Aktionären die Brocken vor die Füße, da er nicht die von ihm verlangte Handlungsfreiheit erhält. ?Er ist ein hervorragender Industrieller, aber bestimmt kein Diplomat?, räumt ein Mitarbeiter Streiffs ein.Bei PSA ist der in Sarrebourg an der deutschen Grenze geborene Manager endlich da, wo er sein Leben lang hinwollte: an der Spitze eines großen Industriekonzerns. Doch nur den Cheftitel an der Bürotür kleben zu haben reicht dem als Arbeitstier beschriebenen Querkopf nicht. Er verlangt die volle Macht ? alles oder gar nichts.Und genau da hat es bei seinen vorherigen Arbeitgebern Saint-Gobain und Airbus gehakt. Beim französischen Baustoffriesen legt Streiff eine Bilderbuch-Karriere hin. Er verbringt sieben Jahre in Deutschland, spricht perfekt Deutsch und verarbeitet seine Erfahrungen sogar in einem Roman mit autobiografischen Zügen mit dem Titel ?Kriegsspiel?. Bei Saint-Gobain saniert er Unternehmensteile und steigt Zug um Zug bis Ende 2004 zu Beffas Kronprinz auf. Dann fangen die Probleme an. ?Beffa wollte sich langsam von der Konzernspitze zurückziehen, Streiff dagegen wollte schneller das Kommando übernehmen?, blickt ein Insider zurück. Ein Jahr verschwindet Streiff daraufhin von der Bildfläche, ?Zeit, um das Tauchen zu lernen?, wie er scherzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die schönsten und die schrecklichsten Momente seiner KarriereEs ist Frankreichs Finanzminister Thierry Breton, der Streiffs Benennung zum Airbus-Chef nach Kräften fördert. ?Bei Airbus habe ich die schönsten und die schrecklichsten Momente meiner Karriere erlebt?, erinnert sich Streiff. Der schönste: An seinem Geburtstag, dem 21. September, darf der Hobbypilot neben Chef-Testpilot Claude Lelay eine Dreiviertelstunde lang den Superairbus A380 fliegen. Kurz darauf die Bruchlandung: Streiff nimmt bei der Ausarbeitung des Sparplans ?Power 8? wenig Rücksicht auf das fein austarierte deutsch-französische Gleichgewicht. Und er kann nicht ertragen, dass die Airbus-Mutter EADS nach dem Debakel mit der Verspätung beim A380 mehr Einblick ins Tagesgeschäft verlangt.Als bekannt wird, dass Streiff bereits Anfang September vorsichtig bei der Peugeot-Familie Interesse für die Nachfolge von Jean-Martin Folz als Konzernchef angemeldet hat, ist die EADS-Führung endgültig bedient. Aber Streiffs Reorganisationsplan ?Power 8? bleibt auch nach seinem Abgang in Kraft.Frankreichs Gewerkschaften empfangen den umstrittenen Manager bei PSA dennoch mit offenen Armen: ?Er ist der Mann der Stunde?, sagt Alain Seften, Betriebsrat bei PSA. Zudem habe er vor den Arbeitnehmer-Vertretern ?das Wort Entlassungen nicht in den Mund genommen?.Auto-Experten sehen bei PSA zwei Hauptprobleme: Der Konzern hat Überkapazitäten, weil einige Modelle wie der 1007 floppten. So verkaufte er statt der möglichen vier Millionen Autos im vergangenen Jahr nur knapp 3,4 Millionen. Streiff muss also die Fixkosten senken. Denn neue Modelle lassen sich nicht so schnell entwickeln und vermarkten.Darüber hinaus macht der Konzern noch rund zwei Drittel seines Umsatzes auf dem umkämpften westeuropäischen Markt. Um diese Abhängigkeit zu verringern, könnte Streiff ähnlich wie Renault mit einem Billigauto Wachstumsmärkte ins Visier nehmen. Probleme und Herausforderungen gibt es also bei PSA in ausreichender Zahl ? selbst für jemanden wie Streiff.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2007