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Alles mau am Bau

Hans-Martin Barthold
Die Nachfahren von Schinkel und Mies van der Rohe haben es nicht leicht - die junge Architektengeneration steht vor einer Menge neuer Herausforderungen. Zersiedelte Stadtlandschaften, harte Konkurrenz, virtuelle Bauplanung, mächtige Bauakteure und Kostendruck heißen die Schlagworte.
Die Nachfahren von Schinkel und Mies van der Rohe haben es nicht leicht - die junge Architektengeneration steht vor einer Menge neuer Herausforderungen. Zersiedelte Stadtlandschaften, harte Konkurrenz, virtuelle Bauplanung, mächtige Bauakteure und Kostendruck heißen die Schlagworte.

Gebäude entwerfen wird zwar auch künftig eine der zentralen Aufgaben des Architekten bleiben - aber eben nur eine. Viel stärker als in der Vergangenheit ist er in den gesamten Wertschöpfungsprozess eingebunden; er muss sich um kaufmännische, juristische und organisatorische Belange kümmern. ?Allenfalls ein Fünftel meiner täglichen Arbeit entfällt noch auf Entwerfen, Planen und Gestalten", sagt Jan Kleihues, Leiter des Berliner Architekturbüros Kleihues & Kleihues.

Die besten Jobs von allen


Der Arbeitsalltag hat sich mit der Bauherrenstruktur gewandelt: ?Den Zigarre rauchenden Privatier mit Sinn fürs Schöne gibt es als Auftraggeber nur noch selten", sagt Kleihues. Stattdessen würden immer mehr Bauvorhaben von Generalunternehmen abgewickelt; Kosten seien deren Geschäftsführern und Investoren wichtiger als Formen und Funktionen. ?Der Entwurf - ursprünglich die Domäne des Architekten - wird immer geringer bewertet, der Umfang anderer Leistungen wie Technik, Finanzierung und Management nimmt überproportional zu."

Allerdings ist der Architekt nicht nur Schreibtischtäter: Viele Stunden verbringt er auf Baustellen oder in Besprechungen. Er plant nicht nur, sondern überwacht auch die ordnungsgemäße Bauausführung. ?Unter zehn Arbeitsstunden täglich läuft gar nichts", betont Kleihues. Und effiziente Zeiteinteilung spiele eine große Rolle - Termindruck entsteht durch Finanzierungskonzepte oder auch, weil Bauherren über Nacht ihre Wünsche ändern.

Die Hochschulen folgen dem veränderten Jobprofil mit ihren Studienordnungen nur zögerlich: Der Lehrplan sieht immer noch so aus, als sei der Entwurf Hauptaufgabe des Architekten. ?Bauleitplanung ist bei uns nur Wahlfach. Man kann also Architektur studieren, ohne dieses Fach je zu belegen", bestätigt Kerstin Otte, an der Technischen Universität Braunschweig im siebten Semester.

Um so mehr Zeit verbringen die Studenten im Zeichensaal. Galt die virtuelle Bauplanung vor gar nicht so langer Zeit noch als exotisch, ist es heute ein Muss, mit elektronischen Zeichenprogrammen (CAD) arbeiten zu können.

Während man an der Uni und den Kunsthochschulen eher lernt, Strategien zur Problemlösung zu entwickeln, befähigt das Fachhochschulstudium mehr für das Wie der Praxis. ?Die eher technische Ausbildung an den FHs entspricht dem Berufsalltag stärker als das vergeistigte Uni-Studium", findet Architekt Kleihues, der an der Berliner Hochschule der Künste studiert hat.

Tatsächlich erwartet die Hochschulabgänger im Architekturbüro handfeste Kleinarbeit: Bauanträge einreichen, Kosten kalkulieren, Handwerkertermine koordinieren. ?Aber gerade deshalb ist es andererseits wichtig, im Studium ganz zwanglos ausprobieren zu können", argumentiert Kerstin Otte für die jetzige Studienstruktur. ?Die Realität holt uns früh genug ein."

Architektur ist traditionell ein interdisziplinärer Studiengang - quasi eine Kombination aus Kunst, Technik, Recht und Sozialwissenschaften. Mit einer durchschnittlichen Studiendauer von 14 Semestern an den Unis zählt er zu den Marathon-Ausbildungen. Die Mehrheit der Studenten jobbt nach dem Vordiplom nebenher in einem Architekturbüro. Das gleicht die mangelnde Praxisnähe des Studiums aus und erleichtert den Jobeinstieg. ?Ohne ein großes Maß an Enthusiasmus ist das alles nicht zu packen", meint Otte.

Zumal die Zukunft für Architekten schwierig bleibt. Deutschland hat weltweit die größte Architektendichte: Auf 800 Einwohner kommt ein Architekt. Ein Drittel dieser Berufsgruppe innerhalb der Europäischen Union entfällt auf die Bundesrepublik. Die Absolventenzahl übersteigt hier mittlerweile die Nachfrage nach Arbeitskräften fast um das Doppelte. Und die internationale Konkurrenz wächst - den Berliner Reichstag etwa hat ein Engländer wieder aufgebaut.

Hochschulabgänger, die nicht auf alternative Berufe - beispielsweise in der Immobilienverwaltung - ausweichen möchten, müssen daher eine gute Ausbildung mit Zusatzkenntnissen spicken. Erwartet wird von ihnen, Erfahrung mit Bauleitung, Kostenkontrolle und Ausschreibungen mitzubringen, Statikkenntnisse sowie Spezialwissen für Altbausanierung und Denkmalschutz draufzuhaben. Auch künftig ist der Architekt vor allem in seiner Rolle als Vermittler zwischen Investoren, Bauingenieuren und Politikern gefragt. Und er muss weitsichtig sein: Der Architekt entscheidet heute, wie Menschen noch in 50 Jahren wohnen.

Links:
www.archibit.de
www.bak.de
www.baumeister-online.de
www.vja-architekten.de
www.hochschulkompass.de
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2001