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Alles Hübner, oder was?

Martin W. Buchenau und Christoph Schlautmann
Dreimal ist Firmenpatriarch Theo Müller schon damit gescheitert, seinen Molkereikonzern in andere Hände zu geben. Jetzt soll es der 50-jährige Thomas Hübner richten. Der ehemalige Metro-Manager kennt zwar alle Tricks der Handelsbranche. Aber reicht das, um im Reich von Müller Milch zu überleben?
STUTTGART/DÜSSELDORF. Eine Hotelbar im piekfeinen Sankt Petersburger Grand Hotel Europe. Mit einem frisch gezapften ?Baltika?-Bier im schmalen Glas winkt Metros Einkaufsvorstand Frans Muller, 46, seinem Kollegen Thomas Hübner zu. Weil Hübner nicht schnell genug die Flucht gelingt, hat der gebürtige Schweizer kurz darauf zum wiederholten Mal an diesem Abend einen Kalauer über seine eidgenössischen Landsleute zu ertragen. ?Ich erzähle ihn gerne auch noch einmal, ganz langsam?, witzelt Muller.Das Lachen ist den Metro-Leuten inzwischen vergangen. Am vergangenen Mittwochabend nämlich meldete sich Hübners neuer Arbeitgeber. Und wie bereits spekuliert, ist es einer von Metros größten Lieferanten: der Molkerei-Konzern Müller-Milch aus dem bayerischen Aretsried bei Augsburg. Hübners erster Arbeitstag als geschäftsführender Gesellschafter und neuer Vorsitzender der Geschäftsführung ist der 1. Mai. ?Die Preisverhandlungen werden damit für die Metro sicherlich nicht einfacher?, kommentiert ein Unternehmensberater den Wechsel.

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Tatsächlich kennt Hübner seinen künftigen Großkunden seit vielen Jahren. Schon 2002 war er an die Spitze von Metro Cash & Carry berufen worden. Davor hatte er für Metros Selbstabholermärkte als Osteuropa-Chef die Expansion erfolgreich vorangetrieben. Die Tricks der Einkäufer des größten deutschen Handelskonzerns kennt Hübner aus dem Effeff.Aber reicht das, um im bayerischen Milch-Imperium zu überleben? Schon dreimal ist ein Generationswechsel am kauzigen 68-jährigen Firmenpatriarchen Theo Müller gescheitert, der aus seiner schwäbischen Dorfmolkerei den hinter Danone zweitgrößten Milchkonzern Europas formte.Nun also Hübner. Er hatte im Januar überraschend seinem Metro-Kollegen Frans Muller an der Spitze der Cash & Carry-Märkte Platz gemacht. Für den Rückzug bei der größten und profitabelsten Unternehmenstochter gab der 50-Jährige ?gesundheitliche Gründe? an. Aber wenige Tage später sah man den Zwei-Meter-Mann munter auf dem Wirtschaftsforum in Davos ? Seite an Seite mit Frans Muller. Hübner habe sich mit dem neuen Metro-Konzernchef Eckhard Cordes nicht verstanden, lauten Gerüchte. Auf Fragen nach seiner Zukunft antwortete Hübner noch Ende Januar in Davos, er wolle erst einmal gar nichts tun. Der Spross einer Schweizer Hoteliersfamilie gilt als vermögend.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Aretsried sollen von Anfang an Wetten gegen Christoph Weiß gelaufen seinZu diesem Zeitpunkt aber dürfte der gelernte Koch und studierte Betriebswirt längst in Verhandlungen mit Theo Müller gestanden haben. Denn kaum eine Woche später wurde der Abgang von Hübners Vorgänger Christoph Weiß, 51, bei Müller Milch bekannt.In Aretsried seien von Anfang an Wetten gegen Theo Müllers damaligen Spitzenmann gelaufen, heißt es. Nach Darstellung des Unternehmens wechselt Weiß ab April in den Beirat der Großmolkerei, wo er schon gesessen hatte, bevor ihn Müller 2006 an die Spitze der Geschäftsführung berief. Der Molkereibesitzer hatte den einstigen Maschinenbau-Manager sogar am Unternehmen beteiligt, wodurch Weiß zuletzt als Müllers Erbe galt. Durch die Beteiligung bekommt Müller jetzt seinen gescheiterten Chef nicht mehr so einfach los.Immerhin ist es aber Weiß zu verdanken, dass das Unternehmen erstmals Kennzahlen veröffentlichte, die der Senior immer unter Verschluss hielt. Demnach erwirtschaftete das Müller-Milch-Imperium (Slogan: ?Alles Müller, ... oder was??) 2006 einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro. Der operative Gewinn lag bei etwa fünf Prozent Umsatzrendite, das sind rund 100 Millionen Euro. Allerdings konnte der ehemalige McKinsey-Berater Weiß die versprochene Gewinnsteigerung wohl nicht liefern.
Der Chefposten in Aretsried gilt als gefährlichster Schleudersitz in der Lebensmittelbranche. Hübner ist bereits der Vierte, der innerhalb von drei Jahren an die Unternehmensspitze berufen wird.
Es dem Firmenpatriarchen Theo Müller recht zu machen scheint äußerst schwierig. Selbst seine beiden Söhne Stefan und Theo junior genügen nicht seinen Ansprüchen. Beide arbeiten inzwischen in der zweiten Reihe. Sie bekommen mit Thomas Hübner jetzt wieder einen Fremdmanager vor die Nase gesetzt.Solche Entscheidungen sind für die Söhne nichts Neues. Schließlich haben sie schon häufig mit dem bisweilen aus heiterem Himmel einsetzenden Liebesentzug des ?Polterpatriarchen? ? Müllers Spitzname in der Branche ? Bekanntschaft gemacht. Die Hoffnungen der Söhne, dass sich für den Generationswechsel in Aretsried doch noch eine familiäre Lösung abzeichnen könnte, haben sich nun zerschlagen.Vater Theo Müller, der mit seiner Lebenspartnerin Ines Hüvel und Kindern in Erlenbach am Zürichsee lebt, will es anders. Und der Wahlschweizer versucht es zur Abwechslung mal mit einem gebürtigen Schweizer ? und das ist kein Witz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hübner trat überraschend bei der Metro ab Thomas Hübner 1958Er wird am 3. Januar in der Schweiz geboren. Er macht eine Kochlehre, eine Ausbildung als diplomierter Hotelier/Restaurateur und den MBA in St. Gallen.1983Thomas Hübner übernimmt Leitungspositionen in Hotels und Gastronomie und ab 1988 bei McDonald?s in Europa. 1998 wird er Chef des Großhandels der Bon Appetit Group.2001Er wird kurz nach seinem Wechsel zur Metro Chief Operating Officer für Osteuropa und Russland von Cash & Carry International.2002Hübner wird Chef von Metro Cash & Carry International.2008Er tritt im Januar überraschend von seinem Posten ab.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2008