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Alles außer Dönerbude

Die Fragen stellten Çigdem Dolap und Britta Domke.
Wenn Deutsche über ?die Türken? sprechen, dann geht es oft um Kopftuch, Gewalt oder Zwangsheirat. Schade eigentlich. Denn junge Akademiker türkischer Herkunft haben mit den Klischees herzlich wenig zu tun. Vier von ihnen haben wir eingeladen ? und mit ihnen über vergiftete Komplimente, Kulturkompetenz und den Abschied von der Opferrolle gesprochen.
Betül Bilgin, 31, arbeitet als Channel Marketing Managerin bei Tandberg, einem internationalen Unternehmen für visuelle Kommunikation. Davor war sie bei Siemens im Vertrieb tätig. Sie hat BWL studiert.

Burak Çopur, 29, sitzt für die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Rat der Stadt Essen. Er ist Vorsitzender des Ausschusses für Zuwanderung und Integration und Mitglied im Netzwerk türkischstämmiger MandatsträgerInnen. Er doziert als Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Uni Duisburg-Essen.

Die besten Jobs von allen


Erhan Baz, 37, betreibt gemeinsam mit seinem Bruder im Ruhrgebiet die Fast-Food-Kette Mr. Chicken mit sechs Filialen und drei Franchise-Betrieben. Er studierte Elektrotechnik an der Ruhr Universität Bochum und sattelte ein Aufbaustudium in Wirtschaftsingenieurwesen drauf.

Seda Temiz, 26, studiert BWL in Düsseldorf. Sie ist Präsidentin der Türkisch-Deutschen Studenten und Akademiker Plattform (TD-Plattform e.V.), einem Netzwerk von Akademikern und Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft, das sich für türkischstämmige Studenten und Absolventen einsetzt.


Hosgeldiniz und herzlich willkommen zu unserer Diskussionsrunde! Wir hätten ja heute mit Ihnen auch über Studiengebühren oder Bewerbungsstrategien diskutieren können. Aber wir haben Sie wegen Ihres türkischen Hintergrundes eingeladen. Stört es Sie, dass Ihre Herkunft immer wieder thematisiert wird, obwohl Ihre Heimat Deutschland ist?

Seda Temiz: Ich glaube, solche Sätze kennt jeder von uns: "Ach, türkisch - das hätte ich jetzt nicht gedacht, Sie sehen ja gar nicht so aus!" Oder auch: "Donnerwetter, dafür sprechen Sie aber sehr gut Deutsch!" Solche Bemerkungen stören mich schon, weil sie unterstellen, dass perfekte Deutschkenntnisse die Ausnahme bei Deutschtürken sind. Ansonsten habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber ich sehe auch nicht wirklich türkisch aus.

Burak Çopur: Als Politiker muss ich mir immer wieder anhören, "Ihre Landsmänner, Herr Çopur ...", wenn es um Türken in Deutschland geht. Ich werde gefragt, wie ich zu der Geschichte der Armenier stehe oder was ich vom Kopftuch halte. Alles Fragen, die man ja auch einem Deutschen stellen könnte. Und dann versuchen Sie demjenigen mal deutlich zu machen, dass ich eigentlich sein Landsmann bin, nämlich deutscher Staatsbürger. Für mich ist das eine permanente verbale Ausbürgerung.

Woran liegt es denn, dass selbst Deutschtürken der dritten Generation mit den alten Vorurteilen konfrontiert werden?

Betül Bilgin: Viele Deutsche assoziieren mit "Türken" vor allem das, womit Ausländer negativ auffallen. Da werden einfach mal alle in einen Topf gesteckt. Man bedenkt halt nicht, dass es auch in anderen Ländern, in anderen Völkern Menschen mit unterschiedlichen Bildungsniveaus gibt. Das ist ja unter den Deutschen auch nicht anders.

Seda Temiz: Meist kommen die Vorurteile von denjenigen, die keinen Kontakt zu Türken haben. Die sehen nur die schlechten Schlagzeilen in den Medien und ordnen ganz schnell ein: "Kopftuch? Okay, Türkin." Wenn Leute wie wir vier auf der Straße an denen vorbeilaufen, werden wir gar nicht als Türken wahrgenommen.

Wie ergeht es Ihnen denn im Berufsleben? Spüren Sie dort auch Vorbehalte?

Erhan Baz: Meine Geschäftspartner behandeln mich ganz normal, wie einen Deutschen. Aber bei Behördengängen und Genehmigungen bekomme ich manchmal schon unterschwellig zu spüren, dass ich Türke bin. Das beschäftigt auch meine türkischen Unternehmerkollegen aus Gelsenkirchen: Bekommen wir die gleichen Rechte wie ein alteingesessener deutscher Unternehmer? Auch deshalb gebe ich mich nicht immer gleich als Türke zu erkennen. Der Name Baz klingt ja nicht so sehr türkisch.

Burak Çopur: Meiner Erfahrung nach haben es Menschen mit Migrationshintergrund doppelt so schwer wie ihre deutschen Kollegen. Erstens werden sie mit Argusaugen beobachtet, ob sie die deutsche Sprache auch wirklich beherrschen. Außerdem müssen sie doppelt so viel leisten, um dasselbe Ansehen und denselben Respekt zu bekommen.

Klingt nach dem gleichen Problem, mit dem auch Frauen bei ihrer Karriereplanung zu kämpfen haben ...

Erhan Baz: Genau. Nur dass deutsche Frauen es leichter haben als türkische Männer.

Seda Temiz: Ich würde das jetzt nicht so pauschal sehen. Klar gibt es diese Vorurteile. Aber es gibt auch genug Deutsche, die keinen Job finden. Vielleicht sollten wir öfter mal etwas selbstkritischer sein und nicht immer den Grund bei unserer Herkunft suchen. Oft liegt es ja an einem selber - dass man zum Beispiel bei der Bewerbung etwas falsch gemacht hat oder das Vorstellungsgespräch schief gelaufen ist.

Sind Sie eigentlich alle zweisprachig aufgewachsen?

Erhan Baz: Ich habe als Kind sehr wenig und sehr schlechtes Türkisch gesprochen - auch weil ich an meiner Schule der einzige Türke war. Erst an der Uni habe ich wieder angefangen, die Sprache zu lernen.

Seda Temiz: Ich bin mit beiden Sprachen aufgewachsen, weil meine Mutter perfekt Deutsch kann. Aber als ich im Kindergarten, in der Grundschule und auch zu Hause nur noch Deutsch gesprochen habe, hat sie entschieden, dass zu Hause hauptsächlich Türkisch gesprochen wird.

Betül Bilgin: Meine Mutter kann sich einigermaßen auf Deutsch unterhalten; mein Vater spricht Türkisch und Deutsch. Er hat sehr darauf geachtet, dass wir Kinder in der Schule und in der Bildung ganz weit vorne sind. Als ich in der Grundschule zum Beispiel schlechte Noten hatte, hat er mich vom Türkisch-Unterricht befreit, weil er meinte, Mathe sei jetzt wichtiger.

Für Sie alle ist es also selbstverständlich, Deutsch zu sprechen - wie für die meisten türkischstämmigen Studenten in Deutschland. Warum stehen trotzdem so viele nach dem Examen ohne Job da?

Erhan Baz: Benachteiligt sind türkische Absolventen vor allem beim Einstieg ins Berufsleben. Das sehe ich auch in meinem Freundeskreis. Oft wissen die Personalverantwortlichen nicht, wie "die Türken" so sind. Aber wenn sie erst einmal im Unternehmen sind und sich bewiesen haben, können sie alle Stellen bekleiden und die Karriereleiter hinaufklettern.

Burak Çopur: Das sehe ich anders. Noch haben wir kaum Chefredakteure mit Migrationshintergrund und keinen Minister türkischer Herkunft. Es fehlen einfach die Leitungsfunktionen und die Netzwerke für Deutschtürken. Wenn mein Vater in einer guten Position im Unternehmen ist, dann kriegt er mich irgendwie unter. Aber Migranten haben diese Netzwerke oft nicht.

Aber es nützt ja nichts, immer nur die ungünstigen Umstände zu beklagen. Was tun Sie denn selbst, um das Image junger Deutschtürken aufzupolieren?

Seda Temiz: Ein neues Image zu schaffen, ist eines unserer wichtigsten Ziele. Mit unserer "Türkisch-Deutschen Studenten und Akademiker Plattform" wollen wir unter anderem zeigen, dass wir gerade durch unsere Zweisprachigkeit viele Vorteile haben. Für die Plattform interessieren sich auch viele deutsche Unternehmer, die in unserem Netzwerk ihre Chancen sehen.

Burak Çopur: Vor allem müssen auch mal die Chancen und Potenziale von Migranten erkannt werden, statt immer nur die negativen Aspekte zu betonen. Wir haben Arbeitgebern eine Menge zu bieten: Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz, das Wissen um verschiedene Kulturen. Eine Studie der EU-Kommission hat ergeben, dass den Unternehmen viele Aufträge durch die Lappen gehen, weil Manager nicht genug Auslandskompetenz haben.

Betül Bilgin: Meinem Arbeitgeber ist diese interkulturelle Kompetenz sehr wichtig. Ich arbeite bei Tandberg, einem Unternehmen mit vielen Standorten auf der ganzen Welt. Bei der Einstellung bin ich gefragt worden, ob ich mich mit Menschen aus anderen Kulturen verständigen oder arrangieren könne. Da musste ich ein bisschen schmunzeln. Heute sitze ich zwei bis vier Mal wöchentlich in einer Videokonferenz mit Italienern, Spaniern, Norwegern und anderen Landsleuten. Da wäre es fatal, wenn ich eine Barriere im Denken hätte.

Herr Baz, Sie führen eine Gastronomie-Kette. Warum haben Sie sich nach dem Studium selbstständig gemacht?

Erhan Baz: Ich glaube, jeder Türke hat so ein bisschen den Hang zur Selbstständigkeit. Nach dem Examen habe ich erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Schon ein paar Jahre zuvor hatte mein Bruder einen Geflügelgroßhandel gegründet, und daraus haben wir das Konzept von Mr. Chicken entwickelt. Das war eine Entscheidung, die nach und nach gereift ist. Mein Vater hat sich 25 Jahre in der Fabrik abgerackert, damit es uns Kindern mal besser geht.

Sie hätten Ihrem Unternehmen ja auch einen türkischen Namen geben können. Warum Mr. Chicken?

Erhan Baz: Mein Bruder und ich wollten uns von der unprofessionellen Art meiner Landsleute abgrenzen. 90 bis 95 Prozent der türkischen Imbissbetriebe in Deutschland sind unorganisiert, sind Familienbetriebe. Das wollten wir anders machen.

Ist Ihnen die Abgrenzung gelungen?

Erhan Baz: Offenbar. Die lustigste Reaktion habe ich bei der Eröffnung einer neuen Filiale gehört: Da standen ein paar ältere Türken vor unserem Laden und einer sagte: "Das gibt's doch nicht, jetzt haben uns die Amis auch noch unseren Döner geklaut."

Auch wenn Sie alle kaum von deutschen Akademikern zu unterscheiden sind: Gibt es trotzdem Unterschiede im Arbeitsstil?

Seda Temiz: Meiner Erfahrung nach bringen Türken mehr Risikobereitschaft mit, sind etwas offener und flexibler. Die Deutschen dagegen erscheinen mir strukturierter, organisierter, denken oft mehr voraus. Und wir Deutschtürken sollten eben versuchen, beide Arbeitsstile zu vereinen. Aber wenn jemand kompetent ist, dann unterscheiden die Arbeitgeber in unserem Netzwerk nicht zwischen Deutschen und Türken.

Burak Çopur: Ich möchte mal ein bisschen die Harmonie in dieser Runde stören. Für mich ist das Schönfärberei. Natürlich gibt es Menschen, die es geschafft haben, so wie wir. Aber die Masse der Jugendlichen führt doch nicht das Leben, wie wir es führen. Ein Großteil ist doppelt halbsprachig, kann weder richtiges Deutsch noch Türkisch, hat keinen Ausbildungsplatz und hängt auf der Straße rum. Von den 2,5 Millionen Türken in Deutschland sind gerade mal 30.000 Studenten. Deshalb müssen wir gucken, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen fit machen für dieses Land.

Haben Migranten nicht auch selber ein wenig Schuld an dieser Situation? Hätten sie sich nicht besser integrieren können? Burak Çopur: Vor allem müssen wir uns jetzt mal von der - teilweise selbst auferlegten - Opferrolle verabschieden. Da heißt es dann: "Wir armen Ausländer werden immer unterdrückt." Und irgendwie ist immer der Staat Schuld. Natürlich gibt es staatliche Defizite, vor allem bei der Schul- und Ausbildung. Aber viele Türken sind bislang nur mit dem Körper eingewandert, nicht mit dem Kopf.

Seda Temiz: Wir waren mit unserer Plattform mal im türkischen Fernsehen. Da ging es um Vorbilder, um deutschtürkische Studenten und Akademiker, die erfolgreich ihren Weg gehen. Während der Sendung rief ein Zuschauer im Studio an und warf uns vor, wir würden die Probleme verleugnen und schönreden. Das hat mich geärgert. Was nutzt es denn, sich weitere 40 Jahre nur über die bekannten Probleme zu unterhalten? Wir müssen jetzt endlich mal nach vorne schauen und positive Beispiele zeigen.

Was müsste in Deutschland passieren, dass Sie das Gefühl haben: Jetzt sind wir gleichberechtigt und überall akzeptiert? Werfen Sie mal einen Blick ins Jahr 2050.

Erhan Baz: Dann gibt es keine Deutschtürken mehr. Dann sind wir nur noch deutsch.

Seda Temiz: Aber auch nicht total deutsch.

Burak Çopur: Dann sind Migranten in allen Chefetagen vertreten.

Erhan Baz: Und für unsere Kinder wählen wir Namen, die auch im Deutschen gut auszusprechen sind.

Betül Bilgin: Mittlerweile begrüßen sich ja auch Deutsche mit Küsschen rechts und Küsschen links. Das gab es vor 20, 30 Jahren noch nicht. Daran sieht man deutlich den Einfluss mediterraner Kulturen.

Seda Temiz: Genau, die Kulturen vermischen sich. Und wir werden uns das Beste aus beiden heraussuchen.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.07.2007