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Alleine im Tal der Träume

Von Thomas Knüwer
Wer in der Internet-Wirtschaft des Silicon Valley arbeitet, darf sich glücklich schätzen. Doch nur wenigen Deutschen gelingt es, im Silicon Valley Fuß zu fassen. Bürokratie und geschlossene Strukturen erschweren den Aufstieg in der High-Tech-Region. Die Ambivalenz der Technologie-Hochburg.
Er ist ein Deutscher und hat es geschafft im Silicon Valley: Marco Boerries ist Senior Vice President beim Internetriesen Yahoo. Foto: ap
SAN FRANCISCO. Noch immer umweht Marco Boerries ein unzähmbarer Optimismus, noch immer ist das blonde Haar akkurat frisiert, noch immer ist das Lächeln omnipräsent. Sicher, ein paar Falten sind hinzugekommen. Doch das ehemalige Wunderkind der deutschen Computerszene sieht weiterhin jünger aus, als es ist.Jahrgang 1969 steht in seinem Pass. Sein Lebenslauf aber würde für eine weit längere Lebenszeit ausreichen. Mit 16 gründet er das Software-Unternehmen Starsoft. Startfinanzierung: sein Konfirmationsgeld in Höhe von 2 000 Mark. ?Die Welt?, posaunte er, ?braucht eine Alternative zur Software von Microsoft.? 1999 verkauft er an Sun Microsystems für Sun-Aktien im Wert von 73 Millionen Dollar und zieht samt Familie nach Kalifornien. 2001 seine nächste Gründung: Verdisoft. Vier Jahre später verkauft er an Yahoo für angeblich 58 Millionen Dollar.

Die besten Jobs von allen

Beim Web-Konzern steigt er auf bis in die zweite Führungsebene, ?Senior Vice President? steht auf seiner Visitenkarte. Auf seinem Konto sammelte er schon reichlich die Währung des Erfolgs: Neid. Mehrfach war er Thema im Branchenklatsch-Weblog Valleywag, wo gegiftet wurde, dass ihm der einzige Ferrari auf dem Yahoo-Parkplatz gehört.Boerries ist er der hochrangigste Deutsche im Silicon Valley ? und einer der wenigen, die überhaupt im pochenden Herzen der Internet-Wirtschaft arbeiten. Gerade einmal ein halbes Prozent der Bevölkerung in der Region nahe San Francisco machen sie aus, Portugiesen gibt es genauso viele.Gründe dafür gibt es eine ganze Reihe; einer der wichtigsten ist das enge Beziehungsgeflecht in dem Tal. ?Das Valley wird kontrolliert von vielleicht 50 bis 100 Leuten?, sagt Sebastian Blum, Leiter des Büros von T-Ventures, der Investment-Tochter der Telekom. ?Dieses Buddy-Netzwerk ist so eng geknüpft, dass Außenseiter kaum reingelassen werden.?Seit August 2006 lebt Blum in Kalifornien, optisch hat er sich bestens angepasst. Unter ?Smart Casual? rangiert seine Kleidung an diesem Morgen: schwarzer Pullunder zum Hemd, gepaart mit gepflegter Hose ? zu ordentlich für einen Gründer und doch eine Nähe zur sich leger gebenden Web-Szene signalisierend.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die unangenehmen Begegnungen mit der Bürokratie.Selbst Branchengrößen wie der Gründer der erfolgreichen Internet-Community Facebook, Mark Zuckerberg, scheinen nahbar, verzichten auf Bodyguards. Es gibt aber auch die andere Seite: ?Es scheint immer so, als sei die Branche sehr offen?, sagt Blum. Tatsächlich würden die Schlüsselpositionen aber meist über das Netzwerk aus Vorständen und Investoren vergeben, ?die häufig gemeinsam in Harvard oder Stanford studierten?.Es ist auch die strenge Einwanderungspolitik, die manche Deutsche davon abhält, den Sprung nach Kalifornien zu wagen. Andreas Lieber weiß davon ein Lied zu singen: ?Visa sind ein Riesenthema unter den Ausländern hier.? Er hat diese Sorge nicht mehr: Eine Green Card besitzt Lieber schon länger, und er arbeitet seit Anfang 2006 für Yahoo als Direktor für strategische Partnerschaften.Beim Spaziergang über das Firmengelände berichtet er von unangenehmen Begegnungen mit der Bürokratie: ?Nach der ersten Euphorie habe ich festgestellt, dass ich durch mein Visum an den Arbeitgeber gekettet war. Das war eine Enttäuschung. Vor allem wenn man interessante Jobangebote bekommt.? Andere Europäer werden nach ein paar Jahren sehr hektisch: Ihre Visa-Variante zwingt den Besitzer, nach sechs Jahren die USA für mindestens ein Jahr zu verlassen.Und die tägliche Arbeit? Erfordert einiges an Umstellung: ?Teilweise kann man schon die Klischees bedienen?, sagt Lieber. ?Europäer sind in der Kommunikation zurückhaltender, Amerikaner direkter. Hier werden Dinge schnell angepackt ? und schnell wieder liegengelassen.?Vielleicht wäre es ja eine Mischung aus amerikanischer und deutscher Einstellung, die Erfolg bringen könnte. Yahoo-Vizepräsident Boerries kann sich das vorstellen: ?Den Deutschen fehlt eine positive Grundhaltung, Flexibilität, Can-do-Attitüde. Und Leichtigkeit, nicht im Sinne von Leichtsinnigkeit, sondern im Sinne von ,Sachen auf sich zukommen lassen?. Wenn man das alles paaren würde mit ein paar deutschen Tugenden wie Gründlichkeit und Beharrlichkeit ...?Eines aber genießen alle Zuwanderer aus Deutschland: die Aufgeschlossenheit der Amerikaner gegenüber neuen Geschäftsideen, besonders im Zusammenhang mit dem Internet. Die großen US-Firmen, erzählt Lieber, ?haben einen großen Respekt vor innovativen Web-Unternehmen?. Von ihren europäischen Gegenstücken lasse sich das nicht immer behaupten.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Treffpunkt der digitalen Bohéme.Jörg Lamprecht und Carlo Velten haben das am eigenen Leib erfahren. ?In Deutschland wurden wir nicht ernst genommen?, berichten die beiden Gründer des Start-ups Qitera. ?Deutsche Investoren haben gar nicht verstanden, was wir machen.? Deshalb zogen sie dorthin, wo sie mehr Verständnis erwarteten.Seit Anfang Januar erst sind Lamprecht und Velten nun in San Francisco. Sie sitzen im ?Ritual Roasters?, einem Treffpunkt der digitalen Bohème. Auf alt getrimmte Uniformjacken schlackern um gut trainierte Körper, in der Luft liegt das Selbstbewusstsein, die Zukunft zu besitzen. Lamprechts Windows-Laptop wirkt unter all den Apples wie ein Schalke-Fanschal im Borussia-Dortmund-Block. ?So ganz haben wir uns noch nicht akklimatisiert?, schmunzelt der 38-Jährige.Das Unternehmen, das die beiden gemeinsam mit einem Freund in Kassel gründeten, tummelt sich in einem Bereich, der als ?heiß? gilt: semantische Internetsuche, also die Suche anhand des Wortsinnes. Der Traum der Semantiker: Gibt ein Nutzer das Wort ?Golf? ein, erkennt die Suchmaschine, ob derjenige am Auto oder am Sport ?Golf? interessiert ist.Qitera versucht, dies mit Hilfe der Nutzer zu erreichen. Sie können jeden beliebigen Begriff mit anderen Begriffen in Verbindung setzen. Die Idee ist neu ? und das ist das Problem. ?Es gibt nichts risikoaverseres als deutsche Risikokapitalgeber?, klagt Lamprecht. In der Heimat sei allein schon Kassel als Standort ihrer Firma für Geldgeber ein Grund gewesen, nicht zu investieren. In Kalifornien sei das anders: Relativ flott bekam das Trio Termine bei möglichen Investoren, Ende Mai soll eine Finanzierungsrunde stehen.Ohne Schweiß geht so was nicht: ?Man ist eben Ausländer hier. Und Amerikaner glauben, dass alle Web-Innovationen aus Amerika kommen. Dagegen muss man ankämpfen?, sagt Lamprecht. Dann aber sei es möglich, voranzukommen: ?Man kann hier sogar mit Konkurrenten ein Bier trinken gehen. Deutsche Firmen wollen erst eine Verschwiegenheitserklärung, bevor sie mit einem reden.? Velten ergänzt: ?Deutsche horten ihre Ideen wie Eichhörnchen die Nüsse.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.04.2008