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Allein im Zentralstadion

Von Joachim Hofer
Vor vier, fünf Jahren war Michael Kölmel ganz unten, bis ihm eines der größten Comebacks der deutschen Wirtschaftsgeschichte gelungen ist. Am Sonntag hat der Kinowelt-Chef erneut Grund zu lächeln: Endlich wird sich sein großer Verlustbringer wieder richtig füllen.
Kölmel in seinem Leipziger Stadion. Foto: dpa
MÜNCHEN. Woher die gute Laune?, fragt sich, wer weiß, wie es um die Arena bestellt ist. Denn Michael Kölmel ist der Besitzer eines Stadions, dessen Sitzplätze fast immer leer bleiben.Es ist nicht einfach zu verstehen, warum sich ein promovierter Mathematiker aus Karlsruhe, der als Filmrechtehändler arbeitet, ein Fußballstadion ohne Proficlub kauft, viele Millionen investiert ? und damit auch noch glücklich zu sein scheint. Doch es ist nicht die einzige Episode im Leben des Michael Kölmel, die Außenstehenden seltsam vorkommt ? gerade deshalb lohnt es sich, den Badener einmal genauer anzuschauen.

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Szenenwechsel. Vom verlassenen Leipziger Zentralstadion in die Münchener Innenstadt, auf die bis zum letzten Platz besetzte Terrasse des trendigen Literaturhauses. Wie Kölmel da an einem der wenigen angenehm warmen Frühlingstage bei Spargel und italienischem Mineralwasser von sich und seiner Welt erzählt, da entsteht das Bild eines Unternehmers, der seine zwei Hobbys ? Filme und Fußball ? zum Beruf gemacht hat und dem eines der größten Comebacks der deutschen Wirtschaftsgeschichte gelungen ist.Der groß gewachsene Mann wirkt trotz seiner 52 Jahre jugendlich, ihm ist nicht anzusehen, dass er vor vier, fünf Jahren ganz unten war. Damals, als er mit seiner Kinowelt eine der größten Pleiten des Neuen Marktes hinlegte, galt der Mann mit der sanften Stimme aller Orten als Abzocker und Betrüger. Das war 2002, eine Zeit, als es Kölmel bis auf Seite eins der ?Bild? brachte: ?Polizei verhaftet Kinowelt-Chef?. Vier Mal hat ihn der Staatsanwalt wegen Fluchtgefahr für ein, zwei Nächte in den Knast geschickt.Doch noch einen Schritt zurück. 1984 steigt der Mann, der auf seine Gesprächspartner so sanft wirkt, zusammen mit seinem Bruder Rainer in den Filmrechtehandel ein. Später gründet er das Wirtschaftsmagazin ?Finanzen? und wird Chefredakteur von ?Börse Online?. Im Mai 1998 nutzt Kölmel als einer der Ersten die Gunst der Stunde: Er bringt die Kinowelt aufs Parkett und sammelt bei Anlegern rund 300 Millionen Euro ein.Selfmademann Kölmel und seine Medienfirma Kinowelt werden zu Börsen-Überfliegern. Doch der zurückhaltend wirkende Filmfan, der den Durchbruch mit dem Kassenschlager ?Der englische Patient? schafft, will zu rasch zu viel: Er legt sich mit den Großen der Branche an ? mit Leo Kirch und Bertelsmann.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kölmels Kalkül geht aufIm Poker um ein Filmpaket der Warner-Studios überbietet er sie. Folge: Die großen deutschen Privatsender boykottieren ihn, Kölmel bleibt auf seinen teuren Rechten sitzen. Der Vater von zwei Söhnen erinnert sich: ?Den Boykott durch Kirch und RTL hätten wir durchgehalten. Als aber die Börsen einbrachen und eine Bank ihren Kredit kündigte, war das zu viel für uns.? 2001 die Pleite: Kölmel wird wegen Untreue und Insolvenzverschleppung zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt.Dann wären da noch die Sportaktivitäten, der zweite Teil von Kölmels Leben. Über seine Firma Sportwelt beteiligt er sich Ende der 90er an unterklassigen Clubs wie Aachen und Jena. Er hofft, sie nach oben zu bringen, um dann Reibach zu machen. Als i-Tüpfelchen kauft er das Zentralstadion. Auch die Sportwelt ist kurzzeitig pleite, überlebt jedoch letztlich fast unbeschadet. Und in Leipzig investiert Kölmel Millionen, um das Stadion WM-tauglich zu machen.Zurück ins Literaturhaus. Der da ohne Punkt und Komma spricht, dass ihm der Spargel kalt wird, ist einer, der die Kurve noch einmal gekriegt hat. Schon 2003 kauft Kölmel nach langem Hin und Her die Kinowelt aus der Insolvenz zurück. Die Sparkasse Leipzig finanziert den Deal in der Hoffnung, neue Arbeitsplätze in die Stadt zu bekommen.Das Kalkül geht auf: Kinowelt zieht nach Leipzig, und mit DVD und Kinofilmen erwirtschaftet Kölmel 2005 wieder einen Umsatz von 80 Millionen und einen Gewinn von 3,6 Millionen Euro. Der Kredit der Sparkasse ist fast zurückbezahlt.In der Medienbranche ist Kölmel umstritten. Da gibt es die eine Fraktion, die den Leipzig-Pendler für einen sympathischen Filmverrückten mit gutem Riecher hält. Andere halten sein Geschäftsmodell für gut gewählt: ?Er macht das ganz richtig und nimmt die DVDs als Stammgeschäft?, sagt Dieter Frank, Chef der Bavaria Film. Nicht so wohlmeinende Wettbewerber halten Kölmel für einen gerissenen Geschäftsmann, der am Neuen Markt ein viel zu großes Rad gedreht und vor allem für die eigene Tasche gewirtschaftet hat.Kölmel selbst pendelt heute zwischen Filmmetropolen wie Cannes und Los Angeles, ist am Wochenende bei seiner Familie am Starnberger See und unter der Woche in Leipzig. Jeden Tag schaue er mindestens einen Film an, sagt Kölmel von sich selbst. In Dießen am Ammersee unterhält er ein kleines Kino, wo er die neuesten Streifen oft vor ausgewähltem Publikum testet.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Am kommenden Sonntag, 15 Uhr, hat Kölmel einmal wirklich Grund zum Lächeln Im DVD-Geschäft gehört Kinowelt zu den wichtigsten Anbietern im Lande, und auch im Kinoverleih ist die Firma eine große Nummer. ?Er will den Beweis antreten, dass sein Geschäftsmodell funktioniert?, sagt einer, der ihn seit Jahren gut kennt. ?Kölmel ist ein Besessener, der nicht ohne Filme und Fußball leben kann?, sagt ein anderer.Am kommenden Sonntag, 15 Uhr, hat Kölmel einmal wirklich Grund zum Lächeln im Zentralstadion. Wo sonst Sachsen Leipzig vor 2 500 Zuschauern in der Oberliga kickt, werden sich in der WM-Vorrunde Serbien-Montenegro und die Niederlande gegenüberstehen. Vier weitere Spiele vor jeweils 40 000 Fans folgen.?Dieses Jahr ist allein schon durch die WM erfolgreich?, sagt er. Irgendwann, davon ist er überzeugt, wird auch Sachsen Leipzig in den bezahlten Fußball aufsteigen: ?Ich bin ganz sicher, dass das in drei, vier, vielleicht auch fünf Jahren rund läuft.? Und dann wäre er wohl auch nicht mehr so oft allein im Zentralstadion.
MICHAEL KÖLMEL1954 kommt er in Karlsruhe zur Welt. Später studiert er in Göttingen Mathematik und Volkswirtschaft.1984 beginnt er mit seinem Bruder Rainer den Filmrechtehandel.1987 zieht er mit der Firma von Göttingen nach München um.1998 bringt er die Kinowelt an den Neuen Markt.1999 gründet er die Sportwelt.2000 beteiligt sich die Münchener Rück an Kinowelt. Kölmel erhält den Zuschlag für den Umbau und den Betrieb des Zentralstadions.2001 ist Kinowelt pleite. Zwei Jahre später übernehmen er und sein Bruder Kinowelt aus der Insolvenzmasse.2006 kauft er die Mehrheit am Rivalen Intertainment.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.06.2006