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Alle wollen nur Ihr Bestes

Georg M. Oswald
Sind wir uns schon mal über den Weg gelaufen? Nein? Sicher nicht? Na, mag sein. Obwohl ich wetten würde, dass wir uns schon begegnet sind. Jedenfalls ist das hier ja so etwas wie mein Vorstellungstermin. Bei Ihnen.
Sind wir uns schon mal über den Weg gelaufen? Nein? Sicher nicht? Na, mag sein. Obwohl ich wetten würde, dass wir uns schon begegnet sind. Jedenfalls ist das hier ja so etwas wie mein Vorstellungstermin. Bei Ihnen.

Vorstellungsgespräche sind ja meistens sehr einseitig. Der Bewerber sitzt da, die Hosen voll, und wer redet ununterbrochen? Der Personalfritze, Abteilungsleiter oder Firmenchef, wer einem eben gerade Wichtiges gegenübersitzt. Und irgendwann heißt es dann Ja oder Nein. Natürlich wird das nicht so gesagt, sondern "Wir sollten es miteinander versuchen" oder "Wir melden uns". Und dabei hatte man sich so gut vorbereitet, und nur das Wenigste konnte man unterbringen.

Meine Güte, wo hab' ich mich nicht schon überall vorgestellt. Offen gestanden, die besten Jobs habe ich an Land gezogen, indem ich wenig redete. Ja, Sie lachen, weil Sie denken, "Bei dem Mist, den der von sich gibt, kein Wunder". Aber ist es nicht so? Je weniger man preisgibt, desto mehr können sich die für die Auswahl eines neuen Mitarbeiters Verantwortlichen unter einem vorstellen. Und ums Vorstellen geht es ja gerade.

Die besten Jobs von allen


Ihre zukünftigen Vorgesetzten wollen sich unter Ihnen nämlich etwas ganz Bestimmtes vorstellen, etwas, das ihnen nützlich ist, etwas, das ihnen Profit bringt und das sie wenig kostet. Sie wollen sich vorstellen, dass Sie ausgeschlafen sind, hochqualifiziert, Leistung bringen um jeden Preis ­ das heißt für einen möglichst günstigen.

Nehmen wir an, Sie wollten den Job wirklich haben ­ und das wollen Sie doch ­, glauben Sie da, es wäre gut, wenn Sie die Wahrheit sagten?

Die Wahrheit ist doch, dass Sie sich nur halb so brennend für ihren angeblichen Traumjob interessieren, wie Sie es sich in diesem Moment vielleicht einbilden. "Nein!", werden Sie empört ausrufen. "Ich bin ein hoch motiviertes, hervorragend ausgebildetes Mitglied dieser Gesellschaft, die auf jemanden wie mich nicht verzichten kann." Das ist gut, das ist sogar sehr gut. Aber erwarten Sie nicht, dass Ihnen das irgendjemand glaubt. Darauf kommt es auch gar nicht an, denn Ihr neuer Arbeitgeber will wirklich nur Ihr Bestes ­ und Sie können sich darauf verlassen, dass er es bekommt.

"Ach ja, Herr Thomas Schwarz, ist das hier vielleicht der Ort, an dem Sie schlechte Laune verbreiten sollen? Was tun Sie eigentlich?", höre ich Sie fragen.

Nun, das ist eine andere Geschichte, was nicht heißen soll, dass ich sie für mich behalten werde. Darf ich mich vorstellen? Thomas Schwarz, ehemals stellvertretender Leiter der Abteilung Abwicklung und Verwertung bei einer sehr großen Bank. Gefeuert von einer gnadenlosen Abteilungsleiterin, der ich in die Quere gekommen bin, heute ­ nach einigen Umwegen ­ Vorstandsvorsitzender eines Startups. Hier meine Karte: "TS Consulting AG ­ Insolvenzen aller Art". Hübsch, nicht? Hinten drauf mein Motto: "Bankruptcy is an adventure!"

Das nennen Sie zynisch? Nicht doch. Ich denke positiv. Das sollten Sie auch tun. Ich hätte es nicht bis zum Vorstandsvorsitzenden gebracht, hätte ich nicht immer daran geglaubt, es schaffen zu können. Okay, derzeit ist mein Unternehmen eine Ein-Mann-AG, und das Grundkapital, das Monat für Monat dahinschmilzt wie Schnee in der Sonne, stammt ­ nun, jedenfalls habe ich es nicht ehrlich verdient. Aber, Hand aufs Herz, kennen Sie jemanden, der durch das, was man früher "ehrliche Arbeit" zu nennen pflegte, reich geworden ist? Ich nicht.

Ein wenig unternehmerische Fantasie muss schon beweisen, wer es zu etwas bringen will. Ein bisschen mehr als die anderen muss man sich schon vorstellen können, nicht? Und das ist es doch, was Sie ­ und ich auch ­ wollen, "ein bisschen mehr als die anderen".

Bei einem Vorstellungsgespräch nämlich, um zum Thema zurückzukommen, ist das alles, was zählt. Wenn überprüft wird, ob Sie für die Stelle taugen, für die Sie sich beworben haben, will niemand wissen, ob Sie gute Noten hatten, auch wenn man Ihnen das sagt. Entscheidend ist, ob Sie den richtigen Biss haben.

Doch was ist das, der "richtige Biss"? Ein ordentlicher Charakter ist wichtig. Könnten Sie, wenn es darauf ankommt ­ und es wird darauf ankommen ­, Entscheidungen gegen Ihre Überzeugung mittragen, ohne dabei aufzufallen? Ihren besten Freund verraten, ohne sich dabei mit einem schlechten Gewissen aufzuhalten? Genau das Gegenteil von dem tun, was Sie für richtig halten, wenn es von Ihnen verlangt wird? Mit einem Wort ­ haben Sie einen Sinn für Sachzwänge?

Na, wenn nicht, ist immer noch nicht aller Tage Abend. Dann kommen Sie einfach zu mir, TS Consulting AG, "Bankruptcy is an adventure".

Haben wir uns wirklich nicht schon mal irgendwo gesehen? Wir treffen uns noch mal, da bin ich ganz sicher.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2001