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Alle Wege führen zur Mode

Petra Carli | Martin Roos
Fotos: Guido Clerici; Kristensen/Laif; Guiseppe Mastrullo/Neri
Mailand ist Inbegriff von Erfolg, Leistungsdruck und Chancen zugleich. Die Stadt am Fuß der Alpen lebt mit ihren über 1,3 Millionen Einwohnern ein Tempo vor, das weit über den Rhythmus anderer mitteleuropäischer Zentren hinausgeht. Sie ist Italiens größtes Industrie-, Messe- und Handelszentrum.
Die Arbeitslosenquote liegt seit Jahren bei etwa sechs Prozent - eine Rekordzahl für Italien. Im Süden sind es bis zu 23 Prozent. Fast alle großen, internationalen Konzerne haben ihren Sitz oder zumindest ein Büro in der Stadt, darunter Alcatel, Microsoft, Olivetti, Cap-Gemini, Apple oder Oracle. Knapp 200 ausländische Unternehmen gibt es in Mailand, 40 davon sind Banken. Aus Deutschland kommen 35 Unternehmen. Bei Bayer, BASF, Siemens oder Bosch haben vor allem Ingenieure, Industriemechaniker und Sekretärinnen gute Einstellungschancen. Siemens etwa hat von Oktober 2000 bis Juni 2001 in Mailand 600 neue Stellen geschaffen.

Ein großes Jobpotenzial bieten auch die italienischen Verlagshäuser. 90 Prozent der Verlage haben ihre Redaktionen in Mailand - für Zeitungen, Magazine und Fernsehen. Allen voran TV-Mogul Silvio Berlusconi. Sein TV-Unternehmen "Mediaset" beschäftigt hier 4.500 Mitarbeiter.

Die besten Jobs von allen


Etwa 1,2 Millionen Menschen sind im Großraum Mailand in der Modebranche beschäftigt. Zu den Unternehmen zählen nicht nur Hersteller, sondern auch Zulieferer, Boutiquen, Geschäfte und Fotoagenturen. Die Branche erwirtschaftet ein Drittel des Bruttosozialprodukts der Stadt.

Etwa 3.540 Personen arbeiten in Mailand als Designer. Die meisten Beschäftigten der Modebranche verdienen ihr Geld in Marketing, Verkauf und Vertrieb.

Der Bedarf der Unternehmen an Betriebswirten ist groß. Auf diesen Mangel hat nun auch Mailands Eliteuniversität Bocconi reagiert: Ab Januar 2002 hat sie das zweijährige Masterprogramm Fashion Management in englischer Sprache im Lehrangebot.

Das Hirn der italienischen Modeindustrie ist Mailand", sagt Vittorio Giulini, Präsident der Vereinigung der Modeunternehmen "sistema moda italiana" (smi). Seine Organisation hat in diesem Jahr fast 100 Millionen Mark erwirtschaftet.

Dass Mailand mit Mode so erfolgreich ist, führt Giulini auf die günstige geographische Lage der Stadt zurück: Como, 30 Kilometer nördlich der Stadt, ist das "Seidenherstellungszentrum Europas schlechthin". Die Region Venetien im Westen sei stark im Stoff- und Strumpfmetier, die Emilia Romagna im Südwesten das Paradies für Strickwaren, Florenz im Süden für Leder und Biella im Osten für Wolle. "Alle diese Produkte finden schnell ihren Weg nach Mailand. Bei uns gibt es nichts, was es nicht gibt."

Mailands Modewelt hat sich in den vergangenen acht Jahren zu einer Industrie gemausert, die auch in andere Branchen eindringt - beispielsweise Giorgio Armani. Er entwirft und verkauft inzwischen nicht mehr allein nur Kleidung, sondern stellt auch eigene Schmuck-, Geschirr- und Parfümartikelkollektionen her.

"Außerdem versuchen sich immer mehr Designer in der Gastronomie", erklärt Vittorio Giulini. Armani zum Beispiel besitzt weltweit eine Reihe eigener Bars und Restaurants.

Sehr gefragt sind in Mailands Modebranche Fachleute, die Detailarbeit leisten. "Die Informatik ist so stark in das Modebusiness eingedrungen, dass selbst Designer nicht mehr allein mit dem Bleistift, sondern auch mit der Maus arbeiten müssen", sagt Giulini.

Wer also sattelfest im Computerbereich ist, hat Vorteile bei der Jobsuche. Aber: "Neben guten Informatikkenntnissen sind vor allem ästhetische Sensibilität und Neugier auf die Kultur und die Gesellschaft, die uns umgibt, wichtig", meint Giulini. "Bei uns ist Mode nicht nur ein Geschäft, sondern auch eine Lebensform."
Dieser Artikel ist erschienen am 19.10.2001