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Alle mögen ?Ossi?

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Der Chef der Credit-Suisse-Gruppe, Oswald Grübel, plant den vierten Umbau des Schweizer Finanzkonzerns.
ZÜRICH. ?Manager?, sagt Oswald Grübel mit seiner tiefen, raumfüllenden Stimme, ?sind Menschen. Sie wollen auch gelobt werden.? Dann verzieht er das Gesicht, die Augen hinter der runden Brille werden noch schmaler, über die Stirn legen sich Falten, und sein Grinsen wirft Spott auf sich und seine Zuhörer. Aber bitte: Seitdem Grübel die zweitgrößte Schweizer Bank Credit Suisse Gruppe (CSG) allein leitet, ist deren Kurs deutlich gestiegen. Die Märkte mögen ?Ossi?, wie ihn Vorstandskollegen nennen.Das liegt zuallererst daran, dass der Deutsche mit der massigen Statur alles andere als ein Schöngeist ist. Smalltalk hasst er. ?Meine Therapie?, sagt er, unterbricht den Satz durch ein Räuspern, das er immer wieder als Denkpause nutzt, um dann druckreif sprechen zu können, ?meine Therapie ist das Geschäft.? Und das Geschäft besteht im Geldverdienen. So einfach ist das.

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Er selbst versteht etwas davon. Sein Privatvermögen wird auf eine dreistellige Millionensumme geschätzt. In seiner Kommandobrücke am Züricher Paradeplatz flackern die Börsenbildschirme. ?Ich will den Markt fühlen?, sagt er. ?Gewinne lösen bei ihm noch immer rauschähnliche Gefühle aus?, glaubt ein Mitarbeiter.Es soll aber vorkommen, dass sich der 61-Jährige auch Gedanken darüber macht, welches der beste Weg für seine Bank zum Geldverdienen ist. Das Ergebnis, das er in der vergangenen Woche vorstellte, ist die Konzentration der Credit Suisse Gruppe auf sich selbst. Das Nebeneinander der New Yorker Investmentabteilung Credit Suisse First Boston (CSFB) und des Züricher Kerngeschäfts will Grübel beenden.Er zieht damit einen Schlussstrich unter eine Entwicklung, die in einer Doppelspitze ? Grübel in Zürich und der Amerikaner John Mack an der Spitze der Investmentbank ? ihre absurde formale Entsprechung gefunden hatte. Mitte dieses Jahres kam es zum Bruch zwischen Mack und dem Verwaltungsrat der Bank. Der Amerikaner wollte die Schweizer Großbank an die Weltspitze führen und setzte sich daher unter anderem für eine Fusion mit der Deutschen Bank ein. Als er damit nicht durchdrang, verließ er in diesem Sommer die Bank. Dem Verwaltungsrat war ein bodenständiger Grübel lieber als ein ehrgeiziger Mack.Seitdem wird wieder umgebaut bei der Credit Suisse. Seither steht auch der Name ?First Boston? zur Disposition. Es hätte etwas Symbolisches, ihn abzuschaffen. Dass diese Entscheidung noch auf sich warten lassen wird, macht ein Vorstandskollege klar: ?Der Ossi weiß: Mit Symbolik verdienst du kein Geld.?Beobachter unken inzwischen, dass das ?G? im Markennamen CSG, das eigentlich für ?Gruppe? steht, in Wahrheit ?Grübel? bedeutet. Der Mann stilisiert sich selbst zur Marke: Das Haar stets aalglatt und nur im Nackenansatz lockig nach hinten gekämmt. Die Antworten immer angriffslustig. Die Sätze wie gestanzt und oft gewürzt mit etwas Managerphilosophie, die sein dröhnendes Selbstbewusstsein erträglich macht: Das größte Problem sei es, sagt Grübel, ?sich selbst gegenüber die Wahrheit einzugestehen?. Vor zwei Jahren strich er die Weihnachtsfeier, weil er die Wahrheit über die Bilanzen der Credit Suisse erkannt hatte. Den Umbau, den er nun vornimmt ist der vierte in sechs Jahren. Da braucht es schon Selbstbewusstsein, um zu behaupten, dass danach alles besser wird. Als ehemaliger Skispringer und Bankchef, der auf Umwegen an die Spitze gelangte, kennt Grübel die Fallhöhe, die seine Aufgaben mit sich bringen, genau. ?Wenn Sie oben auf der Schanze stehen, sieht der Landepunkt sehr gefährlich aus?, weiß er.Als oberster Herr über das Private Banking hatte er sich bereits Ende der neunziger Jahre Hoffnungen auf den Chefsessel bei der Großbank gemacht. Seine Leistungen sind imponierend, mit 2,3 Milliarden Franken Reingewinn in seinem Bereich stellt er 2001 alle anderen Sparten in den Schatten. Als ihm der amtierende Chef, Lukas Mühlemann, die Anerkennung versagt, zieht Grübel die Konsequenz: Er kündigt. In den Zeitungen erscheinen bereits Nachrufe auf den Frühpensionär.Aber er gibt nicht auf. ?Man ist so froh, unten zu sein, egal wie, dass man es gleich noch einmal macht?, sagt der Skispringer. Ein Jahr später in der Krise, als die Bank mit hohem Verlust abschließt, kommt er zurück. Der verlorene Sohn wird mächtiger als je zuvor. Auch John Mack, den sie an der Wall Street wegen seiner scharfen Personalpolitik ?Mack the knife? nennen, wetzt das Messer vergeblich.Seit Mack gegangen ist, redet Grübel, wenn er es für angebracht hält, Klartext. Die Versicherungstochter Winterthur ist nur noch eine Finanzinvestition. Jetzt soll sie an die Börse gehen. Das Investment-Banking laufe unbefriedigend, es wird nicht länger ein Eigenleben führen. Dass er damit nachmacht, was die ewige Konkurrenz vom Paradeplatz, die UBS, vor Jahren vollzogen hat, lässt Grübel unkommentiert.Und acht Milliarden Franken Gewinn will er im Jahr 2007 erreichen. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres waren es nur 4,7 Milliarden Franken. Damit legt er die Messlatte hoch. Erreicht er das Ziel, hat er Lob verdient.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2004