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Alexej Mordaschow: Putins Streber

Von Mathias Brüggmann
Mit dem Segen des Kremls wird Severstal-Eigner Alexej Mordaschow wichtigster Mann beim neuen Stahlgiganten Arcelor. Für die Fusion mit seiner Severstal, die Arcelor davor bewahren soll, vom indischen Konkurrenten Mittal Steel geschluckt zu werden, bekommt er aber nur 32 Prozent am neuen Konzern. Lange wird ihm das nicht reichen. Er will mehr.
Severstal-Eigner Mordashov will auch bei Arcelor die Macht. Foto: ap
MOSKAU. Wer künftig der Herr beim weltgrößten Stahlkocher sein wird, demonstriert Alexej Mordaschow mehr als deutlich: er selbst. Neben ihm sitzen die zwei grauhaarigen Herrscher von Europas größtem Stahlkonzern Arcelor, Aufsichtsratschef Joseph Kinsch, 73, und Vorstandschef Guy Dollé, 63. Die sind nicht nur eine Generation älter als der 40-jährige Multimilliardär. Der Eigner von Russlands drittgrößtem Stahlhersteller Severstal lässt die Grandseigneurs der europäischen Stahlbranche auch alt aussehen, als sie zu dritt in Moskau ihren 13-Milliarden-Euro-Deal verkünden. Bei der Präsentation der 13-Milliarden-Euro-Fusion von Arcelor und Severstal zum größten Stahlhersteller der Welt lässt der Russe mit der Elvis-Föhntolle seine Gäste kaum zu Wort kommen.Zukaufen will er, ?wo auch immer wir attraktive Möglichkeiten sehen?. Russland, China, Brasilien oder Indien kann er sich vorstellen. Und er wird politisch: Mit der Fusion ?beweisen wir Russen, dass wir voll gleichberechtigt in die Weltwirtschaft gehören und dass wir in der Lage sind, die größten Konzerne der Welt zu bilden?. Dieser Satz mit seinem nationalen Vibrato könnte auch von Russlands Präsidenten Wladimir Putin stammen ? Mordaschows Förderer.

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Das alles klingt nicht danach, als wolle sich Mordaschow mit der Rolle des Juniorpartners abfinden. Für die Fusion mit seiner Severstal, die Arcelor davor bewahren soll, vom indischen Konkurrenten Mittal Steel geschluckt zu werden, bekommt er nur 32 Prozent am neuen Konzern. Lange wird ihm das nicht reichen. Kaum ist der Pressetermin zu Ende, diktiert Mordaschow einem Reporter der kremltreuen Nachrichtenagentur Interfax in den Block, 45 Prozent wolle er bald an Arcelor halten. Damit ginge gegen Alexej Mordaschow nichts mehr bei Arcelor. Wer übernimmt hier eigentlich wen?Den Arcelor-Herren bleibt da nur, tapfer zu bleiben. Aufsichtsratschef Kinsch sagt, dass ?wir keine Angst haben vor unserem russischen Partner und der nicht vor uns?. Schließlich sei vereinbart, dass es auf vier Jahre keine Änderungen im Top-Management und den Beteiligungsverhältnissen bei Arcelor geben werde. Was sind schon vier Jahre? Mordaschows Auftritt wirkt wie eine Demonstration ? dafür, dass spätestens nach dem Abtritt der beiden bisher starken Männer bei Arcelor er allein die Führungsrolle spielen will. Und dass das auch eine politische Mission ist, daran lässt Mordaschow ebenso wenig Zweifel: ?Russische Aktionäre werden künftig bei Arcelor ernsthaften, wenn nicht dominierenden Einfluss haben?, sagt er gleich zu Beginn der Pressekonferenz.Der Präsident im Kreml wird das gern hören. ?Wladimir Putin hat lange erkannt, dass Macht mehr ist als das Geklingel mit Atomraketen, sondern auch wirtschaftliche Vormachtstellung bedeutet?, sagt ein Kremlmitarbeiter. Das lebe Putin mit der Europa-Expansion des staatlich kontrollierten Gasgiganten Gazprom schon längst vor. Nun also Stahl.Dass Russlands Präsident Mordaschows Arcelor-Deal abgenickt hat, bleibt beim Stahlmagnaten kein Geheimnis: ?Wir haben natürlich die interessierten Seiten konsultiert, und man brachte uns Verständnis und Unterstützung entgegen?, sagt der Severstal-Boss. Wenige Tage zuvor hatte Mordaschow Putin noch in dessen Schwarzmeer-Residenz in Sotschi besucht, gesichert von Kampftauchern im Meer und Kreuzern vor der Küste. Man kennt sich, man hilft sich. Als Russlands letzter freier Fernsehsender Ren-TV dem Kreml zu kritisch wird, kauft ihn Mordaschow ? zusammen mit seinem Minderheitspartner Bertelsmann.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der brave Oligarch.Doch auch wenn Alexej Mordaschow wie viele andere Großunternehmer in Russland die Nähe zu den Polit-Mächtigen pflegt: Er ist der etwas andere ?Oligarch?. Keine Koks-Exzesse wie in der Familie des gestürzten Boris Beresowskij, keine Ski-Sause zum Geburtstag wie bei Nickel-König Wladimir Potanin. Zu tief sitzt die Erinnerung an die Kindheit. ?400 Gramm Wurst und 200 Gramm Butter pro Kopf und Monat ? das war die ganze Freude. Meine erste Jeans bekam ich in der 9. Klasse und habe sie sehr lange geschont?, hat Mordaschow mal erzählt. Heute ist er mit einem Privatvermögen von 8,5 Milliarden Dollar laut US-Magazin ?Forbes? der siebtreichste Russe.Abgehoben hat er dennoch nicht. Aufgewachsen in Tscherepowez, 600 Kilometer nördlich von Moskau, holen die Eltern ihr einziges Kind auch ins ?Werk?, wie alle den Schmelz- und Walzriesen nennen, der alles in der Stadt dominiert. Doch nicht an den Hochofen zieht es den Jungen, sondern in die Finanzabteilung. Mordaschow paukt sich hoch. Im Westen würde man ihn Streber nennen: Lauter Einser in der Schule, Lenin-Stipendium beim Wirtschaftsstudium in St. Petersburg, mit 27 Jahren wird er Finanzdirektor im ?Werk?. Dann scheiden sich die Geister. Mordaschows Version: Er habe 1993 im Auftrag des alten Generaldirektors ? ?Du denkst ökonomisch am schnellsten?, habe der zu ihm gesagt ? ein Handelshaus gegründet, das den Stahl verkauft und dafür firmeneigene Aktien im Rahmen der Privatisierung angehäuft habe. Werksangehörige sehen das weniger romantisch: ?Er hat dann auf einmal gesagt: ,Übrigens, ich bin jetzt der Mehrheitsgesellschafter?.? Am Ende gehören ihm 89,6 Prozent von Severstal.Wie strebsam der Mann ist, den russische Medien einst als ?Provinz-Kapitalisten? verspotteten, zeigt auch sein Werdegang: Wie Putin einst in Dresden beim KGB lernt auch Mordaschow Deutsch, um nach Österreich zu dürfen. Später bringt ihm sein gutes Deutsch den Co-Vorsitz mit Ostausschuss-Chef Klaus Mangold in der deutsch-russischen strategischen Arbeitsgruppe ein. In seinem von gemalten Birkenlandschaften dominierten Büro in der Moskauer Villa des Konzerns hängt eine große Weltkarte. Mordaschow ist noch lange nicht satt.
Alexej Mordachow1965 wird er in der Stahlstadt Tscherepowez, 600 Kilometer nördlich von Moskau, geboren.1988 kommt ver om Wirtschaftsstudium aus dem damaligen Leningrad in die Heimatstadt zurück ? mit junger Frau und gerade geborenem Sohn. Er wird Chefökonom der Reparatur-Einheit Nummer 1 beim Stahlkombinat Severstal.1994 wird er Finanzvorstand von Severstal.1996 steigt er zum Generaldirektor auf. Zwei Jahre später bekommt er sein erstes westliches Auto, einen Audi. Seit 2000 wird er im Mercedes chauffiert; seither hat er auch Leibwächter und ein eigenes Haus.2004 macht er die Übernahme des viertgrößten, bankrotten US-Stahlkonzerns Rouge Industries perfekt.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.05.2006