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Alexander Wüerst: Neuer Mann mit alten Werten

Von Caspar Dohmen
Alexander Wüerst ist seit dem 1. Februar der neue Chef der Nummer drei im Sparkassenlager, der Kreissparkasse Köln. Er verteidigt die Philosophie der Regionalbank.
KÖLN. Schwungvoll erklimmt Alexander Wüerst die 17 Stufen, dann blickt er in mehr als tausend Gesichter der fast voll besetzten Kölner Philharmonie, darunter viel Prominenz: Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), NRW-Finanzminister Helmut Linssen (CDU), Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), Intendant Fritz Pleitgen, Olympia-Funktionär Thomas Bach sowie hunderte Vertreter der Sparkassenfamilie. Wüersts Auftritt ist planmäßig kurz. Noch spielt nicht er die Hauptrolle, noch hat diese wie selbstverständlich sein bundesweit bekannter, noch wenige Tage amtierender Vorgänger Hans-Peter Krämer inne, der an dem Samstagvormittag geehrt wird. ?Einer Sparkasse geht es gut, wenn es der Region gut geht?, nimmt Wüerst einen Leitspruch Krämers auf, dann tritt er zu den Klängen von Mozarts ?Capella Augustina? letztmals in den Schatten der Sparkassenikone.Wenige Tage später in Wüersts nüchtern eingerichtetem Büro am Kölner Neumarkt. Der 44-Jährige spinnt den Gedanken von der Abschiedsfeier Krämers weiter: ?Die Rendite eines Unternehmens sollte die Konsequenz unternehmerischen Handelns sein, kein Selbstzweck.? Dabei signalisiert ein Bildschirm, über den die Börsenkurse laufen, Wüersts Passion für den Kapitalmarkt. Der Banker läutet den Generationswechsel an der Spitze der großen Sparkassen ein. Seit 1. Februar ist Wüerst Chef der Nummer drei im Sparkassenlager.

Die besten Jobs von allen

Der Aufstieg des passionierten Dauerläufers, der frühmorgens mit seinem Hund joggt, gleicht mehr einem Spurt. Beobachter hatten auf Vizechef Josef Hastrich als kommenden Macher gewettet. Angeblich hatte der ehemalige Chef der Siegburger Sparkasse bei der Fusion mit der Kreissparkasse Köln die entsprechende Zusage erhalten. Doch dann macht sich Übervater Krämer in den Gremien für Wüerst stark, den schlanken Manager mit grau meliertem Haar, der erst zwei Jahre zuvor in den Vorstand gekommen ist. Krämer setzt seinen Willen durch, die Regionalpolitiker im Verwaltungsrat wählen Wüerst einstimmig. Damit rückte erneut ein parteiloser Chef an die Spitze der Bank, deren Geschäftsgebiet so groß wie das Saarland ist.In einem Bonner Beamtenhaushalt aufgewachsen, heiratet Wüerst früh. Seine beiden Kinder sind heute erwachsen. So bleibt Wüerst viel Zeit, um sich auf seine neue Aufgabe zu konzentrieren.Er ist Realist. Er sieht die Haushaltsnöte vieler Kommunen. Was wäre, wenn Städte und Landkreise ihre Anteile an den öffentlich-rechtlichen Instituten versilbern könnten? Die klamme Finanzlage gilt als wichtigste Ursache für die aktuelle Diskussion über ein neues Sparkassengesetz an Rhein und Ruhr. Als größtes Übel machen die Sparkassen die Einführung von Stammkapital aus, was der hessische Ministerpräsident Roland Koch plant. Damit würden die Sparkassen handelbar ? und verkäuflich. Aber inzwischen warnen davor auch alle kommunalen Spitzenverbände.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wüerst, das lupenreine Sparkassengewächs?Sie sehen den möglichen Schaden für ihre Kommunen?, sagt Wüerst. Schon heute füllen Sparkassen Lücken im wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Bereich. ?Sie tun häufig Dinge, welche die Kommunen sich nicht mehr leisten können?, wirbt der Banker für Sparkassen öffentlicher Prägung, über deren Reform auch in Nordrhein-Westfalen heftig gerungen wird.Dabei perlt die berechtige Kritik vieler Kommunalpolitiker an unzureichenden Ausschüttungen an den Kölnern ab. Schließlich zahlen sie regelmäßig. Wie viel, rechnet Landrat und Verwaltungsratschef Werner Stump in der Philharmonie vor. In 15 Jahren erhielten die 42 Kommunen abgesehen von Steuern 55 Mill. Euro an Ausschüttungen plus 23 Mill. Euro Spenden. ?Darum werden wir andernorts beneidet?, sagt Stump.Keine Frage, Wüerst ist als lupenreines Sparkassengewächs ein überzeugter Anhänger des Drei-Säulen-Modells mit dem Nebeneinander von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und privaten Banken. Maßlos regen ihn dabei Gemeinplätze auf, die Verfechter von säulenübergreifenden Fusionen oder einer Privatisierung der Sparkassen aufgreifen. ?In Deutschland gibt es keinesfalls zu viele Banken?, sagt der Vorstandschef und präsentiert eine Studie. Mit 26 Bankfilialen je tausend Einwohner liege Deutschland im Mittelfeld in Europa. In den Niederlanden gebe es 28, in Dänemark 37 und in Österreich gar 97 Filialen. In solchen Momenten blitzt bei dem gut munitionierten Mann Kampfeslust auf ? die er noch brauchen wird, wenn er in die öffentliche Manege von Politik und Medien einsteigt, um seine bedrohte Sparkassenwelt zu verteidigen.Beim Einsatz für gemeinwohlorientierte Sparkassen hofft Wüerst auf Rückenwind durch einen Paradigmenwechsel: weg vom Mainstream der Shareholder-Value gesteuerten Unternehmensphilosophie hin zur stärkeren Wertschätzung nachhaltiger Unternehmensphilosophien.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Renaissance der BeratungAnders als die vom Kreditgeschäft geprägte abtretende Führungsgeneration der Sparkassen ist Wüerst ein Kapitalmarktprofi; sein Talisman sind Manschettenknöpfe in Form von Bulle und Bär. Er hat das erste Rating der Kreissparkasse durch die Agentur Moody?s vorbereitet, ebenso wie Anleihen. Gerade seine Erfahrung auf diesem Gebiet stimmen ihn zuversichtlich, dass Aktionärsinteressen nicht allein die Entwicklung des Bankwesens dominieren werden. ?Es gibt immer mehr Fonds, die auf eine nachhaltige Entwicklung auch im sozialen oder ökologischen Sinne setzen, gerade in den USA. Sie sind oft erfolgreicher?, sagt Wüerst, der bei der Sparkasse selbst einen solchen Fonds für die rund tausend kirchlichen Investoren ins Leben rief. ?Dies war ein Traum von mir?, sagt er ein wenig schwärmerisch.Gelassen blickt Wüerst den betriebswirtschaftlichen Herausforderungen entgegen. Er ist zuversichtlich, die führende Rolle in der Region zu verteidigen. Den Angriff der Direktbanken hält der ehemalige Handballspieler, der erst als Dreißigjähriger beim Verein Oberkassel das Handtuch warf, für pariert. Ohnehin erwartet er eine Renaissance der Beratung. ?In einer immer komplexeren Welt suchen viele Verbraucher eine persönliche Beratung?, sagtWüerst und verweist auf seine eigenen Erfahrungen beim Einkaufen: ?Ohne Beratung verstehe ich keinen digitalen Fotoapparat.?
Öffentlich redlichProfitabel
Sparkassen gehören seit Jahren zu den rentabelsten Instituten. Die Eigenkapitalrendite betrug 2004 im Schnitt neun Prozent. Etwas besser waren mit 10,2 Prozent die Genossenschaftsbanken, deutlich schlechter die Großbanken mit minus vier Prozent.
Spendabel
2004 erhöhten die Sparkassen ihre Ausgaben für gemeinnützige Aufgaben um ein Fünftel auf 353 Mill. Euro. Zudem stieg die Zahl der Stiftungen auf mehr als 600. Die Stiftungen sind mit einem Kapital von mehr als einer Mrd. Euro ausgestattet. Sparkassen gehören in vielen deutschen Regionen zu den größten Arbeitgebern und Steuerzahlern.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.02.2006